Das Handlungsprogramm

Viele Ziele der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt werden ohne zusätzliche Anstrengungen nicht erreicht werden können. Die neue Initiative des BMUB macht deutlich, in welchen Handlungsfeldern die größten Defizite bestehen und bis zum Jahr 2020 verstärkte Anstrengungen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt von welchen Akteuren gefordert sind. Es werden zehn prioritäre Handlungsfelder definiert und insgesamt 40 vordringliche Maßnahmen beschrieben.

Handlungsfelder mit direktem Bezug zu Ökosystemen

Handlungsfeld I
Äcker und Wiesen - Kulturlandschaft für Mensch und Natur

Mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Die biologische Vielfalt ist in hohem Maße von der Art der Bewirtschaftung abhängig, daraus resultiert eine entsprechend hohe Verantwortung der Landwirtschaft. In den letzten zehn Beobachtungsjahren (2001 – 2011) hat sich die Artenvielfalt und Landschaftsqualität im Agrarland deutlich verschlechtert. Das zeigt ein alljährlich ermittelter Indikator, der auf den bisher tiefsten Wert abgesunken und weit vom Zielwert entfernt ist. Das ist ein ernst zu nehmendes Signal dafür, dass sich in der Landwirtschaftspolitik und bei der Agrarförderung dringend etwas ändern muss, wenn wir den Verlust der biologischen Vielfalt in der Kulturlandschaft stoppen wollen.

„Die Verursacher des Rückgangs der biologischen Vielfalt tun schlicht zu wenig, um die negativen Auswirkungen auf die Natur zu verringern. Solche Defizite sind nicht hinnehmbar.”
Barbara Hendricks
Handlungsfeld II
Küsten und Meere - Mehr als eine Wirtschaftszone

Rund ein Drittel der marinen Organismen in Nord- und Ostsee sind in ihrem Bestand gefährdet und es sieht schlecht für sie aus, wenn nicht endlich alle Akteure an einem Strang ziehen. Die Hauptursache für die bedenkliche Situation liegt in schädlichen Fischereipraktiken und in der Überfischung der Meere. Außerdem gibt es im Meer eine Vielzahl von weiteren Nutzungen, über und unter Wasser. Die kumulativen Auswirkungen dieser Nutzungen auf die Natur machen immer mehr Probleme.

Handlungsfeld III
Auen - Dem Leben zwischen Wasser und Land mehr Raum geben

Naturnahe Auen sind in Deutschland selten geworden. Fast überall wurde den Flüssen ein enges Korsett angelegt, und die Funktionen der Auen wurden erheblich eingeschränkt. Nur 10 Prozent der Flussauen sind noch ökologisch intakt. Auen als grüne Infrastruktur sind auch für die Hochwasservorsorge von entscheidender Bedeutung. Es muss deutlich mehr getan werden, um die Auen als natürliche Räume zum Ausgleich von Wassersstandsschwankungen und als Lebensraum für viele seltene Tier- und Pflanzenarten sowie für Auwälder, die nur hier existieren können, zurück zu gewinnen.

Handlungsfeld IV
Wälder - Forstwirtschaft im Einklang mit der Natur

Etwa ein Drittel der Fläche Deutschlands ist bewaldet. Wälder sind für viele Menschen wichtige Erholungs- und Erfahrungsräume. Viele Tier- und Pflanzenarten sind auf naturnahe und strukturreiche Wälder als Lebensraum angewiesen. Es gibt jedoch nur wenige Wälder, die vom Menschen nicht oder wenig beeinflusst sind, der überwiegende Teil der Wälder wird forstwirtschaftlich genutzt. Um Wälder im Sinne des Naturschutzes zu entwickeln, braucht man Zeit! Die Menschen erwarten, dass in Wäldern im Besitz der öffentlichen Hand die Bedeutung der Wälder für Mensch und biologische Vielfalt in besonderer und vorbildlicher Weise wahrgenommen und umgesetzt wird.

Handlungsfeld V
Wildnis - Freiheit für das Abenteuer Natur

Gebiete, in denen Natur wirklich Natur sein darf, sind selten in Deutschland, viel zu selten. Gerade 0,6 Prozent der Fläche unseres Landes kann man aktuell als großflächige Wildnis- oder Wildnisentwicklungsgebiete bezeichnen. Nur dort können natürliche Prozesse ganz unbeeinflusst von menschlichen Eingriffen in langen Zeiträumen ablaufen, können Menschen erleben und erforschen, wie sich eine Natur ohne Nutzungen entwickelt und aussieht, ist Platz für große wildlebende Tierarten wie den Luchs. Ein reiches Land wie Deutschland sollte deutlich mehr tun, um diesen Schatz der Wildnis zu vermehren.

Handlungsfeld VI
Schutzgebiete, Natura 2000 und Biotopverbund - Lebens-Räume und Lebens-Wege für Tiere und Pflanzen

Deutschland bietet für viele wildlebende Tier- und Pflanzenarten keine günstigen Lebensbedingungen. Nur weniger als ein Drittel der Lebensraumtypen ist in dem von der EU geforderten günstigen Erhaltungszustand, mehr als zwei Drittel weisen einen ungünstigen Erhaltungszustand auf. Die Gründe sind seit langem bekannt, sie liegen in den intensiven Nutzungen, die die Naturbelange zu wenig oder gar nicht beachten. Wirksame Schutzmaßnahmen – auch über Bundesländergrenzen hinweg - sind daher nach wie vor unverzichtbar. Die EU-Naturschutzrichtlinien werden mehr denn je gebraucht.

Übergreifende Handlungsfelder

Handlungsfeld VII
Grün in der Stadt erleben - Zuhause mit Natur Bekanntschaft machen

Grün- und Freiflächen im Siedlungsbereich bieten einer Vielzahl an Tieren und Pflanzen einen Lebensraum und machen Natur für die Menschen vor Ort erlebbar. Für die gesunde Entwicklung von Kindern sind Naturerfahrungen sehr wichtig. Umfragen zeigen, dass gerade in sozial schwächeren Schichten wegen ihres meistens naturfernen Wohnumfeldes der Bezug zur Natur schwach ausgeprägt ist und Naturerlebnisse im Alltag kaum noch eine Rolle spielen. Es stellt sich die doppelte Herausforderung, das Bauen auf den schon besiedelten Bereich zu beschränken, um den Flächenverbrauch einzudämmen, und zugleich mehr und höherwertige Naturflächen in den Städten zu schaffen. Das ist eine wesentliche Grundlage unserer urbanen Lebensqualität, ermöglicht Naturerfahrung und sorgt für ein besseres ökologisches Gleichgewicht.

„Ich habe 2014 beim Deutschen Naturschutztag versprochen, dass die Erhaltung und der Schutz von Natur und biologischer Vielfalt wieder zu einem der wichtigsten Handlungsfelder des Bundesumweltministeriums werden.”
Barbara Hendricks
Handlungsfeld VIII
Internationale Verantwortung - Natur kennt keine Grenzen

Der Schwerpunkt im BMUB-Handlungsprogramm wurde bewusst auf Deutschland gelegt. Doch auch weltweit geht die biologische Vielfalt in immer stärkerem Maße zurück. Zum Teil ist die Lage in anderen Ländern deutlich dramatischer als in Mitteleuropa. Wir in Deutschland tragen für diese Entwicklung eine Mit-Verantwortung – nicht nur aus moralischen Gründen, sondern vor allem, weil wir durch unsere Lebensstile und Wirtschaftsweise zur Naturzerstörung in anderen Ländern beitragen. Deshalb engagieren sich das BMUB und die gesamte Bundesregierung in bilateralen, europäischen und internationalen Prozessen für die biologische Vielfalt weltweit, so etwa beim Übereinkommen über die biologische Vielfalt und im Washingtoner Artenschutzübereinkommen.

Handlungsfeld IX
Kennen und Verstehen - Den Schatz des Naturwissens bewahren und vermehren

In Deutschland kommen etwa 9500 Pflanzenarten, 14.400 Pilzarten und 48.000 Tierarten vor. Wegen der anhaltenden Gefährdung der biologischen Vielfalt sind viele Arten selten geworden, ihre weitere Entwicklung muss verfolgt werden. Neue Arten wandern ein, die noch wenig bekannt sind und hier Fuß fassen, auch sie müssen beobachtet werden. Naturschutzmaßnahmen müssen begleitet werden, um Wirksamkeit und Erfolg einschätzen zu können. Für all das braucht man ein Monitoring, auch länderübergreifend, und Menschen mit taxonomischer Expertise, also Artenkenntnis. Beides ist schwierig: Ein übergreifendes Monitoring der biologischen Vielfalt benötigt einheitliche Standards, damit die Daten vergleichbar sind, und die Anzahl der Taxonominnen und Taxonomen schwindet.

Handlungsfeld X
Finanzierung - Natur ist eine Anlage mit Gewinn

In den letzten Jahren wurden die staatlichen und kommunalen Ausgaben für die Erhaltung und Entwicklung von Natur und Landschaft stark heruntergefahren und Naturschutzverwaltungen so weit reduziert, dass nur noch ein Minimum an Aufgaben erledigt werden kann. Die Einhaltung von grundlegenden, gesetzlich geregelten Anforderungen des Naturschutzes soll und kann nicht aus Steuermitteln finanziert werden. Anders sieht es bei darüber hinaus gehenden Leistungen für die Natur, die der Gesellschaft wichtig sind, aus. Sie können nicht von Einzelnen, insbesondere von Land- oder Forstwirtinnen und -wirten ohne Entgelt übernommen werden, sondern müssen von der Gesellschaft honoriert werden.