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Rede der Parlamentarischen Staatssekretärin Ursula Heinen-Esser: Das Konzept der Bundesregierung für die Lagerung atomarer Abfälle

Datum: 01.03.2012
Ort: Hitzacker

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Damen und Herren,

gerne bin ich Ihrer Einladung zu dieser Vollversammlung gefolgt. Wir befinden uns an einem besonders symbolträchtigen Ort. Einige von Ihnen hatten ja heute Gelegenheit, das vom Bund betriebene Erkundungsbergwerk Gorleben sowie Einrichtungen der Privatwirtschaft zur Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle zu besichtigen. Ich bin mir bewusst, welch hohen Stellenwert das Thema "Endlagerung/Entsorgung" gerade in Ihrer Region besitzt.

Nicht zuletzt die seit nunmehr 35 Jahren andauernden Auseinandersetzungen um die Lösung der Entsorgungsfrage haben die Bundesregierung veranlasst, zusammen mit den Ländern einen neuen Anlauf zu unternehmen, um die fachlichen Überlegungen zur Endlagerung radioaktiver Abfälle auch durch einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens untersetzen zu können.

Ich möchte Ihnen heute schildern, mit welchen Mengen radioaktiver Abfälle man überhaupt mit dem Auslaufen der Kernenergienutzung in Deutschland zu rechnen hat. Aus diesen Mengen ergibt sich schließlich der konkrete Endlagerbedarf.

Ich möchte dann kurz auf die Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle eingehen, dann kurz die gesetzlichen Zuständigkeiten erläutern und dann näher auf das Bergwerk "Schacht Konrad" als erstes Endlager und den Salzstock Gorleben eingehen.

Kernkraftnutzung in Deutschland

In Deutschland sind heute noch neun Kernkraftwerke in Betrieb. Mit dem 13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes vom 6. August 2011 erlosch für die Anlagen Biblis A und B, Neckarwestheim 1, Brunsbüttel, Isar 1, Unterweser, Philippsburg 1 und Krümmel die Berechtigung zum Leistungsbetrieb.

Für die verbliebenen Kernkraftwerke wird die Berechtigung zum Leistungsbetrieb zwischen 2015 (Grafenrheinfeld) und Ende 2022 (Isar 2, Emsland, Neckarwestheim 2) erlöschen. (Weitere zwölf Leistungsreaktoren sind bereits stillgelegt worden bzw. befinden sich in der Stilllegung.)

Abfälle und Zwischenlagerung

Man kann Radioaktivität nicht riechen, sehen, schmecken oder fühlen. Trotzdem kann sie als ionisierende Strahlung über lange Zeiträume sehr gefährlich sein. Deshalb muss radioaktiver Abfall besonders behandelt und sicher entsorgt werden.

Radioaktive Abfälle fallen beim Betrieb der Kernkraftwerke, aber auch in der Forschung, der Industrie und der Medizin an. Das internationale "Übereinkommen über die Sicherheit der Behandlung abgebrannter Brennelemente und über die Sicherheit der Behandlung radioaktiver Abfälle", und auch die Richtlinie 2011/70/EURATOM des EU-Rates vom 19. Juli 2011 schreiben vor, dass diese Abfälle nicht in andere Staaten verbracht, sondern im eigenen Land dauerhaft entsorgt werden. Beide Vorgaben sind für die Bundesrepublik Deutschland rechtlich verpflichtend! Die Endlagerung radioaktiver Abfälle ist und bleibt also eine nationale Aufgabe. Das ist in anderen Ländern auch so.

Es ist weitgehender wissenschaftlicher und auch politischer Konsens, alle Arten radioaktiver Abfälle in tiefen geologischen Formationen endzulagern. Warum? Der entscheidende Grund ist einfach; er liegt darin, dass in Tiefen von bereits etwa 1000 m alle Transportvorgänge, die zur Freisetzung gefährlicher Stoffe in die Biosphäre führen könnten, außerordentlich langsam ablaufen – sehr viel langsamer als an der Erdoberfläche! Eine Abfall-Lagerung an der Erdoberfläche bietet dagegen schon aus Gründen des Strahlenschutzes keine dauerhafte Lösung. Darüber hinaus besteht dort ein deutlich erhöhtes Risiko der Entwendung und Weiterverbreitung waffenfähiger Kernbrennstoffe, aber auch die ständige Gefahr von Terroranschlägen.

Radioaktive Abfälle werden bei uns in Wärme entwickelnde Abfälle und in Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung eingeteilt.

Nach dem Abschalten des letzten Kernkraftwerks im Jahr 2022 wird der Löwenanteil des gesamten Volumens endzulagernder, radioaktiver Abfälle in Deutschland (über 90 Prozent) aus Abfällen mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung bestehen. Dieser Anteil enthält jedoch nur 0,1 Prozent der gesamten Radioaktivität.

Circa 96 000 Kubikmeter radioaktiver Abfall mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung lagern bereits in verpackter Form über Tage in Zwischenlagern (bei Kernkraftwerken, Großforschungseinrichtungen und Landessammelstellen).

Wärmeentwickelnde, d. h., hochradioaktive und damit besonders gefährliche Abfälle entstehen beim Abbrand der Brennelemente in den Leistungsreaktoren. Ab dem Jahr 1994 wurde den Betreibern der Kernkraftwerke freigestellt, entweder die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente vorzunehmen oder deren direkte Endlagerung zu wählen.

Seit dem 1. Juli 2005 ist die Verbringung abgebrannter Brennelementen aus Leistungsreaktoren zur Wiederaufarbeitung im Ausland verboten. Nur noch die direkte Endlagerung der in Deutschland befindlichen und bis 2022 anfallenden abgebrannten Brennelemente ist zulässig. Die vertragsgemäße Rückführung derjenigen Abfälle, die in Frankreich bei der Wiederaufarbeitung anfielen, nach Deutschland wurde mit dem CASTOR-Transport vom November 2011 abgeschlossen. Die in Deutschland verbliebenen bzw. noch anfallenden abgebrannten Brennelemente werden (bis zu ihrer Verbringung in ein Bundesendlager) zwischengelagert, und zwar am Ort ihrer Entstehung.

Lager- und Behandlungseinrichtungen für abgebrannte Brennelemente sind also die Zwischenlager an den Kernkraftwerken und die zentralen Zwischenlager in Gorleben und Ahaus, das Zwischenlager Nord bei Greifswald, das Zwischenlager in Jülich und die Pilotkonditionierungsanlage in Gorleben.

Zwischenlager zur Aufbewahrung abgebrannter Brennelemente oder verglaster Abfälle aus der Wiederaufarbeitung werden als "Trockenlager" betrieben. In einer Halle stellt man die beladenen Behälter in definierter Ordnung auf. Die natürliche Luftkonvektion führt die Zerfallswärme wirksam ab.

Die dickwandigen Behälter sind dicht, unfallsicher und gewährleisten für mindestens 40 Jahre den bestimmungsgemäßen Betrieb. Das hier vor Ort befindliche Transportbehälterlager Gorleben – die "CASTOR-Lagerhalle" – entspricht genau diesem Prinzip.

Jede Zwischenlagerung der Abfälle endet mit deren Verbringung in ein Bundesendlager. Das derzeitige deutsche Konzept der Endlagerung Wärme entwickelnder Abfälle sieht vor, nach der Zwischenlagerung über mehrere Jahrzehnte die abgebrannten Brennelemente oder verglasten Abfälle in endlagerfähige Behälter zu packen, diese dicht zu verschließen und in Strecken oder Bohrlöcher in tiefen geologischen Formationen einzulagern.

Den Anlagenprototyp zur Verpackung abgebrannter Brennelemente in endlagerfähige Behälter – die Pilotkonditionierungsanlage Gorleben – haben Sie heute auch besichtigen können.

Die Verursacher radioaktiver Reststoffe müssen nach § 9a Abs. 1 AtG dafür sorgen, dass diese entweder schadlos verwertet oder als radioaktiver Abfall geordnet beseitigt werden. Bis zur Inbetriebnahme eines Endlagers ist die betreiberseitige Vorsorge zur Entsorgung bestrahlter Kernbrennstoffe (Entsorgungsvorsorgenachweis) durch Nachweise zur Zwischenlagerung gegeben.

Für die bei der Nutzung der Kernenergie anfallenden radioaktiven Abfälle sind also die Verursacher selbst zur Zwischenlagerung und Konditionierung verpflichtet.

Sonstige Besitzer radioaktiver Abfälle liefern diese nach § 9a Abs. 2 AtG an ein Endlager oder eine Landessammelstelle ab. Im letzteren Fall gehen die Abfälle in deren Eigentum über. Der Betreiber der Landessammelstelle übernimmt die Verantwortlichkeit für die Abfallkonditionierung. Da für die Endlagerung nur feste bzw. verfestigte radioaktive Abfälle angenommen werden, sind Abfälle in flüssiger und gasförmiger Form ausgeschlossen. Die geordnete und sichere Abfallbeseitigung erfordert eine entsprechende Behandlung.

In Deutschland fielen aus der Nutzung der Kernenergie bis zum 31. Dezember 2010 insgesamt 13 471 Tonnen Schwermetall in Gestalt bestrahlter Brennelemente an. In den Abklingbecken der Kernkraftwerke und in den Zwischenlagern befanden sich insgesamt 6 801 Tonnen Schwermetall, wiederaufgearbeitet wurden 6 343 Tonnen Schwermetall (327 Tonnen Schwermetall wurden anderweitig entsorgt).

In die Schachtanlage Asse II wurden zwischen 1967 und 1978 insgesamt 124 494 Gebinde als schwachradioaktive Abfälle (zum Teil mit verlorenen Betonabschirmungen mit höheren Aktivitäten) und 1 293 Fässer mit mittelradioaktiven Abfällen eingelagert (insgesamt ca. 47 000 Kubikmeter). In das Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben wurden 36 753 m³ feste schwach- und mittelradioaktive Abfälle mit – im Vergleich zur Asse – niedrigen Konzentrationen an Alpha-Strahlern sowie 6 617 umschlossene Strahlenquellen zwischen 1971 bis 1991 eingelagert.

Für die Bereitstellung von Endlagern ist nach § 9a Abs. 3 AtG der Bund verantwortlich. Zuständig für die Planung, Errichtung und den Betrieb von Endlagern sowie dafür, dass die gesetzlichen und die in der Genehmigung festgelegten Anforderungen eingehalten werden, ist nach § 23 Abs. 1 AtG das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Die übrigen Entsorgungseinrichtungen werden von den Ländern im Rahmen der Bundesauftragsverwaltung beaufsichtigt. Genehmigungen für Entsorgungseinrichtungen – mit Ausnahme der Zwischenlager für Kernbrennstoffe – erteilen die Länder. Die Zwischenlager zur Aufbewahrung von Kernbrennstoffen werden vom BfS genehmigt.

Auch bei der Finanzierung der Entsorgung abgebrannter Brennelemente und radioaktiver Abfälle gilt das Verursacherprinzip. Private Betreiber sind verpflichtet, für die Entsorgung abgebrannter Brennelemente und radioaktiver Abfälle sowie für die Durchführung der Stilllegung kerntechnischer Anlagen finanzielle Rückstellungen in ausreichender Höhe zu bilden. Die öffentlichen Betreiber hingegen stellen für die Stilllegungs- und Rückbaukosten Mittel in den aktuellen Haushalt ein.

Der Bund refinanziert die notwendigen Ausgaben zur Planung und Errichtung der Endlager bei den Ablieferungspflichtigen über Vorausleistungen auf Beiträge.

Die Benutzung von Endlagern und Landessammelstellen wird über Kosten bzw. Entgelte, die die Ablieferer radioaktiver Abfälle zahlen müssen, refinanziert. Auch die Überwachung eines Endlagers nach dessen Verschluss ist eine staatliche Aufgabe.

Die Gesetzgebungskompetenz im Rahmen der Nutzung der Kernenergie zu friedlichen Zwecken liegt beim Bund, ebenso die Weiterentwicklung des Atomrechts. Die Bundesländer werden im Verfahren beteiligt.

Behörden des Bundes wie das BfS und der Länder (Vollzugsaufgaben im Auftrag des Bundes) führen das Atomgesetz sowie hierauf basierende Rechtsverordnungen aus. Dabei unterliegen die zuständigen Landesbehörden hinsichtlich der Recht- und Zweckmäßigkeit ihres Handelns der Aufsicht durch den Bund.

Nach diesem Exkurs in die rechtlichen Rahmenbedingungen möchte ich Ihnen jetzt das Endlagerprojekt "Schacht Konrad" vorstellen. Diese ehemalige Eisenerzgrube in Salzgitter bietet tatsächlich allerbeste Voraussetzungen als Endlager für radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung!

In der Schachtanlage Konrad befinden sich die Eisenerzschichten, in denen die Endlagerung stattfinden soll, 800 m bis 1 300 m tief unter der Erdoberfläche. Die Grube ist für ein Eisenerzbergwerk außergewöhnlich trocken. Die darüber liegende, bis zu 400 m dicke Deckschicht aus Tonsteinen dichtet die Grube gegen das Grundwasser ab. Die Barriere-Eigenschaften der Deckschichten, also ihre Durchlässigkeit und ihr Rückhaltevermögen für gelöste Radionuklide, wurden (im Gegensatz zur Situation in der Asse) besonders sorgfältig geprüft. Infolge der günstigen geologischen Gegebenheiten können am Schacht Konrad auch nach Hunderttausenden von Jahren keine Radionuklide aus dem Einlagerungsbereich in die Biosphäre gelangen.

Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung stammen zum Beispiel aus dem Betrieb, der Stilllegung und dem Rückbau von Kernkraftwerken, aus der Forschung, der Medizin oder von der Bundeswehr und beinhalten unter anderem kontaminierte Werkzeuge und Schutzkleidung, Schlämme oder Suspensionen. Für maximal 303 000 Kubikmeter wurde das Endlager Konrad im Jahr 2002 nach zwanzigjährigem Planfeststellungsverfahren genehmigt. Der Planfeststellungsbeschluss ist nach Abweisung aller Klagen und Zurückweisung der dagegen erhobenen Rechtsbeschwerden am 26. März 2007 bestandskräftig geworden. Bis zum Jahr 2040 rechnet man mit circa 280 000 Kubikmetern konditionierter Abfälle, die im Endlager Konrad endgelagert werden sollen.

Schacht Konrad wird derzeit zum Endlager umgerüstet. Vorbereitende Maßnahmen wie Kampfmittelsondierung und Abtrag industriell belasteter Böden sind erfolgt. Alte, nicht mehr benötigte Bauwerken wurden abgerissen. Die erforderliche Sanierung der Schächte Konrad 1 und 2 ist weitgehend erfolgt; mit der Auffahrung untertägiger Grubennebenräume und der ersten Einlagerungskammer wurde begonnen.

Untertage wird die Instandsetzung von Großfahrzeugen sowie der Förder- und Transportmaschinen vorangetrieben. Teile des Einlagerungsbereiches werden gegenwärtig vorbereitet. Umfangreiche Auftragsvergabeverfahren wurden vorbereitet und Ausschreibungen eingeleitet.

Nachdem die Inbetriebnahme ursprünglich für 2013/2014 vorgesehen war, zeichneten sich im Laufe des Jahres 2010 deutliche Verzögerungen ab, die u. a. durch Um- und Neuplanungen verursacht wurden. Derzeit ist nicht von einem Abschluss der Errichtung vor 2019 auszugehen. Im Hinblick auf die wegen Fukushima vorgezogene Stilllegung der Kernkraftwerke muss die Inbetriebnahme des Endlagers Konrad aber zügig erreicht werden.

Die Arbeiten zur Errichtung des Endlagers Konrad schließen auch die Anpassung der Endlagerungsbedingungen Konrad mit ein (hierbei sind vor allem die Berücksichtigung abfallspezifischer Nebenbestimmungen aus dem Planfeststellungsbeschluss und die Erweiterung des Radionuklidspektrums zu nennen).

Lassen Sie mich noch am Rande erwähnen, dass in Salzgitter vom BMU, dem Land Niedersachen und der Stadt eine gemeinnützige Stiftung gegründet wurde, mit der die Stadt und ihre Nachbargemeinden einen finanziellen Ausgleich für die gesamtgesellschaftliche Verantwortung erhalten, welche die Region mit dem Endlager Schacht Konrad übernimmt.

Die Stiftung wird während des Einlagerungsbetriebes ins Endlager Schacht Konrad – veranschlagt sind 35 Jahre – Gelder für gemeinnützige Zwecke in der Region zur Verfügung stellen.

Ich möchte an dieser Stelle besonders betonen, dass das künftige Endlager Konrad den strengen Anforderungen des seinerzeit vom BMU eingerichteten "Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte" (AkEnd) in Bezug auf den sogenannten "einschlusswirksamen Gebirgsbereich" genügt.

Mit dem einschlusswirksamen Gebirgsbereich ist derjenige Teil der geologischen Barrieren gemeint, der bei der voraussichtlichen weiteren Entwicklung des Endlagers und im Zusammenwirken mit zusätzlichen technischen und geotechnischen Barrieren den Einschluss der Abfälle über den – vom AkEnd geforderten – Isolationszeitraum von einer Million Jahre sicherstellen muss.

Der AkEnd war ein vom BMU eingesetzter unabhängiger Arbeitskreis, der im Februar 1999 seine Arbeit aufnahm und im Dezember 2002 beendete. Er hatte die Aufgabe, wissenschaftlich fundierte Kriterien für die Suche nach einem Endlagerstandort in Deutschland für radioaktiven Abfall aufzustellen.

"Von großer Bedeutung für den Endlagerstandort ist", so der AkEnd in seinem Abschlußbericht, "die geologische Gesamtsituation, die eine möglichst langfristige Isolation der Abfälle zum Schutz von Mensch und Umwelt sicherstellt".

Darauf aufbauend und in Beachtung aktueller internationaler Empfehlungen und Normen zum Strahlenschutz sowie zur Endlagerung hat das BMU neue Sicherheitsanforderungen an die Endlagerung wärmeentwickelnder radioaktiver Abfälle in Deutschland aufgestellt.

Diese Sicherheitsanforderungen konkretisieren den Stand von Wissenschaft und Technik, der bei Errichtung, dem Betrieb und Verschluss eines Endlagers für Wärme entwickelnde radioaktive Abfälle einzuhalten und im Planfeststellungsverfahren von der jeweiligen Genehmigungsbehörde zu prüfen ist. Die "Sicherheitsanforderungen an die Endlagerung wärmeentwickelnder radioaktiver Abfälle" wurden vom Länderausschuss für Atomkernenergie am 30. September 2010 verabschiedet.

Sie ersetzen damit die bereits 1983 veröffentlichten "Sicherheitskriterien für die Endlagerung radioaktiver Abfälle in einem Bergwerk".

Ich bin damit beim Hauptproblem der nuklearen Entsorgung, der sicheren Endlagerung der besonders gefährlichen wärmentwi-ckelnden Abfälle angelangt.

Noch steht in Deutschland kein derartiges Endlager zur Verfügung.

Der Salzstock Gorleben wurde vor 35 Jahren als untersuchungswürdige Struktur unter zahlreichen anderen Salzstöcken ausgewählt – übrigens auch nach geologischen Kriterien. Steinsalz weist etliche Vorteile auf, wenn man wärmeentwickelnde Abfälle endlagern will. Zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften gehört sicherlich die Fähigkeit, bergmännisch geschaffene Hohlräume im Laufe der Zeit bruchlos wieder zu verschließen und darüber hinaus die von den Abfällen ausgehende Wärme gut abzuleiten. Das unterscheidet Salz von allen anderen Gesteinen.

Allerdings darf ein Einlagerungsbereich im Steinsalz keine zu kleinen Abstände zum wasserführenden Nebengebirge aufweisen und auch keine Fremdkörper enthalten, die Wasser eindringen lassen könnten. Solche Erscheinungen können nur vor Ort sorgfältig nachgewiesen werden. Im Jahr 1979 begannen in Gorleben die übertägigen Erkundungsarbeiten, die ab 1986 von der untertägigen Erkundung (zuerst noch von den beiden Schachtröhren aus) abgelöst wurden. Erst 1996 konnten die Schächte Gorleben 1 und Gorleben 2 untertage miteinander verbunden sowie erste bergmännische Hohlräume aufgefahren werden. Was Sie bei Ihrer Befahrung heute gesehen haben, stellt eine reine Infrastruktur für Erkundungsarbeiten dar, die mit einem Endlagerbergwerk noch überhaupt nichts zu tun hat.

Im Jahr 2000 beschloss die damalige Bundesregierung einen Erkundungsstopp – das sogenannte Moratorium, das zehn Jahre dauerte. In dieser Zeit wurden wissenschaftliche Fragen beantwortet, die im Zusammenhang mit dem Endlagermedium Steinsalz aufgekommen waren. Im Ergebnis konnten im Wirtsgesteinsvergleich für das Endlagermedium Steinsalz keine entscheidenden Nachteile gefunden werden. Aus Sicht der Bundesregierung wurde bei der Beantwortung der sogenannten "Zweifelsfragen", mit denen das Moratorium begründet worden war, kein nennenswerter fachlicher Fortschritt zur Lösung der Endlagerfrage erzielt. Nach Auslaufen des Moratoriums wurde daher am 1. Oktober 2010 die untertägige Erkundung weitergeführt.

Maßstab für die Bewertung sind die bereits genannten "Sicherheitsanforderungen an die Endlagerung wärmeentwickelnder radioaktiver Abfälle" des BMU vom 30. September 2010. Die Ergebnisse der vorläufigen Sicherheitsanalyse sollen Ende 2012 vorliegen und ab 2013 auch einer neutralen, internationalen Kreuzgutachtung ("Peer Review") unterzogen werden.

Die Bundesregierung hat sich angesichts des bisweilen quälend langsamen Fortschritts bei der Errichtung eines Endlagers für wärmeentwickelnde Abfälle im Koalitionsvertrag die Lösung der Endlagerfrage auf die Fahnen geschrieben.

Auch die andauernde Kritik am Salzstock Gorleben und ausgedehnte Vorkommen möglicherweise gleichberechtigter, alternativer Endlagergesteine in ganz Deutschland haben Herrn BM Dr. Röttgen veranlasst, das Problem im Konsens mit den Bundesländern anzugehen.

Seit dem Herbst 2011 treffen sich nun die Bund-Länder-Arbeitsgruppen zur Vorbereitung eines Endlagersuchgesetzes. Es wurde beschlossen, in der ersten Phase (d. h., bis Mitte 2012) ein Bundesgesetz zu verabschiedet werden, das das weitere Vorgehen regeln soll. Geregelt werden soll u. a. die Beteiligung der Öffentlichkeit und der Bundesländer, die Finanzierung und die Festlegung der beteiligten wissenschaftlichen und behördlichen Institutionen.

Bis Mitte 2013 sollen dann in einer zweiten Phase wissenschaftliche Entscheidungsgrundlagen erarbeitet und diese abschließend mit einem weiteren Bundesgesetz (dritte Phase) festgelegt werden. Die Entscheidungsgrundlagen sollen allgemeine Sicherheitsanforderungen, Grundsätze zur Rückholbarkeit/Bergbarkeit sowie geowissenschaftliche und raumplanerische Eignungs- und Ausschlusskriterien enthalten.

Bis zum Jahr 2014 sollen dann mehrere Erkundungsregionen mit verschiedenen Wirtsgesteinen per Bundesgesetz festgelegt und bis 2019 auch von übertage aus erkundet werden.

Nach Abschluss der übertägigen Erkundung (vierte Phase) soll wieder durch Bundesgesetz festgelegt werden, welche Standorte dann auch für eine untertägig Erkundung geeignet sind.

Die untertägige Erkundung eines oder mehrerer Standorte soll dann in der fünften Phase nach 2019 erfolgen und mit einem Standortvorschlag beendet werden. Wie viele Standorte dabei untertägig erkundet werden sollen/müssen, und welche Rolle der Standort Gorleben dabei spielt, ist in der Arbeitsgruppe nicht abschließend geklärt.

Nach der gesetzlichen Entscheidung über den endgültigen Standort des Bundesendlagers sollen sich das Genehmigungsverfahren, die Errichtung und schließlich die Inbetriebnahme anschließen (sechste Phase).

Sehr geehrte Damen und Herren,

damit komme ich zum Schluss meines Vortrages. Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, wo wir beim Thema Endlager stehen und wo die Probleme liegen, um die wir uns kümmern müssen. Auch wenn zeitlich bei diesen Projekten in anderen Dimensionen als sonst gedacht wird, haben wir keine Zeit zu verlieren.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und freue mich auf die Diskussion mit Ihnen.

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