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30.06.2017

Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Auftaktkonferenz des Dialogforums "Wirtschaft macht Klimaschutz"

Rede von Dr. Barbara Hendricks zu "Wirtschaft macht Klimaschutz"

– Es gilt das gesprochene Wort –

Prof. Dr. Bernhard Lorentz,
Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, Sie hier im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR begrüßen zu dürfen. Anfang der 60er Jahre erbaut, zählte das Gebäude zur architektonischen Moderne der DDR. Heute steht der Bau unter Denkmalschutz.

Dieser Ort, der für die deutsch-deutsche Vergangenheit steht, ist heute vollkommen auf die Zukunft ausgerichtet. Denn seit 2006 werden hier in der "European School of Management and Technology" junge Menschen zu Führungskräften ausgebildet.

Dabei sind die Forschungsschwerpunkte relevanter denn je: Leadership und gesellschaftliche Verantwortung, europäische Wettbewerbsfähigkeit und das Management neuer Technologien. Denn es wird immer relevanter, die Führungskräfte von morgen schon heute für Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz zu sensibilisieren.

Der Sinn dieses Dialogs lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Klimaschutz braucht Wirtschaft und Wirtschaft braucht Klimaschutz.

Wir, die Bundesregierung, setzen auf eine ambitionierte Klima- und Wirtschaftspolitik. Und ich sage ganz bewusst Klima- und Wirtschaftspolitik als Begriffspaar.

Denn moderne, effiziente und ressourcenschonende Produkte und Technologien sind nicht nur in Deutschland ein Verkaufsschlager - sie sind es weltweit.

Der Weltmarktanteil der "GreenTech"-Branche "Made in Germany" liegt derzeit bei 14 Prozent.

Und wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Gerade die grünen Zukunftsmärkte entwickeln sich besonders dynamisch.

Wir sind Exportweltmeister bei Umweltschutztechnologien, und sichern so Wohlstand und Arbeitsplätze in Deutschland. Gleichzeitig unterstützen wir andere Länder dabei, ihre eigene Volkswirtschaft auf eine nachhaltige Entwicklung einzustellen – und damit das Klima auf der ganzen Welt zu schützen.

Das ist in etwa das Gegenteil von dem, was in der öffentlichen Debatte bisweilen behauptet wird, nämlich dass der Klimaschutz Wachstum und Arbeitsplätze kostet.

Lassen wir dazu ein paar Zahlen sprechen:

  • Das deutsche Marktvolumen bei Klima- und Umwelttechnik machte 2016 knapp 350 Milliarden Euro aus. Bemerkenswert.
  • Das Marktvolumen weltweit belief sich gleichzeitig auf mehr als 3,2 Billionen Euro; und wir schätzen, dass das bis 2025 auf rund 6 Billionen Euro steigt.
  • Die Beschäftigtenzahlen hierzulande entwickeln sich ebenfalls beachtlich: 2015 gab es bereits 1,5 Millionen Arbeitsplätze in den Leitmärkten Umwelttechnik und Ressourceneffizienz – ein echter Beschäftigungsmotor.

Das sind beeindruckende Zahlen, aber abstrakt. Lassen Sie mich Ihnen daher eine Geschichte aus Ostfriesland erzählen:

Dort wurde ein bekannter Tee-Verarbeiter vor einiger Zeit von seinem Energieversorger besucht.

Der Grund: Der Gasverbrauch des Unternehmens war innerhalb weniger Monate um etwa zwei Drittel eingebrochen; auch der Rückgang beim Strom war erheblich. Der Versorger befürchtete defekte Zähler oder, nennen wir es mal einen "Installationsfehler" – also dass vor den Zählern abgezapft wurde. Als man dann vor Ort die Lage inspizierte, kam heraus, dass dort alles mehr als in Ordnung war. Die Firma hatte einen neuen Werksleiter. Der hatte veraltete Türen und Fenster austauschen lassen, das Verwaltungsgebäude isoliert, die Heizungsanlage und die Druckluftversorgung erneuert, die Raumlufttechnik optimiert.

Alles kein Hexenwerk, sondern einfach nur gut durchdachte Effizienzmaßnahmen.

Ergebnis: Knapp 100.000 Euro hatte das Unternehmen investiert und spart damit jetzt über 75.000 Euro Energiekosten – jährlich.

Das klingt einfach, meine Damen und Herren, aber niemand wird behaupten, das Verändern von Strukturen sei leicht. Vor uns liegt ja ein gewaltiger Transformationsprozess, dessen Ziel nicht weniger als die weitgehende Treibhausgasneutralität bis Mitte des Jahrhunderts ist.

Die Folgen der globalen Erderwärmung sind bereits heute spürbar. Der Klimawandel wird sich nicht mehr vollständig aufhalten lassen. Aber es liegt in unserer Hand eine Kehrtwende zu schaffen und die negativen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Klimawandels so gering wie möglich zu halten.

Deshalb haben wir uns in Deutschland, in Europa und weltweit ehrgeizige Klimaziele gesetzt. Sie alle kennen das Pariser Abkommen.

Dass der amerikanische Präsident aus dem Abkommen aussteigen will, hat uns alle sehr enttäuscht. Er schadet damit der Menschheit insgesamt, vor allem aber schadet er auch der eigenen Wirtschaft, der eigenen Gesellschaft.

Fakt ist aber auch: Diese Entscheidung hat die übrigen Länder enger zusammengebracht – von China über Indien bis nach Kanada. Und das gibt neue Motivation für den Klimaschutz.

Im letzten Jahr in Marrakesch stand die COP 22 unter dem Motto: "Implementation and Action" – "Umsetzen und Handeln". In diesem November werden wir im Namen der Republik Fidschi rund 25.000 Menschen zur COP 23 in Bonn begrüßen.

In Bonn wird es darum gehen, das Pariser Abkommen so auszugestalten, dass es einen wirksamen Rahmen für die Nationalstaaten setzt. Unser Ziel ist es, bei den Verhandlungen in Bonn so weit zu kommen, dass wir im nächsten Jahr bei der Folgekonferenz in Polen die technischen Regeln verabschieden können.

Das ist vermutlich weniger glamourös, als ein Klimaabkommen in Paris zu verabschieden, aber für erfolgreichen Klimaschutz ist es nicht weniger wichtig.

Wichtige Weichen haben wir bereits gestellt. So hat die Nationale Klimaschutzinitiative seit 2008 bereits rund 19.000 Klimaschutzprojekte gefördert.

Und 2014 haben wir das Aktionsprogramm 2020 auf den Weg gebracht. Hier lässt sich ganz klar sagen, dass der mit dem Aktionsprogramm und dem Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz verbundene ökonomische Nutzen die Investitionskosten deutlich übersteigt.

Im November letzten Jahres haben wir dann den Klimaschutzplan 2050 beschlossen – unsere Langfriststrategie. Mit dem Plan hat die Bundesregierung auch einen soliden Fahrplan für 2030 präsentiert. Der zeigt klare Transformationspfade und damit verbundene Maßnahmen auf.

Wir können den langfristigen Umbau unserer Wirtschaftsweise über die nächsten 35 Jahre nicht heute schon bis ins kleinste Detail durchplanen. Das wollen wir auch gar nicht.

Aber wir können mit einem klaren Ziel vor Augen Strategien entwickeln. Und dieses Ziel ist die weitgehende Treibhausgasneutralität unserer Volkswirtschaft bis zur Mitte des Jahrhunderts. Auf dem Weg werden wir unser Vorgehen immer wieder überprüfen und anpassen müssen.

Wir befinden uns also in einem offenen, einem lernenden Prozess.

Aus diesem Grund, meine Damen und Herren, habe ich Sie heute hierher eingeladen.

Denn um im Klima- und Umweltschutz erfolgreich zu sein, sind wir auf Sie angewiesen.

Uns allen muss es über die nächsten Jahre hinweg gelingen, die deutsche Wirtschaft zu dekarbonisieren und sie gleichzeitig international wettbewerbsfähig zu halten.

Effizienz wird dabei eine sehr wichtige Rolle spielen. Es muss gelingen, den Ressourcen- und Energiebedarf sektorübergreifend deutlich zu reduzieren.

Wichtige Stichpunkte sind hier etwa Umweltmanagementsysteme, Materialkreisläufe oder Abwärmepotenziale. Die Nutzungsdauer von Produkten muss verlängert werden, innovative Materialien und Technologien sind zu entwickeln, die uns nachhaltigere Produkte und Prozesse ermöglichen. Auch die Digitalisierung wird uns neue Ansatzpunkte liefern.

Sie sehen, die Aktionsfelder sind vielfältig.

Wir können bereits erkennen, dass sich das Konsum- und Investitionsverhalten ändert. Immer mehr Investoren distanzieren sich vom Geschäft mit Öl und Gas und investieren in nachhaltige Alternativen.

Der für den Klimaschutz nötige Paradigmenwechsel, der Energieeffizienz und erneuerbare Energien zum Standard für Investitionsentscheidungen macht, findet vielerorts schon statt.

"Business as usual" ist heute dagegen keine Option mehr. Wer seine Augen davor verschließt, wird über kurz oder lang auf den globalen Märkten nicht mehr bestehen können.

In Deutschland zeigt sich, dass Wachstum und Energieverbrauch entkoppelt werden können.

Diesen Prozess möchte ich gemeinsam mit Ihnen gestalten. Die große Mehrzahl von Ihnen engagiert sich bereits für den Klimaschutz, viele sogar als Vorreiter in ihren jeweiligen Branchen.

Es ist mir daher ein großes Anliegen heute mit Ihnen zu diskutieren, Ihre Erfahrungen, Ideen und Anliegen aufzunehmen und von Ihnen zu lernen.

Ja, unser Dialogforum "Wirtschaft macht Klimaschutz" betont ganz klar den Dialog. Ziel ist es, Vorreiter der deutschen Wirtschaft zu vernetzen und über drei Jahre hinweg Lösungen zum Klimaschutz in Unternehmen zu erarbeiten.

Für den Erfolg müssen wir alle Akteure erreichen – große Konzerne genauso wie den Mittelstand und unsere Kleinunternehmer. Lassen Sie uns gemeinsam Lösungen erarbeiten, die Vorbilder sein können und die auch die letzten Skeptiker und Nachzügler davon überzeugen, dass nachhaltiges Wirtschaften und ökonomischer Erfolg sich nicht ausschließen.

Die Modernisierung ist der Übergang in eine Zukunft, die wir uns erst dann vorstellen können, wenn sie für uns Gegenwart geworden ist. Das erfordert Mut und Risikobereitschaft.

Aber ohne Mut und Risikobereitschaft vieler Bürgerinnen und Bürger wäre dieses Gebäude vielleicht immer noch das Staatsratsgebäude der DDR.

In diesem Sinne freue ich mich auf die Diskussion.

Vielen Dank.

30.06.2017 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Berlin