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Stand: 08.03.2012

Fragen und Antworten zur Situation in Japan sowie zu möglichen Auswirkungen in Deutschland

Situation in Japan

Was ist im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi geschehen?

Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) mbH hat eine Broschüre zur Lage in Fukushima (PDF extern, 13,4 MB) erstellt, die einen Überblick über den Unfallablauf im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi bietet.

Wie ist die aktuelle radiologische Situation in Japan?

Die infolge des Reaktorunfalls in Fukushima in die Atmosphäre freigesetzten radioaktiven Stoffe (Radionuklide) wurden mit dem Wind lokal, regional und global verfrachtet und in der Folge auf der Erdoberfläche deponiert. Wohin welche radioaktiven Stoffe gelangten, hing wesentlich vom Zeitpunkt der Freisetzung und von den dann herrschenden Wetterbedingungen wie Wind und Niederschlägen ab. Strahlenbelastungen für den Menschen entstanden in den ersten Wochen nach dem Unfall durch das Einatmen und die äußere Bestrahlung durch die in der Luft befindlichen radioaktiven Stoffe, später nur noch durch die auf den Boden deponierten Radionuklide und durch die Aufnahme von Radionukliden über die Nahrung. Für die Strahlenbelastung sind drei radioaktive Stoffe von besonderer Bedeutung: Die radioaktiven Isotope des Jod und des Tellurs bestimmten in den ersten Tagen und Wochen nach dem Unfall wesentlich die Strahlenbelastung, längerfristig (d.h. nach einigen Wochen) wird die Strahlenbelastung vor allem durch die Radionuklide des Elements Cäsium (Cäsium-134 und Cäsium-137) verursacht. Durch die auf den Boden abgelagerten Radionuklide werden in Gebieten innerhalb der Sperrzone mit einem 20-Kilometer-Umkreis um den Reaktor sowie in hoch belasteten Gebieten in nordwestlicher Richtung bis in einer Entfernung von ca. 45 km vom Reaktor Dosiswerte (effektive Dosis) von mehr als 20 Millisievert (mSv) im ersten Jahr nach dem Unfall erwartet. Aus diesen Gebieten wurde die Bevölkerung evakuiert, vor einer möglichen Rückkehr der Bevölkerung sollen diese Gebiete dekontaminiert werden. In anderen höher belasteten, im Osten der Präfektur Fukushima gelegenen Gebieten werden Dosiswerte im ersten Jahr von 1-10 mSv erwartet (so z.B. in der Stadt Fukushima-City), in den niedriger belasteten Gebieten im Westen und Süden der Präfektur Fukushima ca. 0,3-3 mSv. In den benachbarten Präfekturen (Miyagi, Ibaraki, Tochigi, Gunma) ist mit Dosiswerten für das erste Jahr von maximal 3 mSv, in den meisten Gebieten jedoch von unter 1 mSv zu rechnen. In allen anderen Landesteilen von Japan sind Dosiswerte für das erste Jahr von unter 1 mSv (an wenigen Stellen bis 2 Millisievert), meist sogar von weniger als 0,1 mSv zu erwarten (z.B. in Tokyo weniger als 0,3 mSv).Bild 1 zeigt eine Karte für auf den Boden abgelagertes Cäsium-137, die aufgrund von Anfang November 2011 durchgeführten Hubschrauber-Messungen erstellt wurde. Eine Bodenkontamination von 1000 kBq pro Quadratmeter von Cäsium-137 (gelber Bereich) entspricht dabei einer Strahlenbelastung im ersten Jahr von ungefähr 25 mSv, dabei ist auch der Beitrag durch alle anderen Radionuklide mitberücksichtigt. Im September 2011 wurde in der Präfektur Fukushima mit einer Abschätzung der individuellen Strahlenbelastung aller Einwohner begonnen. Dazu wurden die Einwohner zu ihren Aufenthaltsorten und –zeiten während und nach dem Unfall befragt. Die ersten Zwischenergebnisse bei ca. 10 000 Einwohnern aus den hoch belasteten Gebieten ergaben, dass die Strahlenbelastung in den ersten vier Monaten nach dem Unfall bei über 99% der Personen unterhalb von 10 mSv lag, der Höchstwert betrug 23 mSv. In den folgenden Jahren ist mit einem deutlichen Rückgang der jährlichen Dosiswerte zu rechnen, insbesondere bedingt durch den radioaktiven Zerfall der abgelagerten Radionuklide als auch durch das Eindringen der Radionuklide in tiefere Bodenschichten (dadurch wird die Strahlenbelastung an der Oberfläche verringert) sowie das Abwittern von Radionukliden von Oberflächen wie Hausdächer, Straßen, etc. Zur Beschränkung der Strahlenbelastung durch den Verzehr von kontaminierten Nahrungsmitteln führte Japan Höchstwerte ein, die für Importe aus Japan von der EU übernommen wurden. So dürfen Nahrungsmittel mit Konzentrationen größer als 500 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) Cs 134/137 und 2000 Bq/kg Jod-131 nicht vermarktet werden. Seit dem Unfall werden in Japan Lebensmittel im Handel stichprobenartig überwacht. Produkte werden aus dem Verkehr gezogen, wenn die zulässigen Höchstwerte überschritten werden. Bis Ende Januar 2012 wurden etwa 100 000 Messungen von Radionukliden in über 500 verschiedenen Lebensmitteln aus allen japanischen Präfekturen veröffentlicht. Zu Beginn der Überwachung wurden Überschreitungen der Höchstwerte bei etwa 1 % der Proben festgestellt. Die Häufigkeit der Überschreitungen nimmt seit vielen Monaten permanent ab. Ein Jahr nach dem Reaktorunfall werden kaum noch Überschreitungen gemeldet. Auf der Basis der Messergebnisse in der Präfektur Fukushima und unter Annahme typischer Verzehrsraten für Japan, lässt sich eine Strahlenbelastung durch die Aufnahmen von Radionukliden mit der Nahrung von weniger als 1 mSv für das erste Jahr nach dem Unfall in den höher kontaminierten Gebieten abschätzen.

Zum Vergleich: Die mittlere Strahlenbelastung durch natürliche Radionuklide in der Umwelt beträgt in Deutschland 2, 1 mSv pro Jahr.

Folgemaßnahmen in Deutschland

Welche gesetzlichen Regelungen wurden in Deutschland getroffen?

Die Bundesregierung hat beschlossen, die Nutzung der Kernenergie zum frühestmöglichen Zeitpunkt - gestaffelt bis 2022 - zu beenden. Diese Entscheidung berücksichtigt u. a. die Ergebnisse der von der Reaktor-Sicherheitskommission durchgeführten Sicherheitsüberprüfung aller deutschen Kernkraftwerke und die Ergebnisse der Ethikkommission "Sichere Energieversorgung". Der Deutsche Bundestag hat hierzu am 30. Juni 2011 das Dreizehnte Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes verabschiedet. Das Gesetz ist am 6. August 2011 in Kraft getreten und hat im Wesentlichen folgende Änderungen des Atomgesetzes eingeführt: Die mit dem Elften Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes im Dezember 2010 zusätzlich gewährten Elektrizitätsmengen wurden gestrichen.

  • Für die sieben ältesten Kernkraftwerke und das Kernkraftwerk Krümmel ist mit Inkrafttreten des geänderten Atomgesetzes die Berechtigung zum Leistungsbetrieb erloschen.
  • Für die drei jüngsten Anlagen erlischt die Genehmigung zum Leistungsbetrieb spätestens im Jahr 2022; für die übrigen Anlagen gestaffelt bis spätestens 2015/2017/2019/2021.
  • Die Übertragung von Elektrizitätsmengen bleibt - bei Beachtung der jeweiligen Endzeitpunkte - weiterhin möglich.

Welche Sicherheitsüberprüfungen der deutschen Kernkraftwerke
haben stattgefunden?

Die Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) hat in ihrer Sicherheitsüberprüfung deutscher Kernkraftwerke unter Berücksichtigung der Ereignisse in Fukushima die Robustheit der deutschen Kernkraftwerke gegenüber auslegungsüberschreitenden Einwirkungen bewertet. Die Ergebnisse sind in der Stellungnahme RSK 437 vom 16.05.2011 veröffentlicht. Auf europäischer Ebene hat sich Deutschland an dem Europäischen Stresstest (EU-Stresstest) beteiligt und am 31. Dezember 2011 seinen Abschlussbericht der Europäischen Kommission übermittelt. Dort wurden die drei Schwerpunktthemen Externe Ereignisse, Strom- und Kühlwasserausfall sowie Notfallmaßnahmen geprüft.

Was sind die Ergebnisse?

Zusammenfassend konnte die Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) am 16. Mai 2011 in ihrer ersten Stellungnahme feststellen, dass im Vergleich mit dem Kernkraftwerk in Fukushima hinsichtlich der Stromversorgung und der Berücksichtigung von Hochwasserereignissen für deutsche Anlagen eine höhere Vorsorge zu erkennen ist. Weitere Robustheitsbewertungen zeigten, dass kein einheitliches Ergebnis in Abhängigkeit von Bauart oder Alter festzustellen ist. Der EU-Stresstest in Deutschland ist zusätzlich zu der Sicherheitsüberprüfung durch die RSK in der zweiten Jahreshälfte 2011 durchgeführt worden. Er zeigt auf, dass für die drei zentralen Sachthemen (Externe Ereignisse, Strom- und Kühlwasserausfall und Notfallmaßnahmen) bereits bei der Errichtung der Anlagen konservative und robuste Designanforderungen verwirklicht wurden. Schon die RSK hatte festgestellt, dass die deutschen Anlagen für konkrete ausgewählte Aspekte zum Teil hohe Robustheitsgrade aufweisen. Der Bericht über den in Deutschland durchgeführten EU-Stresstest zeigt aber auch Möglichkeiten für kontinuierliche sicherheitstechnische Verbesserungen der Kernkraftwerke auf, insbesondere im Bereich des Notfallschutzes, denen die zuständigen Aufsichtsbehörden der Bundesländer weiter nachgehen werden. Das BMU hat die RSK gebeten, die Ende April 2012 vorliegenden Ergebnisse des EU-Stresstests bei ihren weiteren Beratungen zu Erkenntnissen zur Verbesserung der Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke zu berücksichtigen.

Wurden bereits konkrete Maßnahmen durchgeführt?

Anfang 2012 hat die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) im Auftrag des BMU die Weiterleitungsnachricht (WLN) "Auswirkungen des Tohoku-Erdbebens an den japanischen Kernkraftwerksstandorten Fukushima Dai-ichi (I) und Dai-ni (II) am 11.03.2011 und des Niigataken Chuetsu-Oki-Erdbebens am japanischen Kernkraftwerksstandort Kashiwazaki-Kariwa am 16.07.2007" (PDF, 242 KB) an die Atomaufsichtsbehörden der Länder, Gutachter, Sachverständige, Hersteller und Betreiber von Kernkraftwerken in Deutschland versandt. Aus den Befunden bei den von den Erdbeben betroffenen Anlagen an den japanischen Kernkraftwerksstandorten hat die GRS insgesamt 22 Empfehlungen für deutsche Anlagen abgeleitet. Darunter sind konkrete Forderungen nach Maßnahmen gegen den Ausfall der elektrischen Energieversorgung (Station-Black-Out/Notstromfall), einem zusätzlichen Notstromaggregat, einer zusätzlichen unabhängigen Nebenkühlwasserversorgung, der Möglichkeit einer externen Reaktorkühlwasserversorgung, zusätzliche Maßnahmen zur Kühlung der Brennelementelagerbecken, zur Vermeidung von Wasserstoffansammlungen und zur gefilterten Druckentlastung des Sicherheitsbehälters. Darüber hinaus werden Vorkehrungen zur Brandbekämpfung gefordert. Die Erdbebengefährdung ist nach Stand von Wissenschaft und Technik neu zu überprüfen.
Die Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) hat ihre umfassenden Beratungen zu Erkenntnissen aus dem Fukushima-Unfall für deutsche Kernkraftwerke mit Ihrer Empfehlung vom 26./27.09.2012 abgeschlossen. Auf Basis weiterer vertiefter Beratungen einzelner Themen hat die RSK ergänzende Empfehlungen zur Robustheit beschlossen. Darunter sind Empfehlungen zu erweiterten Anforderungen gegen Hochwasser, interne Überflutung und Absturz von schweren Lasten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Widerstandsfähigkeit der Kernkraftwerke gegen den Ausfall der Stromversorgung. Dafür sollen die Anlage zukünftig nicht mehr nur 72 Stunden sondern eine ganze Woche ohne Strom von Außen auskommen können. Die Zeit, für welche die Anlagen alleine über Batterien in einem sicheren Zustand gehalten werden sollen, wurde von zwei auf zehn Stunden verlängert. Zusätzlich sollen mobile Notstromgeneratoren angeschafft werden, die auch bei Erdbeben und Hochwasser eingesetzt werden können.
Hinsichtlich der Wärmeabfuhr der Anlagen wird gefordert, dass für den Notfall über die reguläre Wärmeabgabe, z.B. an Flusswasser, hinaus eine unabhängige weitere Möglichkeit zur Wärmeabgabe z.B. an Brunnenwasser besteht.

Was ist eine Weiterleitungsnachricht (WLN)?

Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) erarbeitet im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) zu sicherheitstechnisch bedeutsamen Ereignissen in deutschen und ausländischen Kernkraftwerken sogenannte Weiterleitungsnachrichten. Ziel dieser Weiterleitungsnachrichten ist es, aus Betriebserfahrungen einzelner kerntechnischer Anlagen zu lernen und dadurch einen Sicherheitsgewinn auch für andere Anlagen zu erreichen. Die Weiterleitungsnachrichten enthalten eine Beschreibung des Sachverhalts, die Ergebnisse der Ursachenanalyse, die Bewertung der sicherheitstechnischen Bedeutung, die vom Betreiber ergriffenen oder vorgesehenen Maßnahmen und als wesentliche Elemente eine Betrachtung der Übertragbarkeit auf andere Kernkraftwerke sowie Empfehlungen zu Überprüfungen und gegebenenfalls Ergreifung von Abhilfemaßnahmen in anderen Kernkraftwerken. Sie werden von der GRS im Auftrag des BMU an die Aufsichtsbehörden der Länder, die Sachverständigenorganisationen, die Betreiber, die Hersteller und andere Institutionen übermittelt werden.
Die Betreiber erstellen zu jeder Weiterleitungsnachricht eine Stellungnahme für die jeweilige Aufsichtsbehörde, wobei insbesondere auf die Umsetzung der Empfehlungen eingegangen wird. Die zuständigen Aufsichtsbehörden der Länder überwachen die erforderliche Umsetzung der Empfehlungen und berichten dem BMU hierüber. Die GRS wertet den Erfahrungsrückfluss zu den Weiterleitungsnachrichten aus.
Weitere Informationen über Weiterleitungsnachrichten und deren Erstellungsprozess sind auf der Homepage der GRS unter www.grs.de abrufbar.

Wurde auch die Sicherheit weiterer kerntechnischer Anlagen untersucht?

Zusätzlich zu der Sicherheitsüberprüfung der deutschen Kernkraftwerke werden auch weitere kerntechnische Anlagen einer Risikoanalyse unterzogen. Die zuständigen Aufsichtsbehörden der Bundesländer haben inzwischen die Überprüfungen der Forschungsreaktoren mit einer thermischen Dauerleistung von mehr als 50 Kilowatt durchgeführt und die Ergebnisse der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) vorgelegt. Die RSK hat dazu ihre Stellungnahme vom 03.05.2012 "Anlagenspezifische Sicherheitsüberprüfung (RSK-SÜ) deutscher Forschungsreaktoren unter Berücksichtigung der Ereignisse in Fukushima-I (Japan)" erstellt.
Die Entsorgungskommission (ESK) wurde im Sommer 2011 mit der Entwicklung von Konzepten für die Überprüfung von in Betrieb oder in Errichtung befindlichen Einrichtungen zur Behandlung, Zwischenlagerung und Endlagerung bestrahlter Brennelemente, Wärme entwickelnder und anderer Arten radioaktiver Abfälle sowie für die Überprüfung der Urananreicherungsanlage in Gronau und der Anlage zur Brennelementherstellung in Lingen beauftragt. Die Ergebnisse der RSK-Beratungen und der Überprüfungen der Kernkraftwerke durch die atomrechtlichen Aufsichtsbehörden und ihre Sachverständigen sollen dabei berücksichtigt werden. Das entsprechende Konzept der ESK wird voraussichtlich in der ersten Hälfte des Jahres 2012, das Ergebnis ihrer Prüfung voraussichtlich Ende 2012 vorliegen.

Kernkraftwerke in Deutschland

Wie sind die deutschen Anlagen gegen den Ausfall der Strom-
versorgung oder andere unwahrscheinliche Gefahren gesichert?

Nach den Reaktorunfällen in Harrisburg im Jahr 1979 und in Tschernobyl im Jahr 1986 hat die Bundesregierung umfassende Überprüfungen entsprechender Anforderungen an die Sicherheit durchgeführt. Dabei wurden viele unwahrscheinliche Anforderungsfälle, zum Beispiel der vollständige Stromausfall einschließlich Ausfall von Notstromdieseln - sogenannter "Station Blackout" - berücksichtigt. Hierfür wurden dann zusätzliche Maßnahmen zur Vorsorge getroffen wie ein zweites gesichertes Notstromnetz und / oder Anbindung an weitere, möglichst auch in kritischen Fällen verfügbare Stromversorgungsquellen.

Kann sich in Folge eines Erdbebens in Deutschland eine vergleich-
bare Situation wie in Japan ergeben?

Was ist mit den Kernkraftwerken in Japan passiert: Zuerst sind diese Anlagen einer Erdbebenbelastung in bisher nicht erwarteter Größe ausgesetzt gewesen. Gegen diese Erdbebenstärke waren diese Anlagen nicht ausgelegt. Dennoch haben sie diesem ersten Angriff weitgehend standgehalten: Bei allen Anlagen soll die automatische Schnellabschaltung funktioniert haben. Der zweite Angriff auf die Sicherheit war der Ausfall der Stromversorgungsnetze: Hierfür steht eine Notstromversorgung zur Verfügung. Auch diese soll zunächst funktioniert haben. Nach etwa einer Stunde erfolgte dann wohl der dritte Angriff auf die Sicherheit: der Tsunami. Durch ihn sind für die Sicherheit lebenswichtige Anlagenteile wie die Notstromversorgung oder die Versorgung mit Kühlwasser ausgefallen. Damit waren Zustände erreicht, für die es keine vorgeplanten Maßnahmen mehr gab. Von diesem Moment an musste das Personal vor Ort improvisieren, um die Unfallfolgen möglichst zu minimieren. Die Ereigniskette aus Japan lässt sich nicht direkt auf Deutschland übertragen. Eine vergleichbare Situation zu der in Japan ist daher eher nicht zu erwarten. Die tektonischen und geologischen Verhältnisse sind andere und das Tsunamirisiko, das an der deutschen Küste besteht, kann als unbedenklich angenommen werden. Erdbeben gehören aber auch in Deutschland zu den naturbedingten Gefahren. Ihre zu erwartende Stärke ist jedoch auf einem im Vergleich zu Japan moderaten Niveau. Daneben stellen in Deutschland Hochwässer eine weitere Gefahr dar. Um insbesondere diesen beiden Gefahren für deutsche Kernkraftwerke zu begegnen, werden sie gegen Erdbeben und Hochwasser als auch eine gleichzeitige Einwirkung beider Gefahren ausgelegt. Das Risiko aus Erdbeben und Hochwasser ist dadurch in Deutschland stark minimiert.

Wie sind deutsche Kernkraftwerke gegen Erdbeben geschützt?

Alle deutschen Kernkraftwerke sind gegen Erdbeben ausgelegt. Sie wurden so konstruiert oder nachträglich verbessert, dass sie bei einem Erdbeben sicher abgeschaltet werden können und die dann weiterhin erforderliche Kühlung gewährleistet ist. Für diese Auslegung wird in Deutschland das Erdbeben angenommen, mit dem man am jeweiligen Kraftwerksstandort rechnen muss.

Gibt es vergleichbare Reaktortypen auch in Deutschland?

Bei den Anlagen in Fukushima handelt es sich um Siedewasser-Reaktoren der Firmen General Electric, Hitachi und Toshiba. Auch in Deutschland gibt es Siedewasser-Reaktoren: drei ältere Anlagen der Baureihe 69 (Brunsbüttel, Isar 1, Phillipsburg), eine neuere Anlage der Baureihe 69 in Krümmel und zwei Anlagen der Baureihe 72 (Gundremmingen B und C). Die Anlagen der Baulinie 69 wurden inzwischen dauerhaft abgeschaltet. Insbesondere die deutschen Reaktoren der Baulinie 72 weisen zu den japanischen Anlagen erhebliche Unterschiede auf.

Wie wird das Bemessungserdbeben ermittelt?

Das Bemessungserdbeben wird nach dem im kerntechnischen Regelwerk festgelegten Verfahren bestimmt. Dieses Regelwerk wurde 2011 überarbeitet. Hiernach ist auf Grundlage aufgetretener Ereignisse ein Erdbeben mit den für den Standort größten anzunehmenden seismischen Einwirkungen zu Grunde zu legen. Dazu gleichrangig soll nun auch eine probabilistische Analyse der Gefährdung eines Kernkraftwerksstandortes vorgenommen werden. Hierfür ist ein Erdbeben anzusetzen, das einmal in 100.000 Jahren am jeweiligen Standort auftritt (Überschreitenswahrscheinlichkeit von 10-5/a).

Kann für Deutschland ausgeschlossen werden, dass es - wie in Japan - ein stärkeres Erdbeben gibt, als das Bemessungsbeben?

Bei der Ermittlung des Bemessungserdbebens müssen bestimmte Annahmen getroffen werden. Um den dadurch auftretenden Unsicherheiten Rechnung zu tragen, werden für die Erdbebenauslegung im kerntechnischen Regelwerk "Sicherheits-Zuschläge" vorgesehen, die eine Unterschätzung des Bemessungserdbebens verhindern sollen.

Welche Maßnahmen sind in Deutschland für den Fall einer Kernschmelze vorgesehen?

Folgende Maßnahmen sind - je nach Lage - vorgesehen:

  • Evakuierung in der näheren Umgebung (bis etwa 10 - 25 Kilometer)
  • Verbleiben im Haus (bis etwa 25 - 100 Kilometer)
  • Einnahme von Jodtabletten, um die Schilddrüse vor dem Einbau von radioaktivem Jod zu schützen
  • Landwirtschaftliche Maßnahmen zur Vermeidung von Kontaminationen (Kühe in den Stall, Abdecken von Kulturen)

Hinweise für die Bevölkerung in Deutschland

Welche Auswirkungen gab es in Deutschland durch den atmosphärischen Transport radioaktiven Materials aus Japan?

Als Folge des Reaktorunfalls von Fukushima erhöhten sich die Jod-131 und Cs-134/137 Konzentrationen in der Luft für etwa einen Monat in Deutschland. Die gemessenen Konzentrationen waren aber so gering, dass sie keine gesundheitliche Gefährdung für die Menschen und die Umwelt in Deutschland und Europa darstellten. Die daraus resultierende Strahlenbelastung der Menschen betrug einige Millionstel milliSievert (mSv) insgesamt, was als sehr gering im Vergleich zur mittleren Strahlenbelastung durch natürliche Radionuklide in der Umwelt von 2,1 mSv pro Jahr einzustufen ist. Nach der Freisetzung der - primär leicht flüchtigen - Radionuklide wurden diese mit den Luftmassen global über die gesamte nördliche Erdhalbkugel verteilt. Während des Transports nahm die Konzentration der radioaktiven Stoffe in der Luft mit wachsender Entfernung vom Unfallort durch Verdünnung kontinuierlich ab. Zusätzlich verringert sich die Konzentration der radioaktiven Stoffe dadurch, dass ein Teil der Radionuklide unterwegs ausgewaschen wurde sowie durch radioaktiven Zerfall, was insbesondere die kurzlebigen Radionuklide Jod- 131 und Tellur-132 betrifft, die zu Beginn des Unfalls in Japan Dosis bestimmend waren. Durch diese Verdünnungseffekte kamen in Europa nur noch sehr geringe Aktivitäten in der Luft in Deutschland an, die nur mit den aufwändigen Methoden der Spurenanalyse nachzuweisen waren. Am 23.03.11 wurde erstmals Iod-131 und Cs-134/137 in den Luftproben an den Spurenmessstellen in Braunschweig, Potsdam und Offenbach nachgewiesen, am darauf folgenden Tag dann auch an der Messstation Schauinsland bei Freiburg. Die maximalen Aktivitätskonzentrationen wurden etwa 1 Woche später erreicht und lagen für Jod-131 bei einigen tausendstel Becquerel pro Kubikmeter Luft, für Cäsium-137 bei einigen zehntausendstel Becquerel pro Kubikmeter Luft an den vier Messstationen. Danach nahmen die Aktivitätskonzentrationen der Radionuklide kontinuierlich ab Seit Ende Mai 2011 liegen die Messwerte wieder auf dem gleichen Niveau wie vor der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Im Vergleich dazu liegt die Konzentration des natürlich vorkommenden Edelgases Radon und dessen an Luftstaub gebundenen Folgeprodukte bei einigen Becquerel je Kubikmeter (Bq/m3) Luft im Freien und bei etwa 50 Bq/m3 im Mittel in Häusern. Standortabhängig schwanken diese Werte, weil die Radonkonzentration vom geologischen Ausgangsgestein und der Wetterlage beeinflusst wird.

Ist es für Japanreisende notwendig, Jodtabletten aus Deutschland
mit nach Japan zu nehmen?

Nein. Sollte es wider Erwarten zu einer erneuten Freisetzung von Radioaktivität in die Atmosphäre kommen, wäre es Aufgabe des japanischen Staates, die eigenen Bürger sowie die im Land weilenden Ausländer entsprechend der radiologischen Lage zu schützen und erforderlichenfalls auch mit Jodtabletten zu versorgen. Personen, die planen, unmittelbar in die Region um Fukushima zu reisen, können sich auf der Internetseite der Deutschen Botschaft unter www.japan.diplo.de informieren. Weitere Informationen: www.jodblockade.de

Wie wird vermieden, dass kontaminierte Lebensmittel auf den Markt gelangen?

Lebensmittel, die aus Japan importiert werden, werden von den für die Lebensmittelkontrollen zuständigen Landesbehörden auf Radioaktivität untersucht. Rechtliche Grundlage dafür stellen die Sondervorschriften dar, die als Sicherheitsmaßnahmen für die Einfuhr von Lebensmitteln aus Japan auf europäischer Ebene erlassen wurden. Danach dürfen Lebensmittel aus den betroffenen japanischen Regionen nur noch nach Deutschland eingeführt werden, wenn sie in Japan kontrolliert und zertifiziert wurden. Somit wird bescheinigt, dass keine erhöhte radioaktive Belastung vorliegt. Sollten wider Erwarten an den EU-Außengrenzen kontaminierte Lebensmittel festgestellt werden, werden diese zurückgewiesen und gelangen nicht auf den europäischen Markt. Die am 26. März 2011 in Kraft getretene  Durchführungsverordnung der EU-Kommission (Nr. 297/2011) (PDF extern, 759 KB) wurde in der Folgezeit regelmäßig an die Entwicklung der Lage angepasst. Im Rahmen der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 284/2012 der Kommission vom 29. März 2012 wurden die Radioaktivitätswerte abgesenkt, die Häufigkeit von Probenahmen vermindert sowie der Verlängerung der Gültigkeitsdauer der Sondervorschriften bis Oktober 2012 festgelegt.
Mit der  Durchführungsverordnung (EU) Nr. 561/2012 der Kommission (PDF extern, 770 KB) vom 27. Juni 2012 wurde der Geltungsbereich der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 284/2012 auf die Präfektur Iwate ausgeweitet. Im Oktober 2012 wurde diese durch die Verordnung (EU) Nr. 996/2012 vom 26.Oktober 2012 ersetzt, die bis zum 31. März 2014 gelten soll.
In Deutschland ist das Risiko durch radioaktiv kontaminierte Lebensmittel, die aus Japan importiert wurden, äußerst gering. Die vorgeschriebenen Kontrollen bei der Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte aus Japan zeigten, dass nur in sehr wenigen Fällen eine messbare Kontamination nachgewiesen wurde. Lediglich in zwei von insgesamt 298 Proben lagen die Messergebnisse oberhalb der Hintergrundbelastung.

Weitere Informationen, insbesondere zu Ergebnissen der Lebensmittelüberwachung, sind auf folgenden Internetseiten verfügbar:

Mit welcher Strahlenbelastung ist bei Reisen nach Japan zu rechnen, auch durch dortigen Verzehr von in Japan erzeugten Nahrungsmitteln?

Bei einer 4-wöchigen Reise in die höher belasteten Gebiete im Osten der Präfektur Fukushima (z.B. in die Stadt Fukushima-City) ist mit einer Strahlenbelastung durch auf den Boden abgelagerte Radionuklide von etwa 0,1-1 Millisievert (mSv), in den niedriger belasteten Gebiete im Westen und Süden der Präfektur Fukushima von etwa 0,03-0,3 mSv zu rechnen. In den benachbarten Präfekturen ist eine Strahlenbelastung von maximal 0,3 mSv, in den meisten Gebieten jedoch von deutlich unter 0,1 mSv zu erwarten. In allen anderen Landesteilen von Japan ist bei einer 4-wöchigen Reise mit einer Strahlenbelastung von unter 0,1 mSv, meist sogar von weniger als 0,01 mSv zu rechnen (für Tokyo z.B. weniger als 0,03 mSv). Die Berechnungen für Aufenthalte im Freien sowie in Gebäuden basieren auf konservativen Annahmen.

(Zugrunde gelegte Annahmen: 8 Stunden im Freien, 16 Stunden in Gebäuden mit niedriger Abschirmung. Japanische Berechnungen beruhen ebenfalls auf diesen Annahmen (Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz))

Durch Verzehr von in Japan erzeugten Nahrungsmitteln während einer 4-wöchigen Reise wurde für den Zeitraum von etwa einem Jahr nach dem Unfall eine zu erwartende Strahlenbelastung von unter 0,1 mSv abgeschätzt, wenn man die seit März 2011 bei der Überwachung von Radioaktivität in Nahrungsmitteln in Japan gemessenen Werte zugrunde legt.

Bis auf wenige Ausnahmen, z. B. bestimmte Fischarten, hat die Kontamination im Lebensmittelbereich wesentlich abgenommen. Vor diesem Hintergrund wurden die japanischen Höchstwerte für Lebensmittel weiter abgesenkt. Die daraus resultierende Strahlendosis in Japan liegt derzeit deutlich unter 0,1 mSv.

Zum Vergleich: Die mittlere Strahlenbelastung durch natürliche Radionuklide in der Umwelt beträgt in Deutschland 2,1 mSv pro Jahr.

Sind die derzeitigen Notfallschutzplanungen in Deutschland auf
Grund der Erfahrungen aus dem Unfall von Fukushima ausreichend?

In Deutschland sowie in den anderen europäischen Staaten basieren die derzeitigen Planungen zum Notfallschutz bei Kernkraftwerks (KKW)-Unfällen und der Einsatz von Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung auf den Erfahrungen des Unglücks von Tschernobyl. Der Unfallablauf in Fukushima war gekennzeichnet durch lang anhaltende Freisetzungen. Er unterscheidet sich somit von den Grundannahmen für den Einsatz von Maßnahmen , die gekennzeichnet sind durch eine längere Vorlaufzeit bis zum Beginn der Freisetzung bzw. durch eine Freisetzung während eines vergleichsweise kurzen Zeitraums. Die Maßnahmen betreffen den Katastrophenschutz (Verbleiben in Gebäuden, Iodblockade der Schilddrüse, vorübergehende oder langfristige Evakuierung).
Die bei der Bewältigung von KKW-Unfällen beteiligten Fachbehörden und Institutionen (Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), Gesellschaft für Reaktorschutz (GRS), Strahlenschutzkommission (SSK)) analysieren derzeit in einem aufwendigen Verfahren, ob und ggf. welche Schwachpunkte sich in der bisherigen Notfallschutzplanung ergeben. Dabei wird auch geprüft, ob gegebenfalls durch Einbeziehung von "Fukushima"-Unfallszenarien" größere Maßnahmengebiete (z.B. größere Evakuierungsgebiete) berücksichtigt werden müssen. Zudem ist auf Grund der Erfahrungen in Fukushima zu beachten, dass die Maßnahme "Verbleiben in Gebäuden" bei längeren Freisetzungen nur eingeschränkt durchgeführt werden kann, weil sie (aus psychologischen Gründen) möglichst nicht länger als zwei Tage dauern soll.

Hinweise für den Schiffsverkehr

Zurzeit sind keine besonderen Verhaltensmaßnahmen erforderlich.

Hintergrundinformationen

Ist für Nachbarländer Japans mit erhöhten Strahlungswerten zu rechnen?

Für die Nachbarländer Japans (wie z.B. Korea, China, Russland, Philippinen) ist nicht mit erhöhten Strahlenwerten zu rechnen. Auch in den nördlich von Japan gelegenen Gebieten von Russland, in denen kurz nach dem Unfall Spuren von Radioaktivität in der Luft nachgewiesen werden konnten, war zu dieser Zeit keine Erhöhung der Dosisleistung erkennbar. Bei der Überwachung der Radioaktivität in Nahrungsmitteln in den Nachbarländern Japans zeigte sich unter vielen Tausenden von Messungen nur in sehr vereinzelten Importproben eine Überschreitung von Höchstwerten.

Wie ist die Kontamination der Meeresumwelt vor Japan
einzuschätzen?

(Antwort des Johann Heinrich von Thünen-Instituts - einer Behörde aus dem Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz)

Meerwasser:

Die hauptsächlich infolge des Reaktorunfalls von Fukushima im Meer nachgewiesenen Radionuklide sind Cäsium (Cs)-137, Cs-134 und in geringerem Maße auch Strontium (Sr)-89 und Sr-90. In den Küstengewässern überwiegt das aus den Reaktoren stammende Cäsium bei weitem das noch vom globalen Kernwaffenfallout im Pazifik vorhandene Cäsium. Diese Aussage basiert auf Messdaten an vier Stationen sehr nahe an der Japanischen-Küste (zwei davon direkt an den Auslaufkanälen des Kernkraftwerks), an denen TEPCO täglich die Aktivitätskonzentrationen im Meerwasser bestimmt. Danach gingen die Cs-137-Aktivitätskonzentrationen bis zum Sommer 2011 auf unter 5 Becquerel pro Liter (Bq/l) zurück. Mit einer Absenkung der Nachweisgrenze auf ca. 1 Bq/l werden erst seit Ende Oktober wieder Cs-Isotope mit Werten von etwas über 1 Bq/l nachgewiesen. Aus den Konzentrationswerten ergab sich bis Ende April 2011 eine Aktivitätsabnahme im Meerwasser mit einer effektiven Halbwertszeit von etwa 2-3 Tagen; danach nahm die effektive Halbwertszeit bis Oktober 2011 auf etwa 20-30 Tage zu und scheint sich seit dem Winter nochmals auf über 100 Tage zu erhöhen. Dieses Verhalten deutet auf einen möglichen Eintrag durch "Run-off" vom Land ins Meer hin. Es wurden bisher leider nur relativ wenige Werte der Aktivitätskonzentrationen der Sr-Isotope im Meerwasser bestimmt. Für die charakteristischen Verhältnisse der Radionuklid-Aktivitätskonzentrationen im Meerwasser vor Fukushima wurden folgende Median-Werte (bezogen auf den 11. März 2011) ermittelt: Sr-89/Sr-90: 12
Sr-90/Cs-137: 0,04 Plutoniumisotope gelangten den Messdaten zufolge offenbar nicht ins Meer.

Meerestiere:

Bisher wurden im japanischen Messprogramm über 5600 Proben von über 200 verschiedenen Arten von Meeres-Biota untersucht. Den Hauptanteil daran machten Fische aus. Cäsium-Messwerte der vor der Küste der Präfektur Fukushima genommenen Proben von diversen Arten wirbelloser Tiere (z.B. Muscheln, Schnecken, Garnelen) gingen von Mai 2011 an von knapp 400 Bq/kg auf etwa 10 Bq/kg im Februar 2012 zurück. Südlich von Fukushima, vor der Küste der Präfektur Ibaraki waren entsprechende Werte etwa 3fach niedriger. Vor der Küste der Präfektur Fukushima nahm die Gesamt-Cäsium-Konzentration der Fische bis zum Sommer im Mittel bis auf etwa 200 Bq/kg zu. Dabei wiesen bodennah lebende (benthische und demersale) Fische, z.B. Plattfische, Rochen und Drachenkopfartige, um gut dreifach höhere Cs-Aktivitätswerte auf als im Freiwasser lebende. Dies ist auf das jeweilige Beutespektrum und die Aufnahme von mit Cäsium belasteten Benthos-Organismen bei bodennah lebenden Fischen zurückzuführen. Seitdem zeigt der zeitliche Verlauf der Aktivitätswerte im Fisch mit Monatsmittelwerten von etwas unter 200 Bq/kg und monatlichen Maximalwerten zwischen 2000 und 4000 Bq/kg Gesamt-Cs noch keinen klaren Trend. Der monatliche Anteil der Überschreitungen des Grenzwerts von 500 Bq/kg Gesamt-Cs an der Anzahl der insgesamt beprobten Fische schwankt zwischen 5 und 10%. Gleichzeitig nahmen die Gesamt-Cs-Konzentrationen im Meeresfisch mit zunehmender Entfernung von Fukushima in Richtung Süden ab (Ibaraki ≤50 Bq/kg bzw. Chiba ≤15 Bq/kg). Die kommerzielle Fischerei vor der Provinz Fukushima ist aber immer noch ausgesetzt. In den bisher sehr wenigen Sr-Analysen in Fisch konnte kein Sr-90 nachgewiesen werden. Aus dem oben erwähnten Sr-90/Cs-137-Verhältnis wird gefolgert, dass das vom Fisch angereicherte Sr-90 im Vergleich zu den Cäsium-Isotopen nur eine untergeordnete Rolle spielt. Zusätzlich wurden auch Fische aus küstenfernen Gebieten von mehreren Hundert km bis über 1000 km östlich von Fukushima bis Mitte November 2011 untersucht. Hierbei wurden Gesamt-Cs-Werte von bis zu 16 Bq/kg (Skipjack tuna oder Echter Bonito) gefunden.

Süßwasserfische:

Bei den in Fukushima und umliegenden Präfekturen gemessenen Fischen aus Binnengewässern wiesen solche aus Fischzuchten niedrige Gesamt-Cs-Werte von unter 15 Bq/kg auf. Dagegen wurden in wild lebenden Fischen deutlich höhere Werte von im Mittel 50 bis 200 Bq/kg nachgewiesen. Seit dem Sommer 2011 nahmen die Cs-Konzentrationen in Fischen aus Fließgewässern auf jetzt etwa 50 Bq/kg ab, während in Fischen der Binnenseen seit dem Spätherbst schwankende Monatsmittelwerte um 300 Bq/kg ermittelt wurden. Dieser Unterschied ist bereits aus heimischen Gewässern aus der Zeit nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl als Folge des geringeren Wasseraustauschs der Binnenseen bekannt.

Bewertung

Würde man ein Jahr lang wöchentlich eine Fischmahlzeit aus dem Pazifik (Hochsee) zu sich nehmen, die jeweils durchschnittlich 10 Bq/kg an Cs-137 und Cs-134 enthält, entspräche dieses einer Strahlenexposition von ca. 3 µSv/Jahr bzw. etwa 0,14% der mittleren natürlichen Strahlenexposition. Weitere Informationen hierzu wurden unter www.ti.bund.de bereitgestellt.

Bei welcher Strahlendosis sind Schäden an Personen zu befürchten?

Unmittelbare Strahlenschäden sind bei einer Strahlendosis, die 100 Millisievert nicht übersteigt, nicht zu befürchten. Allerdings können auch geringe Dosen zu einer statistischen Erhöhung des Krebsrisikos führen. In Deutschland wird bei einem kerntechnischen Unfall ab einer erwarteten Strahlendosis von 10 Millisievert der Aufenthalt in Gebäuden empfohlen und ab einer erwarteten Strahlendosis von 100 Millisievert die Umgebung evakuiert. Zum Vergleich: Die jährliche effektive Dosis der natürlichen Strahlenexposition beträgt bei durchschnittlichen Bedingungen in Deutschland 2,1 Millisievert. Ursache hierfür sind die kosmische Strahlung und die überall in der Umwelt vorkommenden natürlichen Radionuklide (kosmogene und terrestrische Radionuklide). Weiterführende Informationen zu Strahlendosen wie auch eine Übersicht über wichtige Dosis- und Grenzwerte finden Sie auf der Website des Bundesamtes für Strahlenschutz: www.bfs.de.

Wie und von wem wird in Deutschland die Radioaktivität in der
Umwelt überwacht?

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), eine Behörde im Geschäftsbereich des Bundesumweltministeriums (BMU), betreibt ein integriertes Mess- und Informationssystem (IMIS) zur umfassenden Überwachung der Radioaktivität in der Umwelt in Deutschland. Hierfür sind flächendeckend etwa 1800 Messstationen im ständigen Einsatz. So liegt zu jeder Zeit ein detailliertes Bild über die radiologische Situation in Deutschland vor. Konkrete Daten aus Ihrer Region erhalten Sie auf der Internetseite www.bfs.de/ion/imis. Darüber hinaus werden an 50 Messstationen die Aktivitätskonzentrationen in der Luft gemessen. Außerdem werden in mehr als 60 Laboratorien von Bund und Ländern Proben von Nahrungs- und Futtermitteln, Pflanzen und Boden sowie Abfälle analysiert.

Welche Gefahr geht von Plutonium aus?

Plutonium entsteht in Kernreaktoren aus Uran-238. Es handelt sich um eine radioaktive Substanz, die unter Aussendung von Alpha-Strahlung zerfällt. Alpha-Strahlung besitzt jedoch nur eine sehr geringe Reichweite, so dass Personen vor den äußeren Einwirkungen der Alpha-Strahlung von Plutonium bereits durch dünne Luftschichten wirksam geschützt sind. Erst wenn Plutonium über die Luft eingeatmet wird, besteht eine Gefährdung durch die dann lokal wirkende Alpha-Strahlung. Hinzu kommt, dass Plutonium ebenso wie andere Schwermetalle wie Blei und Quecksilber giftig ist. Über die Nahrung aufgenommen reichert es sich im Körper v.a. in Knochen und Leber an und kann Krebs auslösen. Derzeit ist das Vorkommen von Plutonium auf die Anlage von Fukushima begrenzt. Eine Gefahr für Deutschland besteht nicht.

Konnte in Lebensmitteln deutschen Ursprungs Radioaktivität
aufgrund des Unfalls in Fukushima nachgewiesen werden?

Durch die große Entfernung zu Japan und die damit verbundene Verdünnung der freigesetzten radioaktiven Stoffe erreichte nur ein sehr kleiner Anteil Deutschland. Es konnten in der Atmosphäre geringste Spuren an Jod und Cäsium nachgewiesen werden, die nur aufgrund der hohen Empfindlichkeit der Geräte bestimmt werden konnten. Nach dem Durchzug der radioaktiven Wolke wurden in Deutschland vom Max-Rubner-Institut in Kiel (Leitstelle für Boden, Bewuchs, Futtermittel und Nahrungsmittel pflanzlicher und tierischer Herkunft) zusätzlich zur routinemäßigen Überwachung der Umwelt repräsentative Umweltmedien mit erhöhtem Messaufwand untersucht. Um die einzelnen Nahrungsketten zu prüfen, wurden Milch und Winterlauch beprobt. In einigen Milchproben konnte Jod -131 in der Zeit vom 31.3.2011 bis 11.4.2011 nachgewiesen werden. Die Konzentrationen lagen zwischen 5 und 12 mBq pro Liter. Nach dem 14.4.2011 lagen die Messwerte in der Milch nur noch unterhalb der Nachweisgrenze von 2 mBq pro Liter. Radioaktives Cäsium konnte in keiner der Milchproben nachgewiesen werden. In Lauch wurden Jod-131 - Konzentrationen zwischen 110 und 550 mBq pro kg im Zeitraum vom 31.3.2011 bis 26.4.2011 gemessen. Cäsium wurde nur in zwei Lauchproben nachgewiesen. Sie lagen mit 40 und 60 mBq pro kg nur knapp oberhalb der Nachweisgrenze. Die gemessen Werte waren so niedrig, dass eine gesundheitliche Gefährdung selbst bei erhöhtem Konsum von Milch und Freilandprodukten nicht zu befürchten ist.

Wie werden Lebensmittelimporte aus Japan geregelt?

Mit der EU-Durchführungsverordnung EG 297/2011 (PDF extern, 759 KB) vom 26. März 2011 ist die traten die erste Sondervorschriften für die Einfuhr von Lebens- und Futtermitteln aus Japan in Kraft. Als Referenzwerte wurden darin die maximal zulässigen Höchstwerte der Verordnung (EURATOM) Nr. 3954/1987 (Höchstwerteverordnung; auch "Schubladenverordnung" oder "Notfallverordnung" genannt) zugrunde gelegt. Mit der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 351/2011 wurden im April 2011 die Werte an die in Japan geltenden Grenzwerte angepasst. Durch die Festlegung der Werte kann beurteilt werden, ob das Inverkehrbringen von Lebens- und Futtermitteln aus Japan in Europa akzeptabel ist.

Am 25. Mai 2011 ist die Durchführungsverordnung (EU) Nr. 506/2011 der Kommission vom 23. Mai 2011 (PDF extern, 801 KB) in Kraft getreten, damit wird die Gültigkeit der Verordnung (EU) Nr. 297/2011 in ihrer geänderten Fassung bis zum 30. September 2011 verlängert und die Kontrollpflicht auf Lebensmittel aus einer weiteren japanischen Provinz ausgedehnt. Mit der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 657/2011 der Kommission vom 7. Juli 2011 wurde der Gültigkeitsbereich auf eine weitere japanische Provinz, in welcher kontaminierter grüner Tee gefunden wurde, ausgedehnt. Zwei andere Provinzen wurden von den Bestimmungen ausgenommen.

Im Rahmen der am 27. September 2011 in Kraft getretenen Durchführungsverordnung (EU) Nr. 961/2011 der Kommission wurde die Gültigkeitsdauer der Maßnahmen bis zum 31. Dezember 2011 verlängert. Mit der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 1371/2011 der Kommission vom 21. Dezember 2011 wurde die Gültigkeit abermals um 3 Monate verlängert sowie weitere Anpassungen vorgenommen. Unter anderem wurde die Forderung nach Messungen auf Jod-131 zurückgenommen, da dieses Radionuklid auf Grund seiner kurzen Halbwertzeit keine Relevanz mehr hat.

Im März 2012 wurde in Anpassung an die radiologische Lage eine Absenkung der Referenzwerte für verschiedene Lebensmittelgruppen, eine Beschränkung der Lebensmittelprobenmessungen auf Cäsium-Isotope, eine verminderte Häufigkeit der Probenmessungen, sowie die weitere Verlängerung der Gültigkeit der Sondervorschriften beschlossen. (Durchführungsverordnung (EU) 284/2012 der Kommission vom 29. März 2012).

Mit der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 561/2012 der Kommission vom 27. Juni 2012 wurde die Gültigkeit der Verordnung (EU) 284/2012 auf die Präfektur Iwate ausgeweitet, da dort Überschreitungen der Höchstwerte bei Shiitake-Pilzen, Farn- und Fischprodukten festgestellt wurden.

Im Oktober 2012 wurde letztgenannte durch eine modifizierte Regelung ersetzt. Die Verordnung (EU) Nr. 996/2012 vom 26.Oktober 2012 (PDF extern, 774 KB) beinhaltet im wesentlichen die weitere Aufrechterhaltung der Überwachungsmessungen in der Präfektur Fukushima im bisherigen Umfang, Festlegungen zu Überwachungsmodalitäten in anderen betroffenen Präfekturen anhand einer Positivliste für Lebens- und Futtermittelgruppen, Festlegungen für zeitlich befristete Übergangsmaßnahmen, weiterhin Ausnahmeregelungen für Produkte, die für den persönlichen Bedarf bestimmt sind. Die Verordnung gilt bis zum 31. März 2014, soll jedoch nach Abschluss der aktuellen Ernteperiode im März 2013 überprüft werden.

Alle genannten Durchführungsverordnungen wurden unter Federführung der Generaldirektion Gesundheit (DG SANCO) erlassen. Die Generaldirektion Energie (DG ENERGY) hat fachlich zugestimmt.

Die Höchstwerteverordnung (EURATOM) Nr. 3954/1987 selbst wurde von der EU nicht für den Erlass einer Durchführungsverordnung herangezogen. Bei der Festlegung der Werte war an einen kerntechnischen Unfall gedacht worden, durch den die Lebensmittelversorgung für Europa gefährdet sein könnte. Dieser Fall ist durch die Lage im Kernkraftwerk Fukushima nicht gegeben.

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