Stilllegungsstrategien und Abbautechniken

Stilllegungsstrategien

In Deutschland wurden beziehungsweise werden zwei Stilllegungsstrategien verfolgt:

Direkter Abbau: Bei dieser Stilllegungsstrategie wird eine kerntechnische Anlage unmittelbar nach der endgültigen Abschaltung beseitigt, das heißt alle Gebäudeteile werden entfernt und der natürliche Ausgangszustand in Form der sogenannten "Grünen Wiese" wird wieder hergestellt, oder die Gebäude werden noch nach der Entlassung aus der atomrechtlichen Überwachung weiter verwendet (industrielle Nachnutzung). Erfahrungsgemäß dauert dieser Prozess mehrere Jahre, im Falle des Abbaus eines Kernkraftwerks mindestens ein Jahrzehnt. Nach Beendigung des Abbaus der Anlage kann gegebenenfalls noch ein Lager für radioaktive Abfälle oder für abgebrannte Brennelemente bis zu deren Ablieferung an ein Endlager verbleiben.

Sicherer Einschluss: Bei dieser Stilllegungsstrategie wird eine kerntechnische Anlage nach der endgültigen Abschaltung in einen wartungsarmen sicheren Zustand überführt und erst nach einer Periode des sicheren Einschlusses von beispielsweise 30 Jahren abgebaut. In Deutschland wurde der sichere Einschluss als Stilllegungsstrategie bisher selten angewandt und ist derzeit bei keiner stillzulegenden Anlage beabsichtigt.

Abbau eines Kernkraftwerks

Der Abbau eines Kernkraftwerks wird in mehreren Schritten durchgeführt, für die üblicherweise mehrere atomrechtliche Stilllegungs- und Abbaugenehmigungen benötigt werden. Vor Beginn der Abbauarbeiten befindet sich die Anlage noch weitgehend im gleichen technischen Zustand wie während des Betriebs. In dieser Phase zwischen endgültiger Abschaltung und Erteilung der ersten Stilllegungsgenehmigung werden vorbereitende Maßnahmen für den späteren Abbau durchgeführt, wie zum Beispiel die Erstellung einer detaillierten Übersicht über das radioaktive Inventar der Anlage durch Messungen und Probennahmen, die Entfernung von Brandlasten und Betriebsabfällen und die Erstellung der Antragsunterlagen für die erste Stilllegungsgenehmigung.

Der Abbau von Anlagenteilen wird in der Regel in den Bereichen mit geringer Kontamination begonnen und schreitet in Bereichen mit höherer Kontamination fort ("von außen nach innen"). Vereinfacht verläuft der Abbau eines Kernkraftwerks in der Regel wie folgt:

  • Schritt 1: Abbau der für den Restbetrieb nicht mehr benötigten Anlagenteile und möglichst frühzeitiger Abtransport der bestrahlten Brennelemente aus der Anlage
  • Schritt 2: Abbau der höher aktivierten Anlagenteile wie des Reaktordruckbehälters und des biologischen Schilds
  • Schritt 3: Dekontamination von Gebäuden und Entlassung der gesamten Anlage (Gebäude und Bodenflächen) aus der atom- und strahlenschutzrechtlichen Überwachung
  • Schritt 4: Konventioneller Abriss oder Weiterverwendung der Gebäude

Abbautechniken

Für die Durchführung der Stilllegung ist es wichtig, über betriebsbewährte, zuverlässige Techniken zu verfügen, die die Anforderungen an Sicherheit, Strahlenschutz und zügige Projektdurchführung erfüllen. Es werden Techniken für verschiedene Verfahren benötigt: Dekontaminationstechniken, Abbau- und Zerlegetechniken sowie weitere Techniken, etwa zu Aktivitätsmessungen und zur Abfallkonditionierung.

Bei der Auswahl der einzelnen Techniken werden u.a. folgende Kriterien berücksichtigt:

  • Strahlenschutzaspekte, mit dem Ziel, die Strahlenexposition des Personals möglichst gering zu halten,
  • Eignung und Effektivität des Verfahrens,
  • die Möglichkeit einer Freigabe radiologisch unbedenklicher Stoffe,
  • Verringerung des Volumens der radioaktiven Abfälle und räumliche Randbedingungen.

Auswahl und Einsatz der Techniken werden durch die zuständigen Landesbehörden genehmigt und beaufsichtigt. Unterstützt werden die Behörden dabei durch technische Gutachter.

Zuletzt geändert: 11.12.2015