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Tschernobyl und die Folgen

In der Nacht des 26. April 1986 ereignete sich im Atomkraftwerk Tschernobyl der weltweit schwerste Unfall in der zivilen Nutzung der Atomenergie. Noch während des Abfahrens sollte in einem vorgegebenen Leistungsbereich ein Versuch eingeleitet werden, um bestimmte Sicherheitseigenschaften der Anlage nachzuweisen.

Kurzer Abriss der Ereignisse

Unzulänglichkeiten des Versuchsprogramms, unerwartete Bedingungen während der Versuchsdurchführung sowie mehrere nicht vorhersehbare Ereignisse und ungeplante Eingriffe des Betriebspersonals führten dazu, dass die Anlage in einen äußerst instabilen Betriebszustand gefahren wurde.

Nach Versuchsbeginn um 1:23 Uhr führte der instabile Anlagenzustand zunächst zu einem Leistungsanstieg und dann innerhalb weniger Sekunden zu einem rapiden Anstieg der Energiefreisetzung in den Brennelementen und zur Zerstörung des Reaktorkerns. Die im Brennstoff gespeicherte Wärme wurde dabei sehr schnell in das umgebende Kühlmittel übertragen, welches praktisch spontan verdampfte. Der resultierende hohe Druckanstieg führte zur Explosion des Reaktors. Durch die Explosion und den Brand im Reaktor wurden vor allem in den ersten zehn Tagen radioaktive Stoffe massiv freigesetzt und großräumig verteilt.

Der Reaktorunfall hat gezeigt, welches Gefährdungspotenzial mit der Nutzung der Atomenergie verbunden ist. Auch drei Jahrzehnte danach leidet die Bevölkerung in den am stärksten betroffenen Gebieten der Ukraine, Weißrusslands und Russlands noch unter den Folgen des Unfalls. Insgesamt gibt es in den Ländern Russland, Belarus und Ukraine circa 7 Millionen anerkannte "Tschernobyl-Betroffene". "Tschernobyl-Betroffene" sind Personen, die durch den Reaktorunfall einen gesundheitlichen oder finanziellen Nachteil erlitten haben.

Auch wenn der Reaktortyp in Tschernobyl Auslegungsdefizite besaß, die bei westlichen Reaktoren nicht vorhanden sind, so hatte der Unfall doch erhebliche Konsequenzen für den weltweiten Betrieb von Atomkraftwerken. Es stellten sich den nationalen Regierungen, aber auch der internationalen Staatengemeinschaft, eine Vielzahl von Fragen und Problemen im Zusammenhang mit den 

  • sicherheitstechnischen,
  • gesundheitlichen,
  • ökologischen sowie
  • sicherheits- und energiepolitischen 

Folgen, die durch den Reaktorunfall bis dato unbekannte Ausmaße angenommen hatten. Von Anfang an hat sich das Bundesumweltministerium an vielen bi- und multilateralen Projekten und Vorhaben zur Lösung der vordringlichen Probleme beteiligt.

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Sicherheitstechnische Maßnahmen am Standort Tschernobyl

Stilllegung und Überführung des Sarkophags in einen ökologisch sicheren Zustand sowie Bau einer neuen Schutzhülle Auf dem Gipfel der G-7-Staaten in München 1992 hatten die G7-Staaten unter wesentlicher Mitwirkung Deutschlands erklärt, dass nach ihrem sicherheitstechnischen Verständnis vor allem die RBMK-Reaktortypen so bald wie möglich abgeschaltet werden sollten. Beim RBMK ("Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalnyi") handelt es sich um einen grafitmoderierten Siedewasser-Druckröhrenreaktor, der in der damaligen Sowjetunion auch an den Standorten Leningrad, Kursk, Smolensk und Ignalina betrieben wurde. Auf dem G-7-Gipfel 1994 in Neapel wurde der Ukraine ein Aktionsplan zur Unterstützung bei der Stilllegung des Atomkraftwerks Tschernobyl mit seinen dort noch in Betrieb befindlichen drei RBMK-1000 angeboten. Diese Initiative führte am 20. Dezember 1995 zur Unterzeichnung des "Memorandum of Understanding on the Closure of the Chernobyl Nuclear Power Plant" (MoU) zwischen den G-7-Staaten, der Europäischen Kommission sowie der Ukraine. Der damalige Präsident Kutschma sagte zu, das Atomkraftwerk Tschernobyl bis zum Jahr 2000 abzuschalten, was dann auch am 15. Dezember 2000 erfolgte. Als Gegenleistung wurde westliche Unterstützung im Energiebereich und im Bereich der nuklearen Sicherheit, insbesondere bei Maßnahmen zur Überführung des risikobehafteten Sarkophags in Tschernobyl in einen umwelttechnisch sicheren Zustand zugesichert.

Für das Ziel der Überführung des Sarkophags in einen umwelttechnisch sicheren Zustand wurde zunächst mit Unterstützung durch die USA, die Europäische Kommission und die Ukraine der sogenannte Shelter Implementation Plan (SIP) entwickelt. Dieser wurde von den G7 gebilligt und unter amerikanischem Vorsitz 1994 vor dem G7-Gipfel in Denver unterzeichnet. Mit den finanziellen Mitteln, die unter anderem auf einer Pledging-Konferenz 1997 in New York eingeworben wurden, wurde noch 1997 der Chernobyl Shelter Fund (CSF) bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) eingerichtet.

Wichtigste Maßnahmen im Rahmen des SIP sind die Stabilisierung des bestehenden Sarkophags, die Errichtung des New Safe Confinement (NSC), das über den alten Sarkophag geschoben wird (Ende November 2016 erfolgreich durchgeführt), sowie der Abbau der instabilen Teile des Sarkophags nach Inbetriebnahme des NSC. Für den späteren Rückbau des alten Sarkophags und die Beseitigung der darin enthaltenen radioaktiven Abfälle wird eine Strategie entwickelt. Die projektierte Lebensdauer des NSC beträgt 100 Jahre. Der Betrieb des NSC, der Rückbau des alten Sarkophags und die Beseitigung der darin enthaltenen radioaktiven Abfälle sind nicht Bestandteile des SIP und liegen in der Verantwortung der Ukraine.

Das NSC, das aus Strahlenschutzgründen auf einem Bauplatz in einiger Entfernung vom Sarkophag und dort von diesem außerdem noch durch eine Strahlenschutzmauer getrennt war, wurde von dem Konsortium NOVARKA errichtet und nach Fertigstellung Ende 2016 über den alten Sarkophag geschoben und abgedichtet. Das NSC, das die äußere Form einer liegenden halben Tonne hat, ist circa 110 Meter hoch, 165 Meter lang und besitzt eine Spannweite von circa 260 Metern. Das NSC soll seine Funktionsfähigkeit Ende 2017/Anfang 2018 erreichen.

Über den Einsatz der finanziellen Mittel zur Durchführung der Teilprojekte des SIP entscheidet die Geberversammlung des CSF. Deutschland gehört zu den wichtigsten Gebern. Die Abwicklung der gebilligten Teilprojekte erfolgt nach den Regeln der EBWE. Die Gesamtkosten zur Umsetzung des SIP werden circa 2,15 Milliarden Euro betragen, wobei sich Deutschlands direkter CSF-Anteil auf circa 100 Millionen Euro beläuft. Auf YouTube wird die Errichtung des New Safe Confinements gezeigt.

Bau eines Trockenzwischenlagers

Aus einem zweiten Fonds der EBWE, dem Nuclear Safety Account (NSA), wird ein weiteres sicherheitstechnisch notwendiges Objekt finanziert. Es handelt sich um das Trockenzwischenlager für abgebrannte Brennelemente (Interim Spent Fuel Storage 2, ISF-2), am Standort des Atomkraftwerks, das bis Ende 2017 fertiggestellt sein soll. Nach Inbetriebnahme des ISF-2 werden die über 20.000 Brennelemente aus dem Nasslager ISF-1 transportiert, zerlegt, getrocknet und in doppelwandige Stahlcontainer verpackt im ISF-2 gelagert. Der Umladeprozess wird sich über mehr als 7 Jahre erstrecken. Die Kosten für das ISF-2 werden derzeit auf circa 380 Millionen Euro geschätzt. Das ISF-2 ist - wie das NSC für mindestens 100 Jahre Standzeit ausgelegt.

Weitere Maßnahmen

Im Anschluss an die erfolgreiche Fertigstellung der beiden Großprojekte NSC und ISF-2 erfolgt ab 2018 der Abbau der instabilen Teile des Sarkophags. Als nächste Herausforderung stehen dann die Bergung der kernbrennstoffhaltigen Materialien, ihre sichere Endlagerung und der Rückbau des Sarkophags an.

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Gesundheitliche Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat insbesondere in den ersten zehn Tagen nach dem Unfall dazu geführt, dass große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt und über große Flächen der Ukraine, der Russischen Föderation und Weißrusslands sowie auch in wesentlich geringerem Maß über Regionen in Skandinavien und Mitteleuropa verteilt wurden. In den Gebieten mit der höchsten Strahlenbelastung lebten zum Zeitpunkt des Unfalls etwa 5 bis 7, 2 Millionen Menschen.

Zur Zahl der durch den Tschernobyl-Unfall verursachten Todesfälle und der zu erwartenden zusätzlichen Todesfälle infolge von Krebserkrankungen gibt es sehr unterschiedliche Angaben und eine bis heute andauernde erbitterte Debatte. Mit dem Unfall in Tschernobyl sind etwa 50 Tote direkt zu verbinden. Zu erwartende krankheitsbedingte Todesfälle schätzte das UN Chernobyl Forum 2006 auf 4000. Greenpeace kommt nach Auswertung von rund 50 Gutachten und Studien auf 93.000 Krebstote. Laut einer 2011 veröffentlichten Studie der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW seien über 112.000 Liquidatoren an den Folgen ihrer Arbeit gestorben. Für ganz Europa prognostiziert IPPNW bis in Jahr 2056 knapp 240.000 zusätzliche Krebsfälle wegen des Unfalls in Tschernobyl.

Akute gesundheitliche Effekte wurden bisher bei den Beschäftigten und Einsatzkräften beobachtet, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren. Des Weiteren ist die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Personen, die als Kinder in den betroffenen Regionen der drei oben genannten Republiken mit Iod-131 exponiert waren, deutlich erhöht. Über weitere Krebserkrankungen in diesen Regionen liegen bisher keine belastbaren bzw. abschließenden Daten vor. Darüber hinaus werden erhöhte Fallzahlen für bestimmte Krebserkrankungen erwartet.

Abschätzungen über zukünftig zu erwartende zusätzliche Krebserkrankungen sind generell und insbesondere in vom Unglücksort entfernten Regionen mit großen Unsicherheiten behaftet. Außerhalb der Staaten der ehemaligen Sowjetunion werden mögliche gesundheitliche Folgen als so gering eingeschätzt, dass sie in epidemiologischen Studien wenn überhaupt nur sehr schwer nachweisbar sein werden.

In Deutschland wurden und werden voraussichtlich auch zukünftig keinerlei messbare gesundheitliche Auswirkungen beobachtet. Die mittlere Strahlenbelastung der Bevölkerung infolge der von Tschernobyl nach Deutschland verfrachteten Radioaktivität beträgt gegenwärtig weniger als 0,01 mSv (Milli-Sievert) pro Jahr.

Zum Vergleich: Die mittlere Strahlenexposition der Bevölkerung in Deutschland beträgt etwa 4 Milli-Sievert im Jahr, die etwa zu gleichen Teilen aus der natürlichen Strahlenbelastung und aus der Anwendung ionisierender Strahlung und radioaktiver Stoffe bei medizinischen Untersuchungen resultiert. Die natürliche Strahlenbelastung variiert in Abhängigkeit von der geologischen Beschaffenheit des Untergrundes und den Lebens- und Ernährungsgewohnheiten erheblich.

Strahlenexposition und Strahlenschäden

Beim Reaktorunfall in Tschernobyl wurden große Mengen von Radionukliden in die Umwelt freigesetzt. Insbesondere die radioaktiven Isotope des Cäsiums und des Jods verteilten sich über weite Teile Europas. Beim Menschen führten diese Freisetzungen zu

  • einer äußeren Strahlenbelastung durch die vorbeiziehende radioaktive Wolke sowie durch die abgelagerten Radionuklide und
  • einer inneren Strahlenbelastung durch das Einatmen von radioaktiven Partikeln mit der Luft sowie durch die Aufnahme von kontaminierten Lebensmitteln und Trinkwasser.

Bei den Strahlenschäden unterscheidet man grundsätzlich zwischen deterministischen und stochastischen Schäden.

Deterministische Strahlenschäden werden durch hohe Dosen ionisierender Strahlung hervorgerufen. Sie sind häufig akut und treten nur auf, wenn die Dosis innerhalb kurzer Zeit einen gewissen Schwellenwert überschreitet. Für die meisten akuten Strahlenschäden liegt dieser Schwellenwert bei etwa 500 Milli-Sievert und höher.

Für stochastische Strahlenschäden gibt es keinen Schwellenwert. Sie können daher sowohl oberhalb als auch unterhalb der oben genannten Schwellenwerte für deterministische Schäden hervorgerufen werden. Zu den stochastischen Schäden zählen strahlenbedingte Krebserkrankungen und Leukämien. Sie treten häufig erst Jahre bis Jahrzehnte nach Einwirkung der Strahlung auf. Grundsätzlich gilt für stochastische Strahlenschäden: Je höher die Strahlendosis, desto wahrscheinlicher tritt der Schaden auf.

Die durch Strahlung ausgelösten stochastischen Erkrankungen lassen sich im Krankheitsbild nicht von gleichartigen, durch andere Einwirkungen verursachten beziehungsweise spontan auftretenden Erkrankungen unterscheiden. Ein Nachweis, dass Strahlung für diese Spät- oder Langzeitfolgen verantwortlich ist, kann nur durch epidemiologische Untersuchungen, das heißt statistisch erbracht werden. Dabei wird untersucht, ob bestimmte Erkrankungen in der bestrahlten Personengruppe häufiger beobachtet werden als in einer sonst gleichartigen Bevölkerungsgruppe. Ein Nachweis im Einzelfall ist dadurch (bisher) nicht möglich.

Die folgende Zusammenfassung der Gesundheitsfolgen konzentriert sich auf die unmittelbar durch Strahlung verursachten Erkrankungen. Nicht vergessen werden darf, dass durch den Unfall selbst und die notwendigen Katastrophenschutzmaßnahmen wie Evakuierung, Beschränkungen des Verzehrs von Lebensmitteln, Zugangsbeschränkungen usw. weitere ge-sundheitsrelevante Folgen ausgelöst wurden. Auch die mit dem Unfall verbundene Destabilisierung der lokalen und regionalen gesellschaftlichen Strukturen hatte Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Betroffenen.

Gesundheitliche Folgen bei den Rettungskräften und Aufräumungsarbeitern sowie bei der Bevölkerung in der Umgebung von Tschernobyl

Frühschäden

Die Gesamtzahl der für den Einsatz registrierten Liquidatoren betrug etwa 600.000. Zwei Personen starben unmittelbar aufgrund schwerer Verletzungen und Verbrennungen durch die Explosion des Reaktors. Dem Bericht des Tschernobyl-Forums (einer Initiative der IAEO in Zusammenarbeit mit der WHO, UNDP , FAO , UNEP , UNOCHA , UNSCEAR , World Bank sowie den Regierungen von Weißrussland, Russland, Ukraine) aus dem Jahr 2005 zufolge wurde bei 134 Notfallhelfern ein akutes Strahlensyndrom diagnostiziert. Trotz sofortiger Behandlung und einzelner Knochenmarktransplantationen verliefen 28 davon tödlich. Weitere 19 starben in den Folgejahren (1987 bis 2004) wegen verschiedener Ursachen, die nicht eindeutig auf die Strahlenexposition zurückgeführt werden konnten.

Mehr als 5 Millionen Menschen lebten in Gebieten, die als kontaminiert klassifiziert wurden (mehr als 37.000 Becquerel (Bq) pro Quadratmeter). Etwa 400.000 davon lebten davor in noch höher belasteten Gebieten (mehr als 555.000 Becquerel pro Quadratmeter) und wurden aus der unmittelbaren Umgebung des Unfallreaktors evakuiert. Im Frühjahr und Sommer 1986 betrug die Anzahl der Evakuierten etwa 116.000 und in den Folgejahren zusätzlich 220.000. In dieser Bevölkerung, insbesondere bei den evakuierten Personen aus der Umgebung Tschernobyls, wurden nach dem aktuellen Kenntnisstand keine akuten Strahlenschäden beobachtet.

Spätschäden

Schilddrüsenkrebs

In ganz Weißrussland, der Ukraine und den vier am meisten betroffenen Gebieten Russlands wurde ein erheblicher Anstieg an Schilddrüsenkrebserkrankungen beobachtet, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die im Alter von 0 bis 18 Jahren in den ersten Tagen (bis 2 Monate) nach dem Unfall der Belastung mit radioaktivem Jod ungeschützt ausgesetzt waren. In den Jahren 1991 bis 2005 wurden rund 6900 Schilddrüsenkrebserkrankungen in der Bevölkerung der oben genannten Gebiete festgestellt. Die Schilddrüsenkrebsrate stieg um mehr als das Sechsfache an, insbesondere bei Personen, die zum Zeitpunkt des Unfalls jünger als 10 Jahre waren. Dies war offensichtlich eine direkte Folge der Strahlenexposition, da ohne Strahlenbelastung Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen kaum auftritt.

Bis zum Jahr 2004 sind mindestens neun Kinder nachweislich an Schilddrüsenkrebs gestorben. Weitere sechs Patienten starben aufgrund anderer Todesursachen. Die meisten Patienten konnten jedoch durch operatives Entfernen der Schilddrüse und anschließende Radiojodtherapie erfolgreich erstbehandelt werden.

Andere solide Tumoren

Während der Anstieg der Erkrankungen an Schilddrüsentumoren bei Kindern und Jugendlichen eindeutig mit der Strahlenexposition durch Tschernobyl zusammenhängt, was auch analytische epidemiologische Studien zeigten, liegen für die anderen soliden Tumorerkrankungen wie Brustkrebs bei Frauen bisher nur weniger aussagekräftige Untersuchungen vor. Einige dieser Untersuchungen deuten auf erhöhte Erkrankungsraten hin. Bei Liquidatoren wurde beispielsweise im Zeitraum von 1992-2009 ein Anstieg von soliden Krebsneuerkrankungen um 18 Prozent beobachtet. Die Ergebnisse all dieser Studien sind allerdings noch immer mit großen Unsicherheiten behaftet und eine Bestätigung durch weitere analytische Untersuchungen steht noch aus. Es ist dabei ebenfalls zu bedenken, dass solide Tumoren teilweise mit einer langen Verzögerung von 20 Jahren und mehr auftreten können.

Leukämien

Ionisierende Strahlung kann Leukämien auslösen. Diese können schon nach etwa zwei Jahren auftreten. Nach dem Unfall in Tschernobyl sollten vor allem Studien an den dort eingesetzten Liquidatoren Aufschluss über ein vermehrtes Auftreten an Leukämien geben. Neueste Studien in Weißrussland, Russland und der Ukraine deuten zwar auf eine erhöhte Leukämieinzidenz bei Liquidatoren hin, die methodischen Mängel dieser Studien (wie zum Beispiel Unsicherheiten in der Dosisabschätzung und andere nicht berücksichtigte Faktoren) lassen jedoch keine eindeutigen Schlussfolgerungen zu. Hinweise für erhöhte Leukämieraten bei Personen, die vor der Geburt oder als Kinder exponiert waren, gibt es bisher nicht.

Katarakte

Ein Zusammenhang zwischen der Höhe der Exposition und dem Risiko, an einer Katarakt (grauer Star) zu erkranken zeigte sich bei den Liquidatoren. Diese Studien erbrachten zusätzlich die neue Erkenntnis, dass Katarakte möglicherweise bereits bei zehnfach niedriger Dosis auftreten als bis vor kurzem noch angenommen (0,7 Gray (Gy) gegenüber 5 Gray). Eine kritische Analyse mit neueren Daten ist jedoch nötig, um die Ergebnisse zu validieren und das Risiko auch bei niedrigen Expositionen besser abschätzen zu können.

Abschätzung zu erwartender zusätzlicher Krebsfälle

Auf Grund der großen Unsicherheiten bei der Abschätzung der Expositionshöhe und -verteilung können für das Risiko keine exakten Schätzwerte angegeben werden sondern nur eine Bandbreite, die die Größenordnung und die Schwankungsbreite des Risikos wiedergibt. Entsprechend hat die International Agency for Research on Cancer (IARC) für Europa die Zahl der zusätzlichen strahlungsbedingten Krebsfälle auf 25.000 geschätzt, mit einem Unsicherheitsbereich von 11.000 - 59.000. Das IARC schätzt, dass 16.000 dieser Krebsfälle tödlich verlaufen werden. Das Tschernobyl-Forum (2005) geht aufgrund der Expositionsabschätzungen und auf Basis der etablierten Risikokoeffizienten für strahlenverursachte Krebserkrankungen davon aus, dass bei den etwa 600.000 besonders betroffenen Personen (200.000 Liquidatoren der Jahre 1986 - 1987, 120.000 evakuierte Personen aus besonders kontaminierten Regionen, 280.000 Bewohner der am höchsten radioaktiv kontaminierten Gebiete) mit bis zu 4000 zusätzlichen Todesfällen durch Krebserkrankungen gerechnet werden muss. In dieser Personengruppe sind etwa 100.000 sogenannte spontane Krebsfälle zu erwarten. Das sind Krebsfälle, die auf andere, nicht näher bestimmbare Ursachen zurückgehen. Die Strahlendosen der anderen circa 5 Millionen Menschen in kontaminierten Gebieten sind deutlich geringer. Angaben über zusätzliche Krebsfälle bei dieser Personengruppe wären sehr spekulativ.

Gesundheitliche Folgen für die deutsche Bevölkerung

Aufgrund der Höhe der in Deutschland festgestellten Strahlenbelastungen durch den Tschernobyl-Unfall können akute Strahlenschäden ausgeschlossen werden. Mehr noch als für die höher belasteten Gebiete in Weißrussland, Russland und der Ukraine gilt für Deutschland, dass sich mögliche strahlenbedingte Krebsfälle durch Tschernobyl nur schwer vor dem Hintergrund der sog. spontanen Krebshäufigkeit nachweisen lassen. Auch für ein vermehrtes Auftreten von Schilddrüsenkrebs bei Kindern gibt es in Deutschland keine Hinweise.

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Ökologische Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Ausbreitung radioaktiver Stoffe in Folge der Katastrophe

Die Explosion des Reaktorkerns in Tschernobyl führte dazu, dass auch Kernbrennstoffe wie Plutonium-239 (Pu-239) und Radionuklide wie Strontium-90 (Sr-90) aus dem Reaktor in die Umgebung der Anlage geschleudert wurden. Der anschließende mehrtägige Brand des Grafits mit Temperaturen von weit über 2000 Grad Celsius transportierte die leichter flüchtigen Radionuklide wie Iod und Cäsium in große Höhen der Atmosphäre, von wo sie sich mit Höhenwinden über große Gebiete bis nach Mittel- und Nordeuropa ausbreiteten.

Die Nuklidzusammensetzung in den radioaktiven Wolken änderte sich mit der Entfernung zum Reaktor. In unmittelbarer Nähe wurden die weniger flüchtigen Elemente, wie Strontium (zum Beispiel Sr-90) oder Plutonium (zum Beispiel Pu-239), abgelagert. Vor allem Cäsium- und Iod-Isotope wurden dagegen über weite Strecken transportiert.

Außerhalb der Sperrzone in Tschernobyl wurden Gebiete in Russland, Weißrussland und der Ukraine mit einem hohen Cäsium-137 (Cs-137) Aktivitätsniveau der obersten Bodenschicht (≥ 37 Kilobecquerel pro Quadratmeter) als kontaminiert definiert und unterliegen seitdem der sogenannten radiologischen Kontrolle. Das betrifft nach offiziellen Angaben in Weißrussland eine Fläche von etwa 46.500 Quadratkilometer, in Russland von 57.000 Quadratkilometer und in der Ukraine von 41.800 Quadratkilometer (einschließlich Sperrzone).

Auswirkungen auf Flora und Fauna

Für die Auswirkungen von Strahlung auf Flora und Fauna sind die äußere Bestrahlung und die Aufnahme von Radionukliden in den Organismus sowie die sehr unterschiedlich ausgeprägte Strahlenempfindlichkeit der Organismen bestimmend.

In der Nähe des Kraftwerks wurden in einem angrenzenden Waldstück große Mengen radioaktiver Partikel abgelagert. Dieser Wald wurde massiv geschädigt. Vor allem die Kiefern in der näheren Umgebung des Unfallortes starben in den Wochen und Monaten nach dem Unfall völlig ab (sogenannter "Roter Wald"). Für diesen Bereich wurden die höchsten Energiedosen (> 10 Gray) abgeschätzt. Im weiteren Bereich, in dem die Energiedosen etwas niedriger (3 - 10 Gray) lagen, gab es deutlich erkennbare Schäden an den Kiefern. Andere Baumarten, wie Espen, Birken und Eichen in der Nachbarschaft der geschädigten Kiefern, zeigten keine oder nur geringe Symptome. Viele der geschädigten Kiefern gingen in den folgenden Jahren ein. Krautige Pflanzen hingegen zeigten kaum sichtbare Schäden.

In Bezug auf den Transfer vom Boden in die Pflanze sind in der Sperrzone die Nuklide Cäsium-137, Strontium-90 und Plutonium-239 zu betrachten, wobei letzteres nur eine sehr geringe Transferrate aufweist. Für die Kontamination von Waldprodukten und landwirtschaftlichen Erzeugnissen außerhalb der Sperrzone ist hingegen nur noch das langlebige Cäsium-137 von Bedeutung. Die Kontamination von Wildfleisch ist, ähnlich wie bei wild wachsenden Pilzen, im Vergleich zu landwirtschaftlichen Produkten immer noch deutlich erhöht. Für die Kontamination von Waldprodukten und landwirtschaftlichen Erzeugnissen ist heute in Mitteleuropa nur noch das langlebige Cäsium-137 von Bedeutung. In höher kontaminierten Gebieten Süddeutschlands wurden 2013 in Semmelstoppelpilzen, Pfifferlingen und Steinpilzen noch erhöhte Mengen Cäsium-137 gefunden.

Im Rahmen des bundesweiten Routinemessprogramms zur Überwachung der Umweltradioaktivität (IMIS) wurden in 2012 im Fleisch von Hirschen maximal 74 Becquerel pro Kilogramm, in Rehen 430 Becquerel pro Kilogramm gemessen. Die höchsten Cäsium-137-Aktivitäten wurden bei Schwarzwild gemessen (circa 9800 Becquerel pro Kilogramm im Muskelfleisch von Wildschweinen). Der Spitzenwert betrug etwa 65.000 Becquerel pro Kilogramm und wurde 1998 im Bayerischen Wald festgestellt.

EU-weit gilt für alle Lebensmittel ein Höchstwert von 600 Becquerel pro Kilogramm. Liegt die Aktivität darüber, ist eine Vermarktung nicht zulässig.

Maßnahmen und heutige Situation

Durch unterschiedliche Maßnahmen bei der Agrarbewirtschaftung wie die Anwendung von Düngemitteln, Kartierung der Kontamination und Leitlinien für die Weidehaltung des Viehs, Herstellung von Silofutter aus Mais anstelle von Heu, Umstellung der Verarbeitung von Milch usw. konnte die Kontamination der erzeugten Lebensmittel um einen Faktor von 2 bis 50 reduziert werden. In 2006 war die Kontamination von Nahrungsmitteln auf einen Wert gesunken, bei dem die durchschnittliche Individualdosis 1 Milli-Sievert pro Jahr im Verzehrsfall nicht mehr überschritten wird. Die Menge der landwirtschaftlichen Produkte, die die von der Ukraine, Russland und Belarus festgelegten Grenzwerte für den Handel überschreiten, ist äußerst gering, so dass 30 Jahre nach dem Unfall Nahrungsmittel wieder ohne große Einschränkungen produziert werden konnten.

Die Ukraine und auch Weißrussland haben die 30 Kilometer Sperrzone von Tschernobyl in ihrer Ausdehnung bis heute nicht verändert. Es gab und gibt zwar immer wieder diesbezügliche Diskussionen und Vorschläge, praktisch gibt es aber keine gemeinsam tragbare Strategie oder Roadmap. Lediglich einzelnen älteren Leuten hat man zwischenzeitlich aus humanitären Gründen gestattet, in die Zone zurückzukehren und dort zu verbleiben. Andererseits gibt es ausgewählte Vorschläge und Einzelfallentscheidungen zur wirtschaftlichen Nutzung in der Zone. Gedanken zur Errichtung eines Naturschutzgebietes sind ebenso zu vernehmen.

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Deutsche nukleare Sicherheits-und Energiepolitik in Folge der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

In Deutschland wurden die nukleare sicherheitspolitische und energiepolitische Wende im Jahre 1998 eingeleitet. Damals hat die Bundesregierung in ihrer Koalitionsvereinbarung beschlossen, die Nutzung der Atomenergie auf Grund ihrer großen Sicherheitsrisiken zu beenden und die Energieversorgung in Deutschland umzustrukturieren. Die Zukunft der deutschen Energieversorgung sollte bereits damals verstärkt durch erneuerbare Energien und durch Energieeinsparungen gesichert werden. Aber erst im Jahr 2011, nachdem am 11. März 2011 in Fukushima-Daichi eine kombinierte Naturkatastrophe aus Erdbeben und Tsunami eine weitere Nuklearkatastrophe auslöste, wurde die Energiewende zur Wirklichkeit: Mit dem Dreizehnten Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes, das am 6. August 2011 in Kraft getreten ist, ist für acht Kernkraftwerke die Berechtigung zum Leistungsbetrieb erloschen. Die verbliebenen Kernkraftwerksblöcke sind nachfolgend abgeschaltet worden (2015 Grafenrheinfeld) beziehungsweise werden schrittweise bis zum Jahr 2022 endgültig abgeschaltet (2017 Gundremmingen B, 2019 Philippsburg 2, 2021 Grohnde, Gundremmingen C und Brokdorf sowie 2022 Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2).

Trotz der Entscheidungen, die Nutzung der Atomenergie zu beenden, kommt die Bundesregierung ihren internationalen Verpflichtungen nach und arbeitet weiterhin intensiv mit anderen Staaten und internationalen Organisationen zusammen, um die nukleare Sicherheit und den Strahlenschutz weltweit auf höchstmöglichem Niveau zu gewährleisten.

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Zuletzt geändert: 01.12.2016