Windkraftanlagen und Greifvögel

Fragen und Antworten zu aktuellen Forschungsvorhaben

Greifvogel im Flug

Zum Spannungsfeld Windkraftanlagen und Greifvögel wurden in letzter Zeit zwei Veröffentlichungen publiziert. In den folgenden Fragen und Antworten werden die wichtigsten Ergebnisse aus Sicht des Bundesumweltministeriums dargestellt.

Fragen und Antworten zum Forschungsvorhaben "Ermittlung der Kollisionsraten von (Greif-)Vögeln und Schaffung planungsbezogener Grundlagen für die Prognose und Bewertung des Kollisionsrisikos durch Windenergieanlagen" – kurz PROGRESS, von Grünkorn, T. et al., 2016:

Worum geht es in dem Forschungsvorhaben?

In diesem sehr aufwändigen Forschungsvorhaben wurden knapp 570 Windkraftanlagen in 55 Windparks im norddeutschen Tiefland jeweils über zwölf Wochen einmal wöchentlich nach Totfunden von Vögeln abgesucht. Dies entspricht circa 4,5 Prozent aller Anlagen in der norddeutschen Tiefebene der Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Auf der Basis dieser Ergebnisse wurde anhand einer Modellrechnung abgeschätzt, ob durch die Windkraftanlagen Auswirkungen auf den Gesamtbestand der einzelnen Vogelarten zu erwarten sind.

Welche Ergebnisse hat die Untersuchung zu den Schlagopfern erbracht?

Es wurden insgesamt 291 getötete Vögel gefunden, die zu 57 Arten gehören. Die fünf am häufigsten gefundenen Vogelarten sind die Ringeltaube (41 Individuen), die Stockente (39), der Mäusebussard (25), die Lachmöwe (18) und der Star (15), also vor allem häufige Vögel. Diese Ergebnisse sind eine wertvolle Validierung und Ergänzung für die bisher wichtigste Quelle zu den Schlagopfern durch Windkraftanlagen, die von der Vogelschutzwarte Brandenburg geführt wird. Hier werden bundesweite Zufallsfunde von Schlagopfern zusammengeführt.

Beim Vergleich der Daten ist zu berücksichtigen, dass größere und damit leichter wahrnehmbare Vögel sowohl eher gefunden als auch eher gemeldet werden als Kleinvögel, so dass diese in der Brandenburger Liste etwas stärker repräsentiert sind. Dennoch weichen die Ergebnisse mit einer Ausnahme nicht grundlegend ab: Der Rotmilan von Platz 2 bei der Brandenburger Liste liegt bei PROGRESS auf Platz 12 mit fünf Totfunden.

Welche Ergebnisse hat die Modellrechnung für die artspezifischen Gesamtbestände ergeben?

Aus den Ergebnissen der Feldforschung wurde mit entsprechenden Annahmen für ausgewählte Arten die Schlagopferzahlen in Norddeutschland hochgerechnet. Darauf aufbauend wurde modelliert, wie sich einzelne Populationen im norddeutschen Tiefland angesichts des vorhandenen Windkraftausbaus entwickeln könnten.

Die Ergebnisse deuten an, dass negative Auswirkungen auf die Bestände des Rotmilans und des Mäusebussards nicht auszuschließen sind. Allerdings werden Populationsentwicklungen nicht monokausal durch einen einzelnen Faktor bestimmt: die unterschiedlichen Einflüsse können sich gegenseitig verstärken oder abschwächen oder Gegenreaktionen auslösen. Diese ökologischen Wechselwirkungen sind in dem Modell nicht berücksichtigt.

Solche Modellrechnungen sind daher und aufgrund der für die Modellierung erforderlichen Annahmen immer mit Unsicherheiten verbunden, so dass hier die wissenschaftliche Diskussion nach der Veröffentlichung zusätzliche Klarheit in die zulässige Interpretation schaffen dürfte. Auch die Frage, ob die Ergebnisse auf andere Regionen Deutschlands übertragen werden können, muss dabei detailliert geprüft werden.

Was bedeuten diese Ergebnisse für die Genehmigung von Windkraftanlagen?

Entscheidend für die naturschutzrechtliche Genehmigung von Windkraftanlagen ist zunächst der Individuenschutz nach § 44 Abs. 1 des Bundesnaturschutzgesetzes und nicht die Frage nach dem Gesamtbestand der jeweiligen Population. In den Genehmigungsverfahren muss geprüft werden, ob aufgrund des konkreten geplanten Standorts der Windkraftanlage und der naturräumlichen Verhältnisse vor Ort von einer signifikanten Erhöhung des Tötungsrisikos für die vor Ort lebenden Individuen auszugehen ist.

Die bisherigen Erkenntnisse und die Schlagopferliste von PROGRESS weichen kaum voneinander ab. Die Betroffenheit von häufigen Vogelarten wie zum Beispiel den Mäusebussard ist schon lange bekannt, hat aber aus fachlicher Sicht nicht dazu geführt, dass für den Mäusebussard von den Vogelschutzwarten der Länder Abstandsempfehlungen für die Standortwahl ausgesprochen wurden. 

In welchem Verhältnis stehen die PROGRESS-Ergebnisse zu Abstandsempfehlungen wie sie zum Beispiel als Abstandsempfehlungen von der Länderarbeitsgemeinschaft der Staatlichen Vogelschutzwarten dargelegt wurden?

Ziel des PROGRESS-Vorhabens war es nicht, zusätzliche artspezifische individuenbezogene Informationen zu sammeln. Vielmehr stand ein statistischer Ansatz zur Gesamtpopulation im Vordergrund. Daher wurde bei den untersuchten Windkraftanlagen zum Beispiel nicht ermittelt, in welcher Entfernung sie sich zu Horststandorten befanden. Insofern können aus diesem Vorhaben keine konkreten Weiterentwicklungen für die Abstandsempfehlungen der Vogelschutzwarten (sogenanntes Helgoländer Papier) oder vergleichbaren Regelungen in den Windkrafterlassen der Länder erwartet werden.

Fragen und Antworten zur Veröffentlichung von KohleNussbaumer "Windenergie und Rotmilan – Ein Scheinproblem", 2016:

Worum geht es in der Ausarbeitung?

Die Ausarbeitung von KohleNussbaumer aus der Schweiz zum Thema Rotmilan und Windenergie zielt darauf ab, aus europaweiten Bestandszahlen zum Rotmilan darauf zu schließen, ob Windenergieanlagen für Rotmilane zu negativen Effekten führen können. Etwas vereinfacht lautet die These: Wenn die Anzahl der Rotmilane in Zeiten des Windkraftausbaus zunimmt, könne es wohl keine negativen Auswirkungen durch die Windenergie geben.

Ist dieser Zusammenhang aus Sicht des BMUB zutreffend dargestellt?

Mehr als die Hälfte aller weltweit vorkommenden Rotmilane brüten in Deutschland. Die Bestandsentwicklung wird dabei durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Umfangreiche Naturschutzmaßnahmen von Bund und Ländern wie die Ausweisung von Vogelschutzgebieten und spezielle Schutzprojekte wie zum Beispiel aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt für den Rotmilan wirken positiv auf die Bestandsentwicklung.

Negative Auswirkungen wie zum Beispiel die Zerstörung von Lebensräumen und Nahrungsgrundlagen durch eine Intensivierung und Monotonisierung der Landwirtschaft, Zerschneidung durch Straßen und Trassen wirken bestandssenkend. Im Ergebnis muss man laut Bundesamt für Naturschutz für Deutschland jedoch von einem rückläufigen Trend für den Rotmilan in Deutschland ausgehen. Vergleich auch den NABU-Faktencheck zur Kohle-Nussbaumer Studie.

Wie wird der Rotmilan bei der Genehmigung von Windrädern behandelt?

Windkraftanlagen können für Rotmilane eine Gefahr darstellen, da sie durch die Rotorblätter erfasst und getötet werden können. Totfunde und umfangreiche Studien belegen dies. Für den Rotmilanschutz ist es daher entscheidend, dass die Standorte der Windkraftanlagen sorgfältig und möglichst in einem überregionalen Planungsprozess ausgewählt werden. Besonders gefährlich sind dabei Standorte, die sich in unmittelbarer Nähe zu Rotmilanhorsten befinden.

Die Genehmigungspraxis in den Ländern berücksichtigt diesen Faktor. Dafür liegen den Behörden zum Beispiel Empfehlungen der Staatlichen Vogelschutzwarten sowie diverse Windkrafterlasse der Länder vor, die jeweils vor dem Hintergrund zum Beispiel der spezifischen naturräumlichen Gegebenheiten, der jeweiligen Flächennutzung und den zur Verfügung stehenden Vermeidungs- und Minimierungsmaßnahmen in den Regionen sachgerecht angewendet werden müssen.

Die Empfehlung der Staatlichen Vogelschutzwarten sind im Jahr 2015 im Fall des Rotmilans von den Experten aufgrund neuer Forschungsergebnisse überarbeitet worden, das heißt die dort empfohlenen Abstände von Windkraftanlagen zu Rotmilanhorsten sind vergrößert worden.

Zuletzt geändert: 11.07.2016