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22.08.2016

Für eine nachhaltige Landwirtschaft

Porträt von Rita Schwarzelühr-Sutter
Die Agrarwirtschaft muss ökologische und ökonomische Interessen vereinen. Das hilft allen Beteiligten. Der Gastbeitrag.

Die Agrarwirtschaft muss ökologische und ökonomische Interessen vereinen. Das hilft allen Beteiligten. Der Gastbeitrag.

Das Jahr 2015 hat gezeigt: Auf der Welt bewegt sich etwas. Die Staaten dieser Erde haben sich einstimmig zu einem ehrgeizigen Klimaschutzvertrag bekannt und mit der UN 2030-Agenda den Grundstein für eine nachhaltige Entwicklung gelegt. Das Ziel ist eine Zukunft ohne Krieg und Gewalt, Hunger und Armut in einer intakten Umwelt, die auch den kommenden Generationen eine gute Heimat ist. Die Frage ist: Sind die reichen Staaten bereit, ihren Teil der Abmachung einzuhalten? Die Antwort muss ein entschlossenes "ja" sein.

Der Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise ist das große Projekt unserer Generation. Noch immer gibt es Kritiker, die diese Aufgabe als Träumerei oder als Bremsklotz für die Wirtschaft belächeln. Das Gegenteil ist richtig: Nur, wer ökologische und soziale Aspekte berücksichtigt, wird in Zukunft erfolgreich sein. Diese Erfahrung machen in Deutschland manche Energie- und Autokonzerne. Ebenso deutlich zeigen sich die Folgen eines einseitigen Wachstumsmodelles in der Landwirtschaft. Um es klar zu sagen: Die derzeitige Form der konventionellen Landwirtschaft in Deutschland ist nicht zukunftsfähig. Während immer mehr industrielle Großbetriebe entstehen, ist die bäuerliche Landwirtschaft in ihrer Existenz bedroht.

Das zeigt sich gerade besonders in der Milchviehhaltung. Weniger als 23 Cent bekommen die Bauern aktuell für einen Liter Milch. Mindestens 30 Cent brauchen sie, um kostendeckend zu arbeiten. Obwohl das Angebot an Milch bereits jetzt höher ist als die Nachfrage, wird immer mehr Milch produziert. Das ist paradox: Erst nehmen Landwirte Kredite auf, um in immer größere Ställe für immer mehr Kühe zu investieren. Anschließend stehen sie dem Preisverfall aufgrund des Überangebots gegenüber. Ähnliches gilt für die Fleischproduktion. Immer weniger Betriebe produzieren mittlerweile 22 Prozent mehr Fleisch als in Deutschland überhaupt gegessen wird.

Diese Form der industriellen Agrarproduktion hat verheerende Folgen: Der Existenzdruck auf die Landwirte nimmt zu. Immer mehr geben auf. Gleichzeitig geht die Produktion an den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden vorbei. Viele hinterfragen die Produktionsbedingungen und ihre Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit. Ihre ethischen Mindestanforderungen an die Haltung werden oft nicht eingehalten. So kehren Verbraucher, die es sich leisten können, der konventionellen Landwirtschaft den Rücken. Während der Fleischkonsum in Deutschland zurückgeht, exportieren wir unsere Produkte in die ganze Welt. Deutschland ist zu einem Paradies industrieller Großbetriebe geworden, die Milch und Fleisch weltweit anbieten. Auf Kosten der bäuerlichen Strukturen, der Arbeitsbedingungen und der Umwelt. Und auf Kosten der Armen und Hungernden, weil die Exportorientierung unserer Landwirtschaft kleinbäuerliche Strukturen in den Ländern des Südens gefährdet.

Deutschland ist nicht in der Lage, die EU-Grenzwerte für Nitrat einzuhalten. Als Folge übermäßiger Düngung – irgendwo muss die Gülle ja hin - sind die Belastungen für Böden und Grundwasser an vielen Orten zu hoch. Überall im Land gründen sich Bürgerinitiativen gegen neue Großanlagen.

Um es klar zu sagen: Die derzeitige Landwirtschaftspolitik, die die CSU seit über zehn Jahren im Bund verantwortet, nutzt allein den industriellen Großbetrieben. Nicht den Konsumenten, die sich abwenden. Nicht den Bauern, die um ihre Existenz fürchten. Nicht der Umwelt, die immer stärker belastet wird. Je länger unser Land eine sozial-ökologische Agrarwende hinauszögert, desto größer werden die gesellschaftlichen Kosten. Es ist deshalb höchste Zeit, umzusteuern.

Wir werden in Deutschland nicht alle Betriebe zu Bio-Bauernhöfen machen können: Nicht jeder kann sich "Bio" leisten. Die konventionelle Landwirtschaft hat ihren Platz in Deutschland. Aber sie muss sich verändern. Sie wird nur zukunftsfähig sein, wenn sie nachhaltig wird. Wir müssen zurück zu einer tierschutzgerechten und flächengebundenen Tierhaltung, die hochwertige und nachhaltig erzeugte Lebensmittel für die Menschen in unserem Land produziert. Wir müssen zurück zu einem ethischen Standard, der das Tier als Lebewesen anerkennt. Wir brauchen Strukturen, die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft erhalten, den Beschäftigten ein faires Auskommen und eine geschäftliche Perspektive bietet.

Zu allererst müssen wir die staatliche Agrarförderung reformieren. Anstelle pauschaler Flächenzahlungen brauchen wir gezielte Anreize für den Schutz der Umwelt, der Natur und der Tiere. 'Öffentliches Geld nur noch für öffentliche Leistungen' muss das Credo sein. Aus einer finanziellen Förderung von Agrarfabriken muss eine Förderung zur Entwicklung der ländlichen Räume werden.

Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft liegt nicht im quantitativen Wachstum, sondern in zukunftsfähigen Geschäftsmodellen, die soziale, ökologische und ökonomische Interessen vereinen. Das liegt im Interesse der Menschen in unserem Land. Das liegt aber auch im Interesse der Menschen auf der ganzen Welt. Wir stehen vor der enormen Aufgabe, bald neun Milliarden Menschen auf der Erde ernähren zu müssen. Das wird nicht gelingen, wenn wir eine Landwirtschaft betreiben, die die Umwelt zerstört und an anderen Orten der Erde Ungerechtigkeiten verstärkt. Wir müssen den Wandel zu einer sozialen und ökologischen Landwirtschaft in Deutschland und der EU entschlossen angehen.

22.08.2016 | Medienbeitrag Rita Schwarzelühr-Sutter | Frankfurter Rundschau