BMUB Website

Navigation

Von hier aus koennen Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

https://www.bmub.bund.de/IV58
20.01.2017

"Kirchen werden als Stadtentwickler immer wichtiger"

Bauministerin Hendricks zu Problemquartieren und dem Projekt "Kirche findet Stadt", bei dem kirchliche Einrichtungen bei der Flüchtlingsintegration und Aufwertung von problematischen Quartieren helfen sollen.

Bauministerin Hendricks zu Problemquartieren und Klimafragen

KNA: Frau Ministerin Hendricks, bei dem von Ihrem Ministerium unterstützten Projekt "Kirche findet Stadt" sollen kirchliche Einrichtungen bei der Flüchtlingsintegration und Aufwertung von problematischen Quartieren helfen. Ist das nicht ohnehin eine originäre Aufgabe der Kirchen?

Barbara Hendricks: Schon immer haben sich die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände eingebracht. Bei der aktiven Gestaltung von Stadtentwicklung werden sie aber immer wichtiger. Gerade in sozialen Brennpunkten leisten kirchliche Einrichtungen unverzichtbare Arbeit. Das Bauministerium unterstützt Kommunen und Akteure vor Ort. Neben dem Programm "Soziale Stadt" haben wir 2016 zusätzlich das neue "Investitionspaket soziale Integration im Quartier" auf den Weg gebracht. Mit diesem Programm wollen wir Bildungseinrichtungen und Stadtteilzentren als Orte der Integration im Quartier gestalten.

Wird das kirchliche Engagement in einer zunehmend säkularer werdenden Gesellschaft noch geschätzt?

Davon bin ich fest überzeugt. Die Kirchen sind nach wie vor wichtige Akteure bei der sozialen Stadtentwicklung. Ihre Beratungsstellen und Einrichtungen wie Kitas und Schulen werden auch von vielen nichtchristlichen Menschen geschätzt. Ihre Rolle ist vielen, die mit der Kirche nichts am Hut haben, bei der Aufnahme von Flüchtlingen deutlich geworden. Ohne die Mithilfe der Kirchen und ihrer Sozialverbände hätten wir die Flüchtlingskrise nicht bewältigen können. Auch bei der Integration der Flüchtlinge werden die Kirchen weiterhin viel zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen.

Was schätzen Sie besonders an dem Projekt?

Im ökumenischen Kooperationsprojekt "Kirche findet Stadt" erproben die Akteure an 18 Pionierstandorten neue Wege einer integrierten Stadt- und Quartiersentwicklung - angefangen von Kiel und Berlin-Wedding bis ganz im Süden in Oberteuringen. Sie widmen sich dabei gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung, dem generationenübergreifenden Zusammenleben oder dem wachsenden Bedarf an Pflege und der zunehmenden Bedeutung von Maßnahmen zur Gesundheitsprävention.

In Berlin steht ein großes Umbauprojekt einer Kirche an. Ihr Ministerium unterstützt die Umgestaltung der Sankt-Hedwigs-Kathedrale mit 12 Millionen Euro. Was erhoffen Sie sich?

Obwohl sich das Gotteshaus im Herzen von Berlin befindet, ist die Sankt-Hedwigs-Kathedrale derzeit ein bisschen versteckt. Nach der Sanierung und dem Umbau wird die Kathedrale sicher noch mehr von den Berlinerinnen und Berlinern und den Besuchern der Hauptstadt wahrgenommen werden.

Der Entwurf ist innerhalb der katholischen Kirche nicht ganz unumstritten...

Es ist nicht an mir, den Entwurf architektonisch zu bewerten. Das Erzbistum hat einen Abstimmungsprozess durchgeführt, der ergeben hat, dass die Mehrzahl der Gläubigen den geplanten Umbau befürwortet. Ansonsten hätten wir auch einer Förderung nicht zugestimmt.

Sie sind seit Jahren regelmäßig in Berlin. Haben Sie hier eine Lieblingskirche?

Meinen kirchlichen Bezug habe ich nach wie vor in meiner Heimatgemeinde in Kleve. Aber ich bin natürlich regelmäßig in der Sankt Hedwigs-Kathedrale. Etwa beim Gottesdienst zu Beginn der Legislaturperiode oder bei Gedenkgottesdiensten. Ansonsten bin ich immer mal wieder in der kleinen Kapelle der Katholischen Akademie. Wenn ich es zeitlich schaffe, gehe ich gerne zu den regelmäßigen Gottesdiensten für Abgeordnete.

Ein multireligiöses Bauprojekt in Berlin ist das "House of One". Sie haben es das "richtige Projekt zur richtigen Zeit" genannt. Was macht das Projekt besonders?

Vielen scheinbar religiösen Konflikten liegen tiefgehende Konflikte zugrunde. Für mich ist es daher wichtig, dass über Toleranz hinaus der Glaube des Anderen aktiv anerkannt wird. Deshalb finde ich die Idee vom "House of One" faszinierend. Hier sollen die drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dabei haben alle ihren eigenen Raum, aber durch den gemeinsamen Haupt- und Eingangsraum begegnen sie sich und kommen miteinander ins Gespräch. Ich wünsche mir, dass das Projekt eine Strahlkraft für Deutschland entwickelt - am besten in die Welt hinaus.

Es gibt auch Kritik, unter anderem wegen der Nähe der muslimischen Projektpartner zur Gülen-Bewegung.

Das muslimische "Forum für Interkulturellen Dialog" präsentiert hier in Berlin-Brandenburg einen Großteil der Muslime, die überwiegend türkischstämmig sind. Es wäre aber sicherlich gut, wenn es gelänge, das Projekt von muslimischer Seite auf eine breitere Basis zu stellen.

Das Bauprojekt wird mit etwa 43 Millionen Euro veranschlagt. Der Bund hat 2,2 Millionen Euro zugesichert, das Land Berlin 1,2. Die Initiatoren wollen erst anfangen, wenn 12,5 Millionen Euro zusammen sind. Will der Bund eventuell weiterhelfen?

Wir haben zu Beginn des Projektes einen mutigen Schritt gemacht, und darauf können sich die Initiatoren verlassen. Es ist ein Projekt, das sich aus Spenden finanzieren soll. Ich bin zuversichtlich, dass es den Initiatoren gelingen kann, die erforderlichen Gelder einzusammeln.

Sie sind nicht nur Bau-, sondern auch Umweltministerin. Das Pariser Klimaabkommen war 2015 ein Meilenstein. Sie setzen sich in Ihrem Klimaschutzplan 2050 für einen sozialverträglichen Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft ein. Was sind die größten Hürden?

Unsere Gesellschaft bedarf einer tiefgreifenden Transformation, um den langfristigen Klimaschutzzielen gerecht zu werden. Das wird nicht von heute auf morgen gelingen. Bis 2050 wird es zu einem schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung kommen - aber auch in der Automobil- oder der Chemieindustrie wird es ein Umdenken geben. Wichtig ist, dass wir bei allen notwendigen Schritten einen Strukturwandel ohne Strukturbrüche schaffen. Niemand darf zurückgelassen werden. Aber ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt.

Um das Klimaabkommen voranzutreiben, bieten Sie Entwicklungsländern Hilfe bei der Erarbeitung von Umsetzungsplänen an. Wo sehen Sie Hilfsbedarf?

Wir Länder der nördlichen Hemisphäre und Hauptverursacher des Klimawandels müssen den südlichen Ländern bei der Umsetzung ihrer nationalen Klimaschutzpläne helfen - finanziell und mit Know-how. Die Industrieländer werden daher den Entwicklungsländern ab 2020 rund 100 Milliarden Dollar pro Jahr für den Kampf gegen den Klimawandel zur Verfügung stellen. Wir können dankbar sein, dass wenige Monate vor dem Klimaabkommen Papst Franziskus seine Umweltenzyklika veröffentlicht hat. Das hat in der Weltgemeinschaft viel bewegt.

Interview: Anna Mertens und Birgit Wilke
Quelle: © 2016 KNA. Alle Rechte vorbehalten.

20.01.2017 | Medienbeitrag Dr. Barbara Hendricks | Katholische Nachrichten-Agentur GmbH