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28.02.2017

"Wir brauchen eine andere Landwirtschaftspolitik"

Mit der Naturschutz-Offensive 2020 möchte das Bundesumweltministerium das Artensterben stoppen. MehrWERT fragte die Umweltministerin Barbara Hendricks nach den Plänen.

MehrWERT-Magazin: Frau Hendricks, es gab schon eine ganze Reihe Initiativen, den Artenschwund zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen, trotzdem sind 25 Prozent der europäischen Tierarten vom Aussterben bedroht. Mit Ihrer Naturschutz-Offensive wollen Sie in Deutschland gegensteuern. Was macht Sie optimistisch, dass es dieses Mal gelingt?

Barbara Hendricks: Ich weiß, wie schwierig diese Aufgabe ist. Es sind zwar wieder Luchse und Wölfe nach Deutschland zurückgekehrt, aber obwohl wir seit 2007 eine nationale Biodiversitätsstrategie haben, gibt es in größerem Umfang Verluste bei Pflanzen und Tieren, die man nicht auf den ersten Blick wahrnimmt – beispielsweise bei Schmetterlingen und Vögeln. Das ist vor allem auf die Art und Weise zurückzuführen, wie wir Landwirtschaft betreiben. Wir brauchen also in diesem Bereich ein radikales Umdenken, damit wir endlich Erfolg beim Artenschutz haben.

Der Biologe und Naturschutzexperte Josef Reichholf sagt, die Landwirtschaft sei je nach Region für 70 bis 90 Prozent des Artenrückgangs verantwortlich...

Auch wir kommen zu einer Einschätzung in dieser Größenordnung. Das liegt natürlich mit daran, dass die Landwirtschaft die Hälfte der Fläche unseres Landes nutzt. Deshalb brauchen wir eine andere Landwirtschaftspolitik.

Wie soll diese aussehen?

Kurz gesagt: Landwirte müssen dafür bezahlt werden, dass sie Leistungen für den Naturschutz erbringen. Bei uns wird die Landwirtschaftspolitik ja von Europa aus bestimmt, vor allem über die Gestaltung der EU-Förderung. Jährlich bekommen die europäischen Landwirte knapp 60 Milliarden Euro, das ist sehr viel Geld. Und obwohl bei der EU-Agrarreform 2013 ökologische Aspekte bereits stärker betont wurden, sind die Umweltanforderungen leider nach wie vor nicht sehr anspruchsvoll. Mein Ziel ist es, dass ab 2021 – also in der nächsten EU-Förderperiode – die flächenbezogenen Agrarsubventionen schrittweise abgebaut werden und die frei werdenden Mittel den Landwirten für Naturschutzmaßnahmen und andere öffentliche Leistungen zugutekommen. Dies ist eine der zentralen Forderungen meiner Naturschutz-Offensive 2020.

Sollen die Bauern dann weniger Geld bekommen?

Nein, auf keinen Fall. Die Finanzmittel sollen erhalten bleiben, aber dafür müssen die Landwirte sich zu mehr Umwelt- und Naturschutz bekennen.

Zumal der Rückgang der Artenvielfalt ja auch materielle Schäden bringt.

Enorme materielle Schäden! Die Arbeit der Bienen ist in etwa genau - so viel wert wie der voraussichtliche Gewinn der Bundesbank im Jahr 2016. Der Rückgang der Artenvielfalt ist also nicht nur ein riesiger immaterieller Schaden, weil wir die Vielfalt unserer Natur und ihre Schönheit unwiederbringlich verlieren. Viele Arten übernehmen wichtige Aufgaben für die Ökosysteme. Beispielsweise wer - den von den 100 wichtigsten Pflanzenarten, die uns ernähren, 71 von Bienen bestäubt, darunter fast alle Obstsorten. Die Biene ist also ein echter Wirtschaftsfaktor, den Forscher allein für Deutschland mit rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr bemessen. Das macht die Biene quasi zum Symbol Ihrer Initiative. Ja, vor allem zum Symbol für eine besorgniserregende Entwicklung. Die Landwirtschaft beraubt sich ihrer eigenen Grundlagen – sie sägt an dem Ast, auf dem sie selber sitzt. Für mich steht fest: Der Erhalt unserer biologischen Vielfalt ist kein Nischenthema für wenige Naturfreunde. Es ist eine unserer grundlegenden Pflichten, den Schatz unserer Natur – wir könnten auch sagen: die Schöpfung – zu bewahren.

Sowohl der Deutsche Bauernverband als auch Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt haben allerdings signalisiert, dass sie nichts an der Förderpraxis ändern wollen...

Das ist zwar richtig, aber mein Eindruck ist, dass sich beide langsam bewegen.

Wenn Sie ein Wunschbild der Landwirtschaft in zehn oder 20 Jahren zeichnen – wie sähe das aus?

Wir brauchen in jedem Fall eine andere Form der Nutztierhaltung. Sie muss unbedingt wieder flächenbezogen erfolgen, und zwar so, dass das Futter der Tiere, die in Deutschland gehalten werden, auch in Deutschland erzeugt wird. Das würde bedeuten, dass wir auf den immensen Import von Kraftfutter verzichten könnten. Und ich würde mir wünschen, dass wir eine Tierproduktion entwickeln, die auf Qualität und nicht mehr auf Masse setzt. Dazu gehört zunächst einmal, dass die Rinder wieder mehr auf der Weide gehalten werden. Wir hätten dann selbstverständlich wieder mehr Wiesen und Grünland – und die sind auch für die Artenvielfalt gut. Nicht zuletzt müssen wir insgesamt zu einer extensiveren Nutzung zurückkommen und vor allem Grünland schützen. Denn da haben wir die größten Artenverluste zu beklagen. Schließlich müssen wir auch – das muss ich ehrlicherweise eingestehen – die Produktion von Energiepflanzen zurückdrängen. Das war in Teilen ein Irrweg in der Energiewende...

Ein Irrweg, der auf Grund der zugesicherten Förderperiode 20 Jahre festgeschrieben ist.

Das ist leider so, und das hat ebenfalls Biodiversitätsverluste mit sich gebracht. Nebenbei erwähnt: Im Verhältnis zu anderen erneuerbaren Energien ist das die teuerste Art der Stromproduktion. Da steuern wir jetzt um. Neue Anlagen werden nur noch gefördert, wenn sie Reststoffe nutzen. Wir Entscheidungsträger haben damals einen Fehler gemacht.

Soll es auch mehr biologischen Landbau in Europa geben?

Selbstverständlich soll und wird es mehr Biolandbau geben. Wir haben als Bundesregierung ja längst das Ziel ausgegeben, auf 20 Prozent der Agrarfläche ökologisch zu wirtschaften. Im Moment sind wir – je nach Bundesland – bei zwischen sechs und acht Prozent, also noch weit von diesem Ziel entfernt. Mir ist aber auch wichtig, dass wir in der konventionellen Landwirtschaft umschalten und die gute fachliche Praxis neu definieren.

Was halten Sie davon, den Bio-Betrieb zum Leitbild für die Landwirtschaft zu machen, wie dies Bio-Verbände schon lange fordern?

Selbst wenn wir 20 Prozent Bio erreichen, bleiben 80 Prozent konventioneller Landbau. Und deswegen werden diese 80 Prozent realistischerweise das Leitbild prägen. Dabei müssen wir jedoch auf eine erneuerte, gute fachliche Praxis und eine andere Art der Tierhaltung setzen, wie ich dies eben schon ausgeführt habe.

Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt sieht vor, bis 2020 zwei Prozent der Fläche in Deutschland als Wildnis oder Wildniserwartungsgebiete auszuweisen. Nach Angaben Ihres Ministeriums sind wir aktuell bei 0,6 Prozent. Wie lässt sich diese Lücke schließen?

Wir wollen auch, dass fünf Prozent unserer Wälder nicht mehr bewirtschaftet werden. Ein Teil davon kann dann Wildnis sein. Dazu brauchen wir Förderprogramme, die Forstbesitzern einen finanziellen Ausgleich bieten, wenn sie einen Teil ihrer Wälder aus der Bewirtschaftung herausnehmen. Denn naturgemäß haben Waldbesitzer kein Interesse an Wildnis – was man unter ökonomischen Gesichtspunkten verstehen kann. Zusammen mit unseren Nationalparks und Nationalen Naturerbeflächen können wir das Zwei-Prozent-Ziel erreichen, aber vielleicht nicht schon 2020.

Zur Wildnis gehört auch der Wolf. Wir haben in einer Berliner Zeitung gelesen, dass ein Wolf in Rathenau in der Nähe einer Kindertagesstätte gesichtet wurde. Das macht Angst. Wie können Sie den Menschen die Furcht vor Wölfen nehmen?

Normalerweise muss man vor einem Wolf keine Angst haben. Wenn man im Wald unterwegs ist und tatsächlich einem Wolf begegnet, dann sollte man laut rufen oder mit den Armen wedeln. Dann verzieht sich der Wolf. Eine solche Begegnung ist allerdings ausgesprochen unwahrscheinlich, weil Wölfe sehr scheue Tiere sind und es in der Bundesrepublik nicht so viele Wölfe gibt, dass die einem ständig über den Weg laufen würden.

Sie hätten keine Angst, wenn Sie einem begegnen?

Nein! Bestimmt nicht. Vergangenes Jahr gab es in Niedersachsen einen sogenannten Problemwolf. Als Jungtier war dieses Tier an einem Truppenübungsplatz angefüttert worden und hatte jegliche Scheu vor Menschen verloren. Weil dieser Wolf sich nicht vertreiben ließ und immer wieder Menschen zu nahe kam, ist er mit Zustimmung des Landes Niedersachsen zum Abschuss freigegeben worden. Aber das war eine Ausnahme.

Wie stehen Sie zur gerade geforderten "beschränkten Abschussfreigabe" Ihres Ministerkollegen Schmidt?

Die lehnen wir ab. Nach wie vor ist der Wolf eine seltene und bedrohte Art – und deshalb streng geschützt. Das soll auch so bleiben: Eine "beschränkte Abschussfreigabe" ist gar nicht erforderlich. Die Tötung einzelner Wölfe, die zum Beispiel immer wieder geschützte Nutztiere erbeuten oder sich dem Menschen gegenüber auffällig verhalten, ist bereits heute erlaubt und, wie ich gerade geschildert habe, in einzelnen Fällen schon erfolgt. Die geltende Rechtslage reicht völlig aus.

Der Bund Naturschutz streitet seit Jahren dafür, den Steigerwald im Herzen Frankens zum Nationalpark zu machen. Was halten Sie für sinnvoll?

Der Steigerwald ist von großer Bedeutung. Und es wäre schon gut, wenn diese urigen Buchenwälder zu einem höheren Schutzstatus kämen. Ich will mich jedoch bei dieser Frage zurückhalten, das muss die Bayerische Staatsregierung entscheiden. Wir wissen aber, dass mittlerweile eine Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger dafür wäre. Noch vor wenigen Jahren war das anders.

Weil Menschen, die dort leben und arbeiten, sich vor Einschränkungen fürchten. Ein Problem, das auch andere Parks hatten ...

Das ist auch eine Frage der Bürgerbeteiligung. Schauen Sie zum Beispiel auf die beiden zuletzt gegründeten Nationalparks in Schwarzwald und Hunsrück. Dort gab es ganz unterschiedliche Entwicklungen. Im Schwarzwald waren zunächst alle dagegen. Den Nationalpark hat die letzte grün-rote Regierung dennoch auf den Weg gebracht und die Menschen schließlich dafür gewinnen können. Im Hunsrück war es von vornherein anders. Da haben die zuständigen Mitarbeiter des Landesamts für Naturschutz in, ich glaube, 140 Veranstaltungen um Akzeptanz geworben – in jedem Dorf, bei jedem Verein, unter den Bauern und so weiter. Am Eröffnungstag des Parks waren alle glücklich und zufrieden. Wirklich alle!

Das heißt doch, dass man den Menschen den Wert von Natur und Wildnis besser und früher verdeutlichen sollte...

... und zwar unabhängig von jeglichem Wert für uns Menschen, denn zunächst einmal haben Tiere und Pflanzen ein eigenes Lebensrecht. Das ist jetzt vielleicht eine philosophische Antwort. Darüber hinaus können wir den Wert der Natur aber auch ermitteln, indem wir die sogenannten Ökosystemdienstleistungen betrachten. Ich habe dies für Bienen bereits ausgeführt, aber das geht ja weiter: Intakte Böden speichern Kohlenstoff und liefern uns Nahrung, die Wälder Holz, frische Luft, sauberes Wasser und nicht zuletzt Ruhe und Erholung. Flussauen wiederum schützen uns vor Überschwemmungen. Und die biologische Vielfalt an sich ist die Basis neuer Medikamente. Es geht bei dieser Betrachtung nicht darum, der Natur ein Preisschild umzuhängen. Wir müssen uns aber bewusst machen, dass wir Menschen ohne diese Ökosystemdienstleistungen gar nicht überleben könnten.

In Ihrer Broschüre zur Naturschutz-Offensive haben Sie geschrieben, dass in Deutschland nur zehn Prozent der Flussauen ökologisch intakt sind. Das ist erschütternd wenig. Wie möchten Sie diese Situation verbessern?

Dieses Problem packen wir jetzt unter dem Stichwort "Blaues Band" an. Dazu gibt es inzwischen eine Verständigung zwischen dem Bundesverkehrsministerium und meinem Haus. Und die ist absolut bemerkenswert: Wir wollen Bundeswasserstraßen renaturieren, die nicht oder kaum mehr für den Güterverkehr gebraucht werden. Die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, die sich über hundert Jahre damit beschäftigt hat, Flüsse zu befestigen, macht sich jetzt auf den Weg, bei einem Großteil des Wasserstraßennetzes diese Befestigungen zurückzubauen. Es gibt kein anderes Beispiel dafür, dass eine Behörde sich derart umstellt und praktisch für den Naturschutz neu erfindet. Das haben wir Anfang des Jahres im Bundeskabinett beschlossen – das ist ein riesiger Schritt nach vorne.

Was bedeutet das konkret?

Oberweser, Aller oder Lahn beispielsweise werden heute kaum mehr für den Güterverkehr genutzt. Hier werden Auen entsiegelt und in ihrer Funktion aufgewertet. Die Lahn fließt auf vielen Kilometern durch Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz, bevor sie in den Rhein mündet. Wir werden die Auen der Lahn erheblich verbessern. Und weil es eine ganze Reihe solch kleiner Flüsse in Deutschland gibt, kann eine völlig neue Form von Biotopvernetzung entstehen. Das wird Jahrzehnte dauern. Aber ich bin sehr zufrieden, dass wir in dieser Legislaturperiode mit dem "Blauen Band Deutschland", wie das Projekt offiziell heißt, so ein wichtiges und langfristiges Vorhaben auf den Weg bringen konnten. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung wird die durchführende Institution sein. Das sind Wasserbauer. Aber die können Gewässer auch zurückbauen. Und mein Bundesamt für Naturschutz steht selbstverständlich für die naturfachliche Beratung zur Seite.

Trotz Rückbau und Entsiegelung: Noch immer werden deutlich über 60 Hektar Fläche pro Tag verbraucht.

Wir sind derzeit bei 66 Hektar...

Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung 2013 das Ziel festgehalten, diese Fläche bis 2020 auf höchstens 30 Hektar pro Tag zu begrenzen. Ist das realistisch?

Dieses Ziel wurde schon 1998 von der damaligen Bundesregierung festgehalten – unter der Verantwortung von Angela Merkel als Bundesumweltministerin. Seinerzeit hatten wir einen täglichen Verbrauch von fast 130 Hektar. Wir sind jetzt unter 70 Hektar, also praktisch bei der Hälfte. Bis 2020, – das wäre schon in drei Jahren – diese Fläche um weitere 36 Hektar zu reduzieren, ist unrealistisch. Wir haben deshalb bei der Überarbeitung unserer Nachhaltigkeitsstrategie festgelegt, dass wir bis 2030 deutlich weniger als 30 Hektar pro Tag erreichen wollen. Das Bundeskabinett hat dies Anfang Januar beschlossen.

Ist es überhaupt möglich, solche Ziele zu erreichen, solange wir unsere Wirtschaft in erster Linie daran messen, wie stark das Bruttosozialprodukt wächst?

Wenn Sie einmal überlegen, dass wir es geschafft haben, den Flächenverbrauch zwischen 1998 und heute zu halbieren, dann ist das keine schlechte Leistung. Und das, obwohl wir seither ein ordentliches Wachstum hatten. Das geht schon. Das heißt, es geht darum, Wachstum und Flächenverbrauch zu entkoppeln. Richtig. Das ist uns im Energie- und Ressourcenverbrauch schon gelungen. Und es ist auch im Flächenverbrauch gelungen. Denn wir haben seit 1998 ein kumuliertes Wachstum von fast 50 Prozent – und den Flächenverbrauch dabei halbiert. Was wir bei der Frage aber noch viel mehr ins Auge fassen müssen, ist das Thema Entsiegelung.

Könnten Sie uns das näher ausführen?

Wir haben viele Flächen in Deutschland, die versiegelt sind, aber diese Versiegelung gar nicht mehr brauchen. Da gibt es nicht nur große brachliegende Güterbahnhofsareale, sondern auch viele kleine Grundstücke. Angenommen, ein Schreinermeister hat vor vielleicht 15 Jahren seine innerstädtische Schreinerei ins Gewerbegebiet verlegt. Den Schuppen im Ort hat er stehen lassen, weil der direkt hinter seinem Wohnhaus liegt, genauso die asphaltierte Fläche davor. Es gibt viele solcher Objekte, die letztlich auch nicht zum Wohnen zur Verfügung stehen, weil sie den falschen Zuschnitt haben. Aber weil das Geld fehlt, bleibt alles stehen. Würden die Kommunen solche Flächen kartieren, und hätten wir gleichzeitig ein Förderprogramm, das einen festgelegten Prozentsatz der Kosten übernimmt, könnten wir viel für die Entsiegelung und damit für die Artenvielfalt machen. Denn in dieser Fläche gäbe es ja dann vielleicht einen naturbelassenen Hinterhof, einen schönen Vorgarten oder einfach nur eine Wiese.

Wir spazieren hier durch den Botanischen Volkspark. Auf einer ausgewiesenen Fläche können die Berliner Parzellen pachten und nach ökologischen Kriterien bewirtschaften. Welchen Stellenwert hat diese Art der Landwirtschaft?

Die Nachfrage ist offenbar so groß, dass die Verwaltung den gesamten Park verpachten könnte. Sie sehen daran, dass es den Berlinern enorm wichtig ist, selbst gärtnern zu können. Dabei kommt es den meisten weniger darauf an, jetzt zehn Salate oder ein paar Kilo Kartoffeln zu ernten, sondern im Grünen werkeln zu können. Das heutige Urban Gardening ist ja praktisch die moderne Form des Kleingartenwesens, das es seit über hundert Jahren gibt. Für Städte sind diese grünen Inseln ungeheuer wichtig. Viele haben Durchgangswege geöffnet, so dass jeder durch die Kleingärten spazieren kann. Etliche verschenken inzwischen auch ihre überschüssige Ernte, indem sie kleine Behältnisse an den Zaun hängen – mit Zwiebeln, Tomaten oder Äpfeln und dem Hinweis: bitte mitnehmen. Das ist für Spaziergänger wunderbar.

Inwiefern helfen solche Initiativen, um den Städtern die Natur und das Thema Vielfalt nahezubringen?

Die helfen ganz sicher, wir unterstützen das jetzt auch durch eine neue Initiative. Der Haushaltsausschuss hat 50 Millionen Euro an neuen Finanzmitteln bewilligt, um 2017 die "Initiative Grün in die Stadt" zu fördern und Kommunen Handlungsanweisungen an die Hand zu geben. Damit können wir den Bürgern zum einen die Bedeutung von Bienen oder Wildblumen für die Biodiversität nahebringen und zum anderen, dass der Klimawandel bereits stattfindet.

Was hat das Grün in der Stadt mit dem Klimawandel zu tun?

Bisher hatten wir in Deutschland im Schnitt sieben bis acht Hitzetage im Jahr, an denen die Tagestemperatur 30 Grad übersteigt und in den Nächten nicht unter 20 Grad fällt. Wir gehen davon aus, dass es in Zukunft 14 bis 15 solcher Hitzetage geben wird. Das belastet Menschen mit Vorerkrankungen und Ältere besonders in den Städten, denn dort sind die Temperaturen um bis zu vier Grad höher als im ländlichen Raum. Durch den Hitzesommer 2003 sind in Deutschland etwa 3000 Menschen gestorben. In Frankreich war es noch schlimmer: Allein in Paris sind 6000 Menschen Opfer der Hitzewelle geworden. Dem kann man eigentlich nur durch mehr Grün und mehr Wasser in den Städten begegnen. Biodiversität und Stadtklima hängen also unmittelbar zusammen.

28.02.2017 | Medienbeitrag Dr. Barbara Hendricks | MehrWERT-Magazin
Interview: Ilona Jerger und Horst Hamm