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21.11.2017

Expedition in die Energiewelt von morgen

Um den Klimaschutz gesamteuropäisch zu stärken, ist es wichtig, erfolgreiche Lösungswege für den Umbau der Energieversorgung aufzuzeigen.

Wie Strukturwandel und kommunale Wertschöpfung durch Klimaschutz gelingt

Um den Klimaschutz gesamteuropäisch zu stärken, ist es wichtig, erfolgreiche Lösungswege für den Umbau der Energieversorgung aufzuzeigen. Ein solcher Umbau im Sinne des Klimaschutzes geht zwar mit Kosten einher. Aber er steht auch für Chancen durch Investitionen in neue Wertschöpfungsketten, neue Arbeitsplätze und technische Innovationen. So bietet Klimaschutz neue Perspektiven für den ländlichen Raum und Regionen im Strukturwandel.

Diesen thematischen Schwerpunkt nahm die Reportagereise in der "Climate and Energy Transformation in Action"-Serie vom 3. bis 5. November 2017, im Vorfeld der Klimakonferenz COP 23 in Bonn, in den Fokus. Der Weg führte die Journalistinnen und Journalisten aus Mittel- und Osteuropa über das Windtestfeld Grevenbroich im niederrheinischen Braunkohletagebau und vielfältige Energieprojekte im rheinland-pfälzischen Rhein-Hunsrück-Kreis zu den Stadtwerken und der Bürgerenergiegenossenschaft im nordhessischen Wolfhagen. Start und Ziel der Reise war der Veranstaltungsort der UN-Klimakonferenz COP 23 Bonn.

Der erste Tag der Tour führte die Teilnehmenden ins Herz des niederrheinischen Braunkohlereviers. Im Landgasthof Danielshof in Bedburg gab Benjamin Dannemann von der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) den Journalistinnen und Journalisten einen aktuellen Überblick zur Energiewende in Deutschland. Er beleuchtete den Status quo in den verschiedenen Sektoren, die Tendenzen zum Erreichen der Klimaschutzziele, die politischen Rahmenbedingungen und die strategischen Wege. Darüber hinaus stellte er die Themen der gesamten Tour in einen größeren Kontext, indem er die wirtschaftlichen Aspekte der Energiewende anhand von Beschäftigungszahlen, Investitionen in Erneuerbare Energien und der kommunalen Wertschöpfung darstellte. Am Beispiel einer aktuellen Studie des Instituts Prognos zur Beschäftigungsentwicklung im brandenburgischen Braunkohlerevier wurden die aktuellen Herausforderungen aufgezeigt. Dabei wurde klar, dass der Ausstieg aus der Braunkohle zwar mit einem Rückgang der Beschäftigung einhergeht. Gleichzeitig kann es aber einen Anstieg an Beschäftigung im Bereich der Erneuerbaren Energien geben. Die eigentliche Herausforderung bestehe "in der Synchronisierung der wechselseitigen Entwicklung und der Übernahme der in der alten Energiewelt‘ Beschäftigten", so Dannemann.

Tobias Vollmer

Den Strukturwandel gestalten

Der zweite Vortrag griff den Aspekt des Strukturwandels und der wirtschaftlichen Entwicklung in der "neuen Energiewelt" auf: Benjamin Böhme vom Windtestfeld Grevenbroich erläuterte die Entwicklung der Windenergie von einer Nischentechnologie hin zu einem wichtigen neuen Industriezweig. Böhme stellte außerdem sein Unternehmen vor, welches auf Untersuchungen und Tests von unterschiedlichsten Windmodellen spezialisiert ist. Dadurch konnte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowohl die Technik der Windenergie erklären und zugleich neue Arbeitsfelder für Ingenieure aus der konventionellen Energiewirtschaft aufzeigen.

Im Windtestfeld Grevenbroich stand den Teilnehmenden der Strukturwandel im Zuge der Energiewende plastisch vor Augen. Dieses Testfeld wurde einst auf einer Abraumhalde des Braunkohletagebaus Garzweiler errichtet. Von hier hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zugleich einen guten Blick auf das Braunkohlekraftwerk Neurath. Der Kontrast zwischen dem gigantischen Braunkohlekraftwerk mit einer Gesamtleistung von rund 4,2 Megawatt und den modernen Windenergieanlagen von doch nur 3 Megawatt zeigte sehr deutlich die Herausforderungen beim Umbau der alten Energiewelt mit zentralen Großkraftwerken hin zu einer neuen Energiewelt mit dezentralen und kleinen Erzeugungsanlagen.

Anschließend diskutierten die Journalistinnen und Journalisten ihre Eindrücke und Informationen zum Strukturwandel mit dem WDR-Energiejournalisten Jürgen Döschner. Die Gesprächsrunde wurde vom Journalistennetzwerk Clean Energy Wire (CLEW) organisiert und moderiert. Sie gab den Journalistinnen und Journalisten Gelegenheit, die politischen Positionen der deutschen Parteien sowie die Ambitionen der deutschen Politik, die Klimaschutzziele des Pariser Klimaabkommens wirklich zu erreichen, kontrovers zu diskutieren. Dabei konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur die deutsche Perspektive kennenlernen, sondern auch die Situation in ihren eigenen Ländern reflektieren.

Kommunale Wertschöpfung für den ländlichen Raum

Vom rheinischen Braunkohlerevier, einer durch die alte Energiewelt geprägten Landschaft, ging es den Rhein stromaufwärts in eine neue Energieregion: den Rhein-Hunsrück-Kreis. Zunächst stand die positive Entwicklung des Landkreises im Fokus der Präsentation von Michael Uhl, dem Klimaschutzmanager des Rhein-Hunsrück-Kreises: von einer ländlichen Region zu einer Energieregion, die wirtschaftlich vom Umbau der Energieversorgung und ihrem dezentralen Charakter profitieren konnte. Anschließend stellten Vertreter der Westnetz GmbH das Designetz vor, eines der länderübergreifenden SINTEG-Projekte in der Region. Das Designetz analysiert den Umbau der Stromversorgung von großen und zentralen Kraftwerken hin zu kleinen dezentralen Kraftwerken, welche den Strom je nach Wetterbedingungen einspeisen und somit ein ganz neues Lastmanagement nötig machen. Michael Uhl machte deutlich, dass durch das Zusammenwachsen der Sektoren der Strommarkt künftig eng an den Wärme- und Verkehrssektor gekoppelt würde. Im Projekt Designetz werden für die Sektorenkopplung notwendige Infrastrukturprojekte wie flexible Biogasanlagen, Speicherlösungen und Lastmanagement erprobt. Um eine Steuerung der vielen dezentralen Anlagen zu gewährleisten, wird die Projektregion in Waben unterteilt, die den vor Ort erzeugten Strom möglichst selbst verbrauchen sollen. Die einzelnen Waben sind trotzdem miteinander vernetzt und übernehmen entsprechend in der Gesamtregion Rollen als Export- oder Importregion. Der Rhein-Hunsrück-Kreis hat im Designetz die Rolle als Exportregion und produziert bereits jetzt dreimal mehr, als in der Region verbraucht wird. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden so die technischen Zusammenhänge sowie die Auswirkungen auf Unternehmen der alten Energiewelt deutlich.

Im Anschluss an eine Einführung in die Energiepolitik des Landes Rheinland-Pfalz durch Thomas Griese, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten Rheinland-Pfalz, besuchten die Journalistinnen und Journalisten verschiedene Energieprojekte im Rhein-Hunsrück-Kreis und ihre Auswirkungen auf die kommunale Wertschöpfung. In den Gemeinden Neuerkirch und Külz erfuhren sie, wie das Nahwärmenetz mit einer Kombination aus einem Hackschnitzel-Blockheizkraftwerk und einer solarthermischen Freiflächenanlage umgesetzt werden kann. Dies ermöglicht einen geringeren Verbrauch von Hackschnitzeln, weil die solarthermische Anlage gerade in den Sommermonaten für die notwendige Energie sorgt. Mit der Nahwärmeversorgung werden aber nicht nur 1200 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr eingespart. Die zuvor jedes Jahr aus den Gemeinden abfließenden Kosten von 240.000 Euro für fossile Brennstoffe bleiben durch die Nutzung regionaler Hackschnitzel in den Gemeinden. Volker Wichter, Ortsbürgermeister der Gemeinde Neuerkirch, erklärte die Herausforderungen der Entwicklung neuer Wärmenetze und beschrieb die aufwändige Kommunikationsarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Die zweite Station veranschaulichte die Nutzung lokaler Ressourcen in Zusammenhang mit der Bildungsarbeit im Bereich Müllvermeidung und -nutzung. Im Bildungszentrum der kommunalen Müllentsorgungsgesellschaft erfahren Kinder und Jugendliche anhand kreativer Lernpfade eindrücklich, wie sich die "Wegwerfgesellschaft" auf die Umwelt auswirkt. Dazu gehört ein Müllfriedhof ebenso wie Insekten als Lernhelfer für den Kreislauf von biogenen Stoffen. Die Bildungseinrichtung konnte unter anderem über die Einnahmen der auf der Deponie errichteten Solarstromanlage und den Verkauf von Holzhackschnitzeln aus Resthölzern des Strauch- und Pflegeschnitts finanziert werden. Im Sinne des Vorbildcharakters kommunaler Gebäude hat das Unternehmen zudem das Unternehmensgebäude als Passivhaus errichtet. Auf dem Gelände des Entsorgungsunternehmens steht zudem ein Batteriespeicher, der im Rahmen des am Vorabend vorgestellten SINTEG-Projekts Designnetz errichtet wurde. Auf dem Weg zur Mittagspause stoppte der Bus noch an einem Schulgebäude, in welchem die Resthölzer des Entsorgungsunternehmens in einem Blockheizkraftwerk genutzt werden. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde so der im Rhein-Hunsrück-Kreis angestoßene Stoffkreislauf deutlich, der Umweltschutz, Klimaschutz und kommunale Wertschöpfung miteinander verbindet.

In Masterhausen erläuterte Tony Christ, der ehemalige Bürgermeister des Ortes im Rhein-Hunsrück-Kreis, das Prinzip der Einnahmen durch Verpachtung kommunaler Fläche an Betreiber von Windenergieanlagen. Der Umbau der ländlichen Landschaft hin zu einer Region der neuen Energiewelt verlief auch in Mastershausen nicht ohne Widerstände. Tony Christ machte deutlich, dass nur über eine Einbindung der Bürgerinnen und Bürger und der aktiven Tätigkeit der Kommune, ein verträglicher Wandel in den ländlichen Regionen funktionieren kann. Auch so sei die flächendeckende Nutzung von Solarstromanalgen auf privaten Hausdächern zu erklären. Hinzu kommen kommunale Projekte, die der Gemeinschaft zu Gute kommen. Neben dem Ausbau des Glasfasernetzes sind dies auch Freizeitmöglichkeiten für die alternde Gesellschaft. So wurde ein neues Haus für betreutes Wohnen errichtet und historische Bauten, wie eine Burgruine, renoviert. Auch an diesem Beispiel wurde deutlich, wie eine Energieregion ein lebenswerter und zudem für Touristen interessanter Ort bleiben kann.

Ein weiteres Beispiel der Verbindung zwischen Energiewende und Tourismus besichtigten die Teilnehmenden in Mörsdorf. Die Geierlay-Seilbrücke überspannt eine Schlucht und hat sich zu einem Tourismusmagnet in der Region entwickelt. Die Idee hatten ursprünglich zwei Bürger aus dem Ort, die zunächst nicht ernst genommen wurden. Doch gemeinsam mit der Gemeindevertretung verfolgten sie diese Idee weiter und mit dem Geld aus den örtlichen Windenergieanlagen konnte der Eigenbetrag für Fördermittel gestemmt werden. Seit 2015 steht die Brücke und konnte bisher mehr als 570.000 Menschen begrüßen. Die Besucher bringen zudem neue Einnahmen in die Gemeinde, da sich hier auch neue Ausflugslokale entwickelt haben. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer genossen den Sonnenuntergang an der Schlucht ehe es mit dem Bus in Richtung Nordhessen ging.

Tobias Vollmer

Den Wandel gemeinsam mit den Menschen vor Ort gestalten

Wolfhagen in Nordhessen befindet sich in einer ganz ähnlichen Lage wie der Rhein-Hunsrück-Kreises. Die Lage in den deutschen Mittelgebirgen bietet gute Windverhältnisse und macht Wolfhagen somit zu einer Region der neuen Energiewelt. Und auch die Schlüsse, die hier aus dem Wandel der Landschaft gezogen worden sind, sind mit dem Rhein-Hunsrück-Kreis zu vergleichen. Auch Wolfhagen legt bei der Entwicklung der neuen und regenerativen Energieanlagen auf die Wertschöpfung in der Region wert. Doch anders als im Rhein-Hunsrück-Kreis liegt der Fokus dabei auf der direkten Beteiligung der Menschen vor Ort an den Anlagen der Erneuerbaren Energien. Hierfür wurde in Wolfhagen eine Energiegenossenschaft gegründet. Doch anders als bei vielen der etwa 900 Energiegenossenschaften in Deutschland hat sich die Bürgerenergiegenossenschaft Wolfhagen direkt an dem Stadtwerk Wolfhagen beteiligt. Das Stadtwerk konnte über die genossenschaftlichen Anteile das mögliche Investitionskapital erhöhen und sich direkt an den Windenergieanlagen vor Ort beteiligen. Daneben wurde ein Fonds für Effizienzmaßnahmen aufgelegt, der sich im Bereich Energieeinsparung auch sozial engagiert.

Die Bürgerenergiegenossenschaft sitzt nun zusammen mit der Stadt Wolfhagen im Aufsichtsrat der Stadtwerke und kann darüber die Ausrichtung der Stadtwerke mitgestalten. Die enge Zusammenarbeit zwischen Stadtwerken, Bürgerinnen und Bürgern macht auch eine gemeinsame Zukunftsforschung möglich. So werden über die Stadtwerke für ausgesuchte Haushalte unterschiedliche Tagestarife angeboten. Der Preis ermittelt sich aus der Wetterprognose und den daraus ableitbaren Ertrag aus den Solarstromanalgen und den Windenergieanlagen am nächsten Tag. Hinzu kommt der Preis an der Strombörse. So werden für jeden Folgetag die Stromtarife angepasst und an die Kunden direkt kommuniziert. Diese können dank der bereitgestellten intelligenten Haushaltsgeräte die eigene Nachfrage in günstige Tageszeiten legen. So gibt es einen Anreiz zum Lastmanagement.

Mit Iris Degenhardt-Meister stand eine Vertreterin der Genossenschaft für Fragen zur Verfügung und konnte auch aus eigener Erfahrung der Nutzung von Tagestarifen berichten, da sie beim Projekt mitmacht. So wurde auch klar, dass zwar die Wetterprognosen und somit die Ertragsprognosen aus Wind und Sonne sehr gut funktionieren, die Preise an der Strombörse aber zu wenig Schwankung aufwiesen. Dies wurde von Markus Hunzinger von den Stadtwerken noch einmal unterstrichen.

21.11.2017 | Meldung Klimaschutz | Berlin