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06.04.2016

Grußwort von Dr. Barbara Hendricks anlässlich der Fachtagung Stadtnatur

03.05.2016 | Naturschutz/Biologische Vielfalt

Natur in der Stadt fördert Gesundheit, urbane Lebensqualität und sozialen Zusammenhalt

Neuer Bericht von Naturkapital Deutschland erfasst die Leistungen städtischer Grünflächen

"Gesund, lebenswert, artenreich – Grüne Kommunen im 21. Jahrhundert"

"Gesund, lebenswert, artenreich – Grüne Kommunen im 21. Jahrhundert"

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Frau Tegtmeyer-Dette,

sehr geehrter Herr Guttmann,

sehr geehrter Herr Gaffert

sehr geehrte Damen und Herren,

vor knapp einer Woche habe ich in Berlin die neue Naturbewusstseinsstudie vorgestellt. Alle zwei Jahre lassen wir die Einstellungen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger zur Natur, zum Naturschutz und zur biologischen Vielfalt untersuchen. Wir erfahren aus diesen Studien regelmäßig, wie positiv die Menschen gegenüber der Natur gestimmt sind,

  • zum Beispiel, dass für sie die Natur zu einem guten Leben dazu gehört,
  • aber auch, dass die große Mehrzahl fürchtet, dass es für kommende Generationen kaum noch intakte Natur geben wird.

Als einen Themenschwerpunkt habe ich dieses Mal nachfragen lassen, wie wichtig der Bevölkerung die Natur innerhalb der Städte ist. Hierzu lagen bundesweit bisher nur wenige repräsentative Informationen vor. Besonders eine Zahl hat mich in ihrer Eindeutigkeit überrascht:

94 Prozent der Befragten sind der Meinung, Natur sollte möglichst in allen Teilen der Stadt zugänglich sein.

Wir haben also einen Konsens darüber, dass der Zugang zur Natur nichts Exklusives sein darf, sondern allen offen stehen sollte. Das ist wichtig, denn Einkommensschwächere und ältere Menschen nutzen das Angebot von Natur in der Stadt überdurchschnittlich häufig, auch das zeigt die Studie. Diese Menschen haben meist weder das Privileg, ein "Häuschen im Grünen" zu besitzen noch in ihrer Freizeit "ins Grüne fahren" zu können. Daher sind sie sehr viel stärker auf Stadtnatur angewiesen. Stadtnatur ist also auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Ebenfalls rund 94 Prozent der Befragten sehen als "wichtige" Aufgabe der Stadtnatur an, dass sie Lebensraum für Tiere und Pflanzen bietet.  Und zwei Drittel sprechen sich dafür aus, dass es auch in der Stadt Orte geben soll, in denen sich Natur spontan entwickeln kann.

Aus der Naturbewusstseinsstudie können wir eindeutig ableiten: Immer mehr Menschen ziehen in die Städte, wollen aber die Natur nicht missen. "Grün in der Stadt" bedeutet eine höhere Lebensqualität für Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner. Allerdings wissen wir alle: Gerade in den Städten sind derzeit große Herausforderungen zu bewältigen. Durch den Zuzug in die Städte wächst dort der Nutzungsdruck auf die begrenzte Fläche.

Hinzu kommt, dass Grünflächen von städtischen Kämmerern meist nur als Kostenfaktor wahrgenommen werden und damit in Konkurrenz zu anderen öffentlichen Ausgabenbereichen stehen. Es ist deshalb wichtig, den breiten gesellschaftlichen von urbaner grüner Infrastruktur aufzuzeigen. Genau darauf zielt unser Projekt "Naturkapital Deutschland".

Es geht dabei nicht um Preisschilder für Naturgüter, sondern um zusätzliche ökonomische Argumente, damit Natur und biologische Vielfalt geschützt und erhalten bleiben. Im weltweiten Maßstab hat dies die globale Studie zur Ökonomie von Ökosystemen und Biodiversität vorgemacht. Fachleute kennen sie unter ihrer englischen Abkürzung "TEEB". 

Sie wurde im Jahr 2007 vom damaligen Bundesumweltminister Gabriel maßgeblich mit initiiert. Ihr Fazit lautete: Investitionen in die Natur stehen nicht im Widerspruch zur wirtschaftlichen Entwicklung, sondern lohnen sich und sind für die Gesellschaft. Und sie sind meistens preiswerter, als Zerstörtes nachträglich zu reparieren oder zu ersetzen.

Ein anschauliches Beispiel ist die Renaturierung von Flüssen und Auen. Sie nutzt gleichzeitig dem Naturschutz, dem Hochwasserschutz und der Erholung. In ihrem nationalen Pendant, eben der Studie "Naturkapital Deutschland", werden seit dem Jahr 2012 die Leistungen unseres heimischen Ökosystems zusammengetragen. Das heißt, die das Grünland, Auen, Moore, Wälder oder die Stadtnatur erbringen. Neben der Bedeutung für den Artenschutz geht es vor allem um Leistungen für Klimaschutz, Hochwasserschutz, Trinkwasserschutz, Reinhaltung von Luft und Gewässern, aber auch um Erholung, Gesundheit und kulturelle Bereicherung und Bildung.

Der heute präsentierte dritte Naturkapital-Bericht beschreibt die vielen Vorteile des Stadtgrüns für die Menschen – die sogenannten Ökosystemleistungen. Ich möchte dem Studienleiter von Naturkapital Deutschland, Professor Bernd Hansjürgens, und dem Leiter dieses Berichts zur Natur in der Stadt, Professor Ingo Kowarik, sowie allen beteiligten Autorinnen und Autoren für dieses umfassende Werk danken. Es wird uns für politische Debatten wertvolle Hinweise liefern.

Sie zeigen auf: Natur in der Stadt verbessert die Luftqualität und das Stadtklima, mildert Hitzewellen und mindert den Lärm. Grünflächen fördern die Begegnung und dienen der Erholung. Grün in der Stadt ist ein weicher Standortfaktor und erhöht die touristische Attraktivität. Die biologische Vielfalt in Städten hält manche Überraschung bereit:

In einer Studie an 83 Standorten von städtischen Kleingärten wurden mehr als 2000 Kulturpflanzensorten ermittelt. Denn auch wer alte Obstsorten pflanzt oder seltene Kartoffel- und Gemüsesorten kultiviert, trägt zur biologischen Vielfalt bei. In erster Linie sind beim Stadtgrün die Kommunen selbst gefragt.

Frau Tegtmeyer-Dette,

es ist keineswegs Höflichkeit gegenüber der Gastgeberin, wenn ich hervorheben möchte, dass die Stadt Hannover in dieser Hinsicht ein echtes Vorbild ist. Und zwar schon seit vielen Jahren.  Zum Ausdruck kommt dies etwa durch den Sieg im Wettbewerb zur "Bundeshauptstadt der Biodiversität" im Jahr 2011.

Durch den neuen Zuschnitt meines Ressorts haben wir in dieser Legislaturperiode die Chance, die Städte beim Erhalt und Ausbau grüner Flächen besser zu unterstützen und dabei gleichzeitig auch etwas für den Naturschutz zu tun. Deshalb ist "Grün in der Stadt" ein Schwerpunkt unserer Stadtentwicklungspolitik. In den letzten Jahren haben wir gemeinsam mit unseren Partnern, den Ländern und den kommunalen Spitzenverbänden, schon viel erreicht. Aber es bleibt noch viel zu tun. 

Vor knapp einem Jahr habe ich das "Grünbuch Stadtgrün" vorgestellt. Zum ersten Mal wurde darin der Wissensstand zum urbanen Grün zusammengefasst. Wir sind zurzeit dabei, aufbauend auf dem Grünbuch ein sogenanntes Weißbuch zu erarbeiten. Es wird konkrete Handlungsempfehlungen für ein ausreichendes Angebot an vielfältigem Grün enthalten. Im Rahmen des Weißbuchprozesses möchte ich prüfen lassen, auf welche Art und Weise der Bund die Kommunen noch besser unterstützen kann, zum Beispiel:

  • durch eine bessere rechtliche Verankerung der grünen Infrastruktur im Städtebaurecht,
  • durch gezieltere Fördermaßnahmen, 
  • bei der Entwicklung von Richtwerten und Leitlinien
  • oder auch bei einer verbesserten Kommunikation.

Sie sind herzlich eingeladen, sich an diesem Weißbuch-Prozess aktiv zu beteiligen. 

Trotz einiger Erfolge, etwa beim Schutz gefährdeter Arten und bei den NATURA 2000-Schutzgebieten, konnte der Rückgang der biologischen Vielfalt in Deutschland nicht gestoppt werden Im Oktober 2015 habe ich deshalb die "Naturschutz-Offensive 2020" gestartet. Mit einem Bündel von 40 vordringlichen Maßnahmen soll bis zum Jahr 2020 eine Trendwende zugunsten der biologischen Vielfalt erzielt werden. Die Offensive umfasst zehn definierte Handlungsfelder, eines davon ist Grün in der Stadt. Wir haben uns vorgenommen, das Thema "Grün in der Stadt" im Rahmen der Städtebauförderung zu stärken. Dies wird auch Thema des Weißbuch-Prozesses sein. Im Rahmen der Naturschutz-Offensive wollen wir Kommunen helfen, ihre Stadtnatur zu erhalten oder besser noch aufzuwerten. Dabei setzen wir auf die Zusammenarbeit mit dem "Bündnis Kommunen für biologische Vielfalt".

Herr Oberbürgermeister Gaffert,

Sie sehen mir bestimmt nach, dass ich eben die Stadt Hannover besonders hervorgehoben habe. Aber die Würdigung gilt selbstverständlich auch Ihnen und allen im Bündnis engagierten Kommunen und Städten. Wir setzen auf Sie! Denn die Umsetzung muss ja auf kommunaler Ebene erfolgen. Ich denke, der heute vorgestellte Bericht wird bei Ihnen auf besonders fruchtbaren Boden fallen. Mehr Natur in der Stadt ist auch eine Frage der Methoden, des praktischen Wissens darüber, wie wir die biologische Vielfalt unserer Grünflächen verbessern können. 

Ich freue mich deshalb, dass im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt auch ein Projekt mit dem Titel "Stadtgrün – artenreich und vielfältig" startet, von dem wir uns wichtige Hinweise für das ökologische Grünflächenmanagement erhoffen. Wenn, wie wir sehen, ein immer größerer Anteil der Menschheit in die Städte zieht, dann bekommt Stadtgrün eine immer wichtigere Aufgabe, auch aus Klimaschutzgründen. Und der stellen wir uns.

Vielen Dank!

06.04.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Berlin