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02.12.2015

Laudatio von Dr. Barbara Hendricks bei der Preisverleihung des Right Livelihood Awards

In Paris beraten die Vertreterinnen und Vertreter von 195 Staaten ein neues Klimaschutzabkommen. Sie ehren in dieser Woche zwei Menschen, die bezeugen können, was auf dem Spiel steht.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Burrin

sehr geehrter Herr Møller,

sehr geehrter Herr Ambassador Sager,

sehr geehrte Laureates,

und ganz besonders: Liebe Sheila Watt-Cloutier,

und lieber Tony de Brum,

ich danke der Right Livelihood Award Foundation für diese wunderbare Veranstaltung und die Gelegenheit, hier sprechen zu dürfen. Die Stiftung, liebe Monika Griefahn und lieber Ole von Uexkull, setzt in diesen Tagen ein deutliches Zeichen. In Paris beraten die Vertreterinnen und Vertreter von 195 Staaten ein neues Klimaschutzabkommen. Sie ehren in dieser Woche zwei Menschen, die bezeugen können, was auf dem Spiel steht.

Sehr geehrte Damen und Herren,

manchmal erscheint es, als seien wir der Weltgeschichte einfach ausgeliefert. Als seien wir zu schwach, die Richtung der Geschichte zu ändern. Als böte die Zukunft kaum noch Platz für Hoffnung.

Mrs. Watt-Cloutier, Ihre Heimat liegt im – vermeindlich - ewigen Eis Nordkanadas. In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen, dass es dort den Nationalpark "Auyuittung" gibt. Übersetzt heißt der Name "Land, das nie schmilzt." Heute jedoch schmilzt der Permafrostboden im Sommer. Die Arktis ist eines der Frühwarnsysteme unseres Planeten. Schon heute steigen die Temperaturen dort doppelt so schnell, wie im globalen Mittel. In Ihrem Buch "The Right to be Cold" beschreiben Sie, wie grundlegend sich die Lebensbedingungen Ihres Volkes, der Inuit, dort verändern. Viele Inuit sind Jäger. Die Jagd gehört zu dem Fundament ihrer Kultur. Schon heute verändert sich die Tierwelt, für Jahrhunderte existierende Jagdgebiete werden unsicher, weil das Eis schmilzt. Die Inuit haben den Klimawandel nicht verursacht, aber sie tragen mit als erste die Folgen dieser Entwicklung.

Sheila Watt-Cloutier hat ihre Stimme erhoben, die Stimme einer starken Frau. Unermüdlich reist sie um die Welt, um auf den Verlust ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Es ist mir eine Ehre, Sie heute kennenzulernen!

Lieber Tony, vielleicht kennst auch du die Gedanken von Hoffnungslosigkeit,

du lebst in einem Land, das viele Europäer auf dem Globus erst suchen müssen. Ein Land, das an den Entwicklungen auf dieser Welt schwer zu tragen hat. Es hat nie Krieg geführt, nie mit Krieg gedroht. Es kämpft dennoch seit Jahrzehnten um seine Existenz. Du warst erst ein paar Monate alt, als 1946 die Bewohner des Bikini Atolls, das zu deinem Land gehört, umgesiedelt wurden. "Zum Wohle der Menschheit" wie es damals hieß. Heute wissen wir: Die Atomkraft – die friedliche wie die kriegerische – hat der Menschheit weit mehr geschadet als genutzt. Die Menschen des kleinen Atolls sollten damals für ein paar Jahre umziehen. Heute wissen wir: Bikini wird noch lange Zeit unbewohnbar sein.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Tony de Brum war neun, als die USA "Castle Bravo" detonieren ließ. Eine Atombombe 1000 Mal so stark, wie die Hiroshima-Bombe. Der Krater, den sie hinterließ, ist noch heute aus dem Weltraum sichtbar. Der nukleare Fallout regnete über bewohnte Inseln nieder. 200 Meilen entfernt hat er die riesige Explosion gesehen. Tony, du hast gesagt: "Diese Erinnerung lässt mich nicht los."

Tony de Brum hat für Widergutmachung gekämpft. Für die Unabhängigkeit seines Landes. Und mehr noch: Er hat es mit den Atommächten dieser Welt aufgenommen – nicht nur für das Volk der Marshall-Inseln, für uns alle. Die Angst vor dem Atomkrieg der Supermächte mag heute nicht mehr so groß wie früher sein. Aber immer noch gibt es nicht weniger Atombomben auf der Welt. Es werden immer mehr.

Tony ist nach Den Haag gegangen, zum Internationalen Gerichtshof und hat eine Klage gegen die neun Atommächte eingereicht. Nicht, weil sie Atomwaffen besitzen. Sondern weil sie ihrer gemeinsamen Pflicht nicht nachkommen, sich überhaupt in Richtung einer atomwaffenfreien Welt auf den Weg zu machen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist fast zynisch, dass rund 60 Jahre nach "Castle Bravo" die Marshall Inseln erneut um ihre Existenz kämpfen. Die Welt steht die Welt an der Schwelle einer Katastrophe in Zeitlupe: Den Klimawandel. Auch er kann das Gesicht unseres Planeten von Grund auf ändern. Die Marshall-Inseln erreichen seine Folgen eher, als die meisten anderen Orte dieser Erde. Genauso wie die Inuit im Norden Kanadas. Die Marshall-Inseln sind akut bedroht von einem klimatischen Wandel, der keine Laune der Natur, sondern menschengemacht ist. Wenn wir den Klimawandel nicht bald in den Griff bekommen, dann wird – so viel ist heute klar – den Menschen der Marshall-Inseln ihre Heimat endgültig genommen.

Tony de Brum hat auch diesen Wettlauf gegen die Zeit und gegen die Trägheit der Weltpolitik aufgenommen. Er hat andere pazifische Inselstaaten versammelt und die wegweisende Majuro Declaration verfasst. Darin verpflichten sich die beteiligten Länder zu ambitionierten eigenen Anstrengungen. Und sie rufen die Staaten der Welt auf, endlich zu handeln.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich kann mich noch sehr gut an meine erste Begegnung mit Tony de Brum im Juni letzten Jahres in Bonn erinnern. Ich – eigentlich Finanzpolitikerin – war damals erst ein paar Monate lang Umweltministerin. Und ich muss zugeben, dass ich mich erst einmal in meine neue Rolle einfinden musste. Ich traf zahlreiche Minister aus großen, reichen und mächtigen Staaten und führte stundenlange Gespräche über Umwelt- und Klimaschutz. Mein Fachwissen wuchs schnell. Ich dachte mir: "Jetzt bin ich drin!"

Und dann traf ich Tony, diesen freundlichen Außenminister aus einem der kleinsten Staaten der Erde. Zunächst nur ein Termin an einem langen Tag. Doch in dem Gespräch mit Tony spürte ich, welche Tragödie uns droht und welche Verantwortung ich als Umweltministerin eines großen Industrielandes innehabe. Dieses Gespräch werde ich lange nicht vergessen. Wie gelingt es einem Menschen, an eine bessere Welt zu glauben, wenn die eigene Heimat an den Rand der Zerstörung gebracht wird? Tony, du hast diesen Glauben nicht verloren. Du hast gezeigt, dass es nicht vergeblich ist, für eine bessere Welt zu kämpfen. Mit einem Mut und einer Beharrlichkeit, die mich tief beeindruckt. Es ist mir eine Ehre, dich einen Freund nennen zu können!

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Botschaft, wie gefährdet unsere Welt ist, kommt von einem kleinen Volk mitten im Pazifik, von einem mutigen Außenminister und einer engagierten Frau vom Rande des Polarkreises.

Was sagt das über unsere Welt? Das macht wütend, weil der Klimawandel die Menschen am stärksten trifft, die ihn überhaupt nicht verursacht haben. Und das gibt Hoffnung: Es ist nicht zu spät. Wir können handeln. Die Stimmen von Tony de Brum und Sheila Watt-Cloutier sind so laut, dass immer mehr Menschen sie hören.

Wir alle sollten sie bei ihrem Ruf nach Gerechtigkeit unterstützen. Auch wenn sich die Realität oft nur langsam ändert. Die Welt kann diese Rufe nicht überhören. Und als ein Vertreterin eines der großen Industrieländer sage ich auch: Es wird Zeit, Antworten zu geben. Der Kampf gegen den Klimawandel ist der Kampf für die Rechte aller Menschen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Land setzt sich dafür ein, dass die Weltgemeinschaft endlich eine entschlossene Antwort auf den Klimawandel gibt. Wir erleben gerade entscheidende Tage. Und ich hoffe: Es werden historische Tage. Die Weltgemeinschaft hat die Chance, nach all den Rückschritten, den Umwegen, den Sackgassen der vergangenen Jahre ein klares Signal an die Menschen dieser Welt zu geben: Ja, wir handeln. Ja, wir glauben daran, dass diese Welt ein gerechter Ort sein kann. Ja, wir nehmen die Verantwortung an. Die Verantwortung gegenüber den Inuit. Die Verantwortung gegenüber dem Volk der Marshall-Inseln, gegenüber den künftigen Generationen auf dieser Erde und gegenüber unserem Gewissen.

Vielen Dank.

02.12.2015 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Genf (Schweiz)