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09.12.2016

Rede beim 2. Europäischen Kongress "Die europäische Stadt - Herausforderungen aus deutscher Perspektive"

Rede beim 2. Europäischen Kongress "Die europäische Stadt - Herausforderungen aus deutscher Perspektive"

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Zimmermann,
sehr geehrter Herr Popens,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
liebe internationale Gäste, Damen und Herren,

die große Resonanz, auf die unser Kongress trifft, ist wirklich beeindruckend. Es freut mich sehr, so viele Menschen ganz unterschiedlicher Professionen hier in Berlin begrüßen zu können, aus den Bereichen Stadtentwicklung, Denkmalpflege, dem Kulturbereich, aus Kommunen, staatlichen Organisationen, der Zivilgesellschaft, von Vereinen und Stiftungen.

Und umso bedauerlicher ist es, dass ich nicht schon am ersten Kongresstag bei Ihnen sein konnte, aber ich bin erst gestern vom Umweltbeirat der chinesischen Regierung aus Peking zurückgekommen. Wenn man aus Peking kommt, dann hat man die Probleme von Mega-Cities sehr deutlich vor Augen. Und dann wird einem immer auch klar, warum der internationale Austausch über die Zukunft unserer Städte so wichtig ist.

Zur Zukunft der Städte gehört untrennbar deren Vergangenheit, ihr kulturelles und städtebauliches Erbe. Es freut mich ganz besonders, dass wir uns in Berlin mit seinem vielfältigen Erbe zu diesem Thema austauschen – ein Erbe aus Kaiserzeit und Weimarer Republik, aus NS- und SED-Herrschaft – in einem Atemzug genannt, aber damit nicht gleichgesetzt – aus Krieg, Teilung und Wiedervereinigung. Auch das Erbe von Flucht und Migration spiegelt sich in dieser Stadt. Die Flucht aus Berlin zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die Flucht von Ost nach West während der Teilung, die Ankunft von zigtausenden Geflüchteten in den letzten Jahren bis heute.

Auch die Migration von Arbeitskräften. Sie hat Berlin zur größten türkischen Stadt außerhalb der Türkei gemacht, und bringt heute viele junge Kreative aus ganz Europa in die Stadt – in jüngster Zeit verstärkt aus dem Vereinigten Königreich. Schon diese kurze Skizze macht sehr deutlich, wie sehr Vergangenheit und Erbe Gegenwart und Zukunft der europäischen Stadt prägen. Sie haben sich schon am gestrigen Tag intensiv mit diesen Themen befasst und ich bin sehr gespannt, welche Schlussfolgerungen Sie am Ende aus diesem Kongress ziehen werden.

Damit meine ich Schlussfolgerungen im Hinblick auf den Schutz, die Pflege und die Weiterentwicklung unseres wichtigen baukulturellen Erbes in den Städten sowie die Vorbereitung des anstehenden Europäischen Jahres des kulturellen Erbes 2018.

Die europäischen Städte sind aus ihrem baulichen Bestand heraus zu planen und weiterzuentwickeln. Aber was bedeutet das konkret? Jeder Baustil, jeder Trend und jedes Jahrzehnt haben in unseren Städten Spuren hinterlassen. Eine bunte Mischung von Stilen und Epochen prägt die europäische Stadt von heute.

Diese Vielfalt ist unsere Heimat. Manche bauliche Erinnerungen finden wir schön, andere weniger, und auch das unterliegt durchaus dem Wandel. Nehmen wir ein Beispiel aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die Berliner Karl-Marx-Allee mit ihrer – ich nenne es mal – stalinistischen Bebauung. Zu Beginn der 90er Jahre hätten einige aus dem Westen diese Architektur am liebsten abgerissen, was zum Glück nicht in die Tat umgesetzt wurde. Denn heute hat sich die Karl-Marx-Allee zu einem Touristenmagnet entwickelt mit Restaurants, Shops und außergewöhnlichen Wohnkonzepten. Dieses Beispiel zeigt: Wir sollten wegen vermeintlich ökonomischer Notwendigkeiten oder ästhetischer Strömungen nicht immer alles abreißen, was uns gerade nicht gefällt.

Wir brauchen die Vielfalt, wir brauchen – wie der Stadtsoziologe Walter Siebel es formuliert hat – "die Präsenz von Geschichte im Alltag der Städte". Und wir brauchen Orte, an denen wir uns baulich an der Geschichte dieser Orte erinnern und auch reiben können. Die europäische Stadt muss nach meiner Überzeugung ständig fortgeschrieben und aktualisiert werden. Ein bewusster Umgang mit Geschichte bedeutet, sie zu pflegen und sie fortzuschreiben. Es geht um die Weiterentwicklung der Städte mit ihrem Erbe. Viele Kulturakteure haben längst erkannt, wie wichtig das historische "Kapital" einer Stadt ist. Das sehen Sie an den europäischen Kulturhauptstädten – einem der erfolgreichsten Formate der europäischen Kulturpolitik –, wo Veranstaltungen mit dem urbanen Raum verbunden werden.

Eine der wesentlichen Fragen lautet, welche Anknüpfungspunkte sich aus dem historischen Erbe für die Zukunft der europäischen Städte ergeben. Erbe, Tradition, Historie – Begriffe, die vielleicht ein wenig gestrig klingen. Und oft, meiner Meinung nach zu oft, werden sie als Hemmnis für wirtschaftliche Entfaltung angesehen. Aber es geht nicht um die Musealisierung der Städte. Die europäische Stadt, wie ich sie verstehe, ist eine gebaute und vor allem eine weiter gebaute Stadt. Sie ist eine lebendige Stadt.

Städte müssen sich weiterentwickeln können. Und zwar ohne ihre wertvollen Eigenarten baulicher Vielfalt aufzugeben. Geschichtliche Zeugnisse aus unterschiedlichen Epochen und vielgestaltige Stadträume sind erhaltungswürdig. Und das macht Stadtentwicklung aus der Tradition heraus so zentral. Mir ist es dabei wichtig, dass der Erhalt und die Entwicklung des baukulturellen Erbes als ein äußerst erfolgversprechender Weg der Stadtentwicklung verstanden werden. Seit dem Europäischen Jahr für Denkmalpflege 1975, bis zu dem Altbauten und Denkmale in Deutschland recht rigoros abgerissen wurden, sprechen wir in Deutschland von einer erhaltenden, behutsamen Stadterneuerung. Dies dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.

Die drängenden Aufgaben heute sind: In den Städten ausreichend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das Leben in der Stadt darf kein Privileg für Wohlhabende werden. Den sozialen Zusammenhalt in den Städten zu erhalten, gerade wenn es darum geht, die zahlreichen Neubürgerinnen und Neubürger zu integrieren. An anderen Stellen geht es darum, Leerständen und Verfall zu begegnen. Dabei müssen wir darauf achten, dass Stadtwachstum auf der einen Seite und das Qualifizieren vorhandener Quartiere auf der anderen in einem gesunden Verhältnis bleiben. Das baukulturelle Erbe ist wichtig, damit sich Menschen mit ihrem Ort identifizieren, sich heimisch fühlen, sich für ihr Gemeinwesen engagieren.

Auf der ganzen Welt zieht es die Menschen in die Städte. Und damit liegt der Schlüssel für eine nachhaltige und klimagerechte Welt in den Städten. Schon heute lebt die Hälfte der Menschen in Städten. 2050 werden es bei einer gewachsenen Weltbevölkerung voraussichtlich zwei Drittel sein. Im Oktober hat sich die Staatengemeinschaft in Quito auf eine neue Städteagenda verständigt, die "New Urban Agenda". Diese "New Urban Agenda" ist ein weltweiter Rahmen für eine nachhaltige Entwicklung der Städte.

Deutschland ist es wichtig, dass Städte und Regionen über ihre Belange selbst mitbestimmen können. Wir haben daher unsere Erfahrungen mit dem Prinzip der Subsidiarität, der kommunalen Selbstverwaltung, mit der Städtebau- und Wohnraumförderung sowie dem Leitbild der kompakten europäischen Stadt in die Verhandlungen eingebracht.

Ich freue mich sehr, dass sich auch UN-Habitat mit Herrn Roi Chiti heute aktiv in unsere Diskussion einbringen wird. Herr Chiti, willkommen in Berlin. Deutschland hat vor allem in den letzten 25 Jahren beim Stadtaufbau und in der Stadtentwicklung Enormes geleistet, nehmen wir etwa den Wiederaufbau ostdeutscher Städte.

Dabei haben wir viel gelernt, viel richtig und gut gemacht. Dass sich deutsche Städte so entwickelt haben, resultiert meiner Auffassung nach maßgeblich aus dem klaren Bekenntnis zur Neuen Charta von Athen mit der Abkehr von der Funktionstrennung, sowie zur Leipzig-Charta mit dem Leitbild der nachhaltigen europäischen Stadt und der integrierten Stadtentwicklung. Außerdem aus dem Bekenntnis zur Städtebauförderung durch Bund, Länder und Kommunen. Die Städtebauförderung ist und bleibt zentrale Säule der Stadtentwicklungspolitik.

Seit 1971 wurden dafür vom Bund 17 Milliarden Euro bereitgestellt. Im kommenden Jahr sind es 790 Millionen Euro an Bundesmitteln. Unsere Städtebauförderung gliedert sich in Programme, maßgeschneidert auf unterschiedliche Problemlagen. Eine besondere Erfolgsgeschichte ist das Programm des Städtebaulichen Denkmalschutzes. Hier ist der Bund verlässlicher Partner und Impulsgeber für Länder und Gemeinden, und so soll es auch bleiben. Bund, Länder und Gemeinden stellen sich so gemeinsam der Verantwortung für das baukulturelle Erbe. Wir verfolgen auch hier einen ganzheitlichen Ansatz. Und das Programm dient nicht dem Erhalt einzelner imposanter Baudenkmale. Es folgt dem Grundsatz der Erneuerung, dem Erhalt und der Stabilisierung von Städten und Gemeinden insgesamt.

Mit diesem Kongress beteiligen wir uns auch aktiv an den Vorbereitungen für das "Europäische Kulturerbejahr", das für 2018 angekündigt ist. Das Kulturerbejahr soll unter dem Motto "Sharing Heritage" die gemeinsamen kulturellen Wurzeln Europas herausstellen. Schon für die Vorbereitung des deutschen Beitrags und für erste Projekte im kommenden Jahr stellen wir 3,6 Millionen Euro bereit. Lassen Sie uns dieses aktiv mitgestalten und als Plattform und Multiplikator für den Erhalt und die Weiterentwicklung der europäischen Stadt nutzen.

Das baukulturelle Erbe prägt das Antlitz der Städte Deutschlands und Europas. Als Stadtentwicklungsstrategie bildet dieses Erbe ein großes Potenzial, das aktiv erschlossen und entwickelt werden muss. Ich bin mir sicher, dass Sie hier auf diesem Kongress eine – im übertragenen Sinn – gemeinsame Sprache finden werden, weil wir ein gemeinsames Anliegen haben. Ich begrüße es daher sehr, dass sich hier und heute eine Arbeitsgruppe mit dem Thema „Die Zukunft territorialer Ansätze in den EU-Strukturfonds ab 2021“ befasst. Denn genau solche Synergien an Fachwissen unterschiedlicher Formate gilt es zu nutzen und zu multiplizieren. Gerade in schwierigen Zeiten brauchen wir nicht ein Weniger an Zusammenarbeit, sondern ein Mehr an Kooperation. Die gemeinsame Kraftanstrengung von Vielen für ihre Stadt oder ihren Stadtteil. Ich hoffe, dass wir mit diesem 2. Europäischen Kongress einen weiteren wichtigen Baustein dazu beitragen. Vielen Dank!

09.12.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks