BMUB Website

Navigation

Von hier aus koennen Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

  • Home
  • Presse
  • Reden
  • Rede von Dr. Barbara Hendricks anlässlich der Veranstaltung "Sonntagsworte" im Xantener Dom
https://www.bmub.bund.de/RE162
26.01.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks anlässlich der Veranstaltung "Sonntagsworte" im Xantener Dom

Viele von uns kennen diese Situationen. Viele kennen die Zweifel. Und ganz ehrlich: Unsere Kirche macht es uns manchmal schwer.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Lieber Kaplan Rothe,

vielen Dank für Ihre Einladung.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber als Christin - zumal als Katholikin - findet man sich gelegentlich in einer Verteidigungshaltung wieder. Hier am Niederrhein vielleicht noch nicht so sehr, aber fahren Sie mal nach Berlin. Viele sagen einem da: "Katholische Kirche? Die ist doch aus der Zeit gefallen." Oder: "Ich bin ausgetreten. Ich kann das, was die Kirche macht, nicht mehr unterstützen."

Viele von uns kennen diese Situationen. Viele kennen die Zweifel. Und ganz ehrlich: Unsere Kirche macht es uns manchmal schwer. Es geht zu oft um das Fehlverhalten prominenter Würdenträger und um die Diskussion von Fragen, die der Rest der Gesellschaft schon längst beantwortet hat - Stichwort Sexualmoral oder die Rolle der Frau. Das alles behindert uns als Kirche und als engagierte Laien, mit unseren ethischen Standpunkten Einfluss auf die großen Debatten unserer Zeit zu nehmen. Unser Blick sollte schließlich nicht nur der Kirche gelten. Er sollte unserer Gesellschaft und der ganzen Welt gelten.

Ich finde, Papst Franziskus hat den Nerv getroffen, als er im November den deutschen Bischöfen mit auf den Weg gegeben hat, die Kirche in Deutschland müsse wieder mehr im Aufbruch sein. Ich zitiere: "Die Kirche ist kein geschlossenes System, das ständig um die gleichen Fragen und Rätsel kreist. Die Kirche ist lebendig, sie stellt sich den Menschen vor Ort, sie kann in Unruhe versetzen und anregen."

Das Christentum und die katholische Kirche haben in dieser Welt noch viel zu erzählen. Papst Franziskus macht dies in seinem Pontifikat eindrucksvoll klar. Die Stimme der Kirche wird gebraucht. Wir sollten diese Welt nicht den Zynikern überlassen, den Nutzenmaximierern, den Erbarmungslosen. Unser Glaube sollte Triebfeder und Richtschnur in dem Bemühen sein, diese Welt ein Stück besser zu machen. Gerade in diesen Tagen und Wochen, in denen fast abendlich neue Schreckensmeldungen über die Fernseher in unsere Wohnzimmer schwappen. Gerade in diesen Tagen und Wochen, in der unsere Gesellschaft zweifelt, ob wir es schaffen, so viele Flüchtlinge bei uns aufzunehmen. In diesen Tagen sind die Botschaften des Christentums zeitgemäßer denn je. Für mich ragen zwei Aspekte unseres Glaubens momentan heraus: Der Ruf nach Barmherzigkeit und die Erkenntnis, dass wir Menschen in einem globalen Zeitalter eine globale Verantwortung tragen.

Die Barmherzigkeit ist für mich eines der größten Versprechen unseres Glaubens. Ein Versprechen übrigens, das er mit den anderen großen Religionen - vor allem dem Judentum und dem Islam teilt. Es ist das Versprechen, das Gott uns liebt. Auch wenn wir ihm fern sind. Jesus hat seine Jünger nicht in Palästen gesucht. Er hat sich nicht unter die Glücklichen und Feiernden gemischt. Er ist dort hingegangen, wo keine Party war, sondern wo die Armen und Kranken waren, die Sünder und Verstoßenen. In einer Gesellschaft, in der Perfektionismus und Glücklich-Sein Pflicht sind, in der sich traditionelle Verantwortungsgemeinschaften eher auflösen, ist diese Botschaft aktueller denn je. In einer Gesellschaft, in der vieles auf Erfolg und Wohlstand gepolt zu sein scheint, ist Gott uns treu. Er ist mit uns. 

Der menschenliebende Gott, das ist für uns Trost. Es ist aber auch Verantwortung. In der Verkündungsbulle zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit "Misericordiae vultus" schreibt Franziskus:

"Barmherzigkeit ist der letzte und endgültige Akt, mit dem Gott uns entgegentritt. Barmherzigkeit ist das grundlegende Gesetz, das im Herzen jedes Menschen ruht […]. Barmherzigkeit ist der Weg, der Gott und Mensch vereinigt, denn sie öffnet das Herz für die Hoffnung, dass wir, trotz unserer Begrenztheit aufgrund unserer Schuld, für immer geliebt sind."

Barmherzigkeit - oder auch die Nächstenliebe - ist also das entscheidende Kriterium des Christseins. 

Politisch gesehen ist "Barmherzigkeit" eine schwierige Kategorie. Die Menschen erwarten ja zu allererst Gerechtigkeit. Und ich finde: Die Unterscheidung ist sehr bedeutsam. Ich möchte das am Beispiel des heiligen Sankt Martin deutlich machen. Er handelt barmherzig, weil er dem Bettler einen Teil seines Mantels überlässt. Man kann aber auch fragen: Warum gibt es in dieser Gesellschaft eigentlich Menschen, die keine Kleidung haben, während andere viel zu große Mäntel besitzen und auf Pferden reiten? Hat er nicht das Recht auf Kleidung? Ich kann niemandem etwas schenken, wenn er das Recht auf den Besitz hat. Diese Differenzierung möchte ich vorwegnehmen, ehe ich später genauer auf die Enzyklika "Laudato si‘" eingehe.

Die Industrieländer haben ihren Wohlstand auf Kosten der Umwelt erwirtschaftet. Wenn ich jetzt dafür sorge, dass die armen Menschen des Südens vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden, wenn ich ihnen Entwicklungsmöglichkeiten finanziere, dann ist das für mich kein Akt der Barmherzigkeit, sondern es ist ganz einfach ein Gebot der Gerechtigkeit. Wir brauchen aber die Barmherzigkeit dennoch. Barmherzigkeit ist ja mehr als die gute Gabe. 

In seinem Buch "Barmherzigkeit" schlägt Kardinal Kasper vor, die Barmherzigkeit eher mit "Empathie" oder - neudeutsch - "compassion" gleichzusetzen. Es geht also darum, den Kokon der Individualität zu verlassen und sich in die Gefühls-, Gedanken- und Lebenswelt des Anderen hineinzuversetzen. Mit ihm zu fühlen, ihn als Gleichen anzuerkennen.  Da sieht man im Übrigen, dass das Christentum und die Sozialdemokratie verwandter sind, als sie das gelegentlich einräumen wollen. Barmherzigkeit ist also erstens die Voraussetzung für Gerechtigkeit. Die Formulierung von Rechten und Ansprüchen in einer Gesellschaft, der Aufbau solidarischer Systeme, gelingt nur, wenn die Menschen sich in die Lage der Benachteiligten hineinversetzen können. Wenn sie mitfühlen.

Zweitens geht die Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit hinaus. Sie überwindet die Grenzen von Recht und Gesetz und schenkt aus freien Stücken: Zeit, Mitgefühl, Gesellschaft und auch Geld. Barmherzigkeit fragt nicht: "Steht ihm das zu?" "Muss ich das machen?" Man fühlt, dass der Gegenüber etwas braucht und man gibt es ihm.

Ich bin sehr stolz - gestatten Sie mir diesen kurzen Ausflug - dass die Katholische Kirche sich in der aktuellen Herausforderung der vielen Flüchtlinge derart klar positioniert. Es ist völlig berechtigt, Fragen zu stellen, skeptisch zu sein, die Befürchtung der Überforderung zu haben. Es ist berechtigt zu fragen, ob die Last dieser Aufgabe fair verteilt wird. Aber: Bei dieser Diskussion dürfen wir nicht vergessen, dass es in erster Linie um Menschen geht. Gezeichnet vom Krieg, ohne Hab und Gut, frierend und verletzt. Wenn diese Menschen vor unserem Haus stehen, dann müssen wir sie hereinlassen. Dann müssen wir uns um sie kümmern. Punkt.

Dieser Haltung fühle ich mich verpflichtet.

Eine Lehre aus dem Syrienkrieg ist auch: Wir müssen lernen, Verantwortung jenseits der Grenzen Deutschlands und Europas zu übernehmen. Barmherzigkeit muss - und damit komme ich zu meinem zweiten zentralen Punkt - in einer globalen Welt ein globales Prinzip sein. Das Gebot der sozialen Gerechtigkeit darf nicht mehr an der Staatsgrenze enden. Wir müssen eine globale solidarische Gesellschaft entwickeln. Nichts macht das deutlicher als der Klimawandel. Er droht uns nicht, er existiert bereits. 2015 war das wärmste Jahr seit der Wetteraufzeichnung. In diesem noch jungen Jahrhundert liegen 14 der 15 wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen.

Er bedroht die kommenden Generationen, deren Chancen auf ein Leben in Gesundheit und Wohlstand mit jedem Tag sinken, an dem wir die ökologischen Grenzen unseres Planeten weiter ignorieren. Er bedroht Menschen schon heute. Zum Beispiel in Beira in Mosambik: Die Stadt wird jeden Tag ein Stück mehr vom Indischen Ozean geschluckt.

In Bangladesch, wo die Menschen immer häufiger gegen Fluten und Überschwemmungen ankämpfen müssen. Er bedroht vor allem die Menschen, die ohnehin jeden Tag um ein halbwegs erträgliches Leben kämpfen müssen.

Wir haben viel zu lange gedacht, der Klimaschutz sei ein Thema für ökologisch Bewegte. Ein paar untergegangene Korallenriffe, der ein oder andere Sturm, vielleicht ein um ein paar Zentimeter höherer Meeresspiegel. Das war falsch. Die Frage, wie wir den Klimawandel stoppen können, ist die große Gerechtigkeitsfrage dieses Jahrhunderts. Und: Wir werden die anderen großen Herausforderungen dieses Jahrhunderts, den Kampf gegen Krieg und Flucht, gegen Hunger und Armut, nur bewältigen, wenn wir den Klimawandel stoppen können. Ich kenne kaum einen Text, der diesen Zusammenhang besser deutlich macht als die Enzyklika „Laudato si‘“. Eine Enzyklika, die eigentlich weniger ein Lehrschreiben ist, als ein Appell zum Handeln. Von einem Papst, der wie wenige andere verstanden hat, dass der Kampf gegen Armut und der Kampf gegen die Zerstörung unserer Natur unmittelbar zusammenhängen.

"Die Sorge für das gemeinsame Haus" heißt der Untertitel der Enzyklika. Das Haus ist ein gemeinsames. Es lässt sich nicht trennen vom Rest der Welt - durch Grenzen oder Militär. Wir in Deutschland verschmutzen seit über 200 Jahren die Atmosphäre mit Treibhausgasen aus fossilen Energieträgern. Das macht einen Unterschied für Menschen in Mosambik oder Bangladesch oder auf den Inseln des Pazifiks. Wenn in Afrika die Dürren zunehmen und Bauern ihre Familien nicht mehr ernähren können, dann spüren wir die Auswirkungen. Weil auch diese Menschen eine Zukunft wollen und sie in Europa suchen.

Wenn uns aber die Zukunft unseres Planeten gleichgültig wäre, dann wären wir auch gleichgültig gegenüber dem Schicksal von Menschen. Papst Benedikt hat vor einigen Jahren in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag gesagt: "Der Mensch ist nicht nur eine sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur." Die Natur ist die Grundlage unseres Lebens. Wie weit auch die technologische Entwicklung gehen wird: Wir leben in ihr und von ihr. Und ein Großteil der Menschen lebt noch weit direkter in der Natur als wir. Der Weizen kommt vom Feld, nicht aus dem Supermarkt. Das Wasser aus dem Brunnen, nicht aus dem Hahn. Das Haus ist aus Holz und nicht aus Beton. Eine Veränderung ihrer Umwelt bedeutet für viele Menschen auf der Welt existenzielle Veränderungen.

Das ist für mich die zentrale Botschaft von "Laudato Si‘": Es gibt nicht auf der einen Seite die Umweltverschmutzung und auf der anderen Seite Armut und Elend. Die ökologische Frage und die soziale Frage gehören untrennbar zusammen!

Papst Franziskus hat recht: Wir sind in einer globalen Verantwortungsgemeinschaft. Auf den ersten Blick lähmt dieser Gedanke vielleicht ein wenig. Wir fühlen uns viel zu klein, um dieser Verantwortung gerecht werden zu können. Wir fühlen uns zu machtlos, um - wie man sagt - dem Schicksal ins Rad fallen zu können. Das stimmt vielleicht für die ganz großen Räder. Aber wir alle können eben doch unserer Verantwortung gerecht werden, unseren Spielraum nutzen, um der Entwicklung eine Richtung zu geben. Das ist eine Frage der Haltung.

Papst Paul VI. hat da ein sehr treffendes Bild geprägt. In seiner Enzyklika "Populorum Progressio" hat er schon 1967 die internationale Solidarität zwischen den wohlhabenden und den armen Menschen dieser Erde eingefordert. Er wendet sich - übrigens genau wie Franziskus - an "alle Menschen guten Willens" und ruft Ihnen zu: "Ihr alle seid Baumeister einer neuen Welt."

Genau so ist es. Wir alle sind gemeinsam Baumeister dieser Welt. Wir können bestimmen, wie diese Welt aussehen soll. Barmherzig oder ignorant, gerecht oder ungerecht, friedlich oder gewalttätig. Das glauben Sie mir nicht? Dann erzähle ich Ihnen eine Geschichte:  

Sie wissen, ich war im Dezember auf der Klimakonferenz in Paris. Dort haben 195 Staaten gemeinsam einen neuen Weltklimavertrag ausgehandelt. Allein das ist ein Hoffnungszeichen. Nach vielen Jahren, in denen jeder Fortschritt mühsam war, in denen es allenfalls in Trippelschritten voranging, haben wir einen Meilenstein gesetzt. Alle 195 Staaten dieser Erde. Einstimmig. Jetzt sind alle Länder in der Pflicht, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, damit die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzt wird. Und die Industrieländer haben den Entwicklungsländern zugesagt, ihnen beim Klimaschutz und bei der Bewältigung der Schäden des Klimawandels zur Seite zu stehen. Das alles ist erstaunlich genug. Und natürlich hatte dieser Erfolg viele Väter und Mütter. Ein ganz wichtiger Mann war Tony de Brum, bis vor kurzem Außenminister der Marshall-Inseln, einem Insel-Staat, der nur knapp über dem Meeresspiegel liegt und schon heute vom Klimawandel akut bedroht ist. Tony ist 1945 geboren, als Sohn eines Fischers. Er war der erste seines Volkes, der einen Studienplatz bekam. Und er wurde international bekannt, weil er unermüdlich dafür kämpfte, den Klimawandel endlich zu stoppen. Es war also in den entscheidenden letzten Tagen der Konferenz: Tony als Vertreter eines der kleinsten Länder dieser Welt suchte eine Koalition von Staaten, die ohne ein erfolgreiches Abkommen nicht nach Hause gehen würden. Am Anfang kam die EU, aber Stück für Stück schlossen sich mehr Staaten an: Kanada, die USA, Brasilien, Mexiko, und viele mehr. Über 100 waren es am Ende.

Wir sind am letzten Tag der Verhandlungen, am Samstag, Hand in Hand in den Verhandlungsraum gegangen. Wir wollten deutlich machen: Wir gehen hier nicht weg, ohne einen Vertrag zu unterzeichnen. Mit Erfolg: Wir haben ein historisches Abkommen bekommen. Tony de Brum ist einer der Väter dieses Erfolges – ein "Baumeister einer neuen Welt" - als Sohn eines Fischers, vom Ende der Welt, der bewiesen hat, dass der Wille eines Menschen Berge versetzen kann! 

Solche Beispiele gibt es viele - im Großen und im Kleinen. Die Bibel ist voll von Menschen, die über sich hinausgewachsen sind. David, der Goliat besiegt. Moses, der sein Volk aus der Knechtschaft in das gelobte Land führt. Der zweifelnde und manchmal schwache Petrus, auf dem Jesus seine Kirche baut. Wir selbst brauchen keine Anstrengungen biblischen Ausmaßes. Wir sind eines der wohlhabendsten Länder dieser Erde. Wir haben kluge Ingenieure und Unternehmen, die mit ihren Spitzenprodukten die ganze Welt beliefern. Wer, wenn nicht wir, soll Technologien entwickeln, die das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas überflüssig machen? 

Nehmen wir das Beispiel Strom: Wir in Deutschland haben uns vor 15 Jahren gesagt, dass wir beginnen wollen, unseren Strom ökologisch zu produzieren. Es war immer klar: Wir können nicht auf Elektrizität verzichten. Sie ist die Grundlage für unseren Wohlstand. Aber wir können dafür sorgen, dass der Strom der Zukunft keine Treibhausgase verursacht. Heute produzieren wir ein Drittel unseres Stromes aus erneuerbaren Energiequellen! Das war nicht kostenlos. Aber es war wegweisend für die Welt. Heute ist an vielen Orten der Welt Solarstrom genauso teuer – oder billig – wie Kohlestrom. Ein Minister aus Afrika hat mir einmal gesagt: "Das war das größte Geschenk, was ihr uns machen konntet". In Afrika gibt es nämlich auf dem Land oft gar keine Stromversorgung. Die Lampe und der Fernseher werden teuer und schmutzig mit einem Dieselgenerator versorgt. Das geht heute viel besser mit einer Solarzelle. Ohne Leitung, ohne Kohlekraftwerk, ohne Treibhausgase. Eine Entwicklung die hier in Deutschland ihren Anfang genommen hat.

Wir haben dennoch heute eine Mammutaufgabe vor uns. Es geht nicht nur um den Energiesektor. Es geht darum, klimaneutrale Gebäude zu bauen, eine treibhausgasneutrale Mobilität zu entwickeln und um vieles mehr. Sieben, bald acht Milliarden Menschen brauchen Energie als Grundlage für ein menschenwürdiges Lebens - und wenn wir das so machen würden, wie die Industrieländer in den vergangenen 200 Jahren, dann werden unsere Lebensgrundlagen für immer zerstört. Papst Franziskus hat recht: Wir müssen raus aus Kohle, Öl und Gas. Wir müssen uns auf die Suche machen nach einer Wirtschafts- und Lebensweise, die Wohlstand schafft und gleichzeitig die ökologischen Grenzen unserer Erde respektiert. Wir dürfen uns aber nicht nur auf den technischen Fortschritt verlassen. Wir brauchen auch einen Fortschritt der Zivilisation. Wir müssen lernen, der Natur wieder einen anderen Wert zu geben. Wir müssen lernen, barmherzig gegenüber denjenigen zu sein, die am stärksten unter dem Klimawandel leiden: Die Armen und Schwachen dieser Welt. Barmherzig in dem Sinne, dass wir uns für ihr Schicksal mit verantwortlich fühlen.

Weil die Verantwortung für das "Große Ganze" heute so komplex, so unüberschaubar ist, fällt es uns schwer, die fundamentale Frage nach Gerechtigkeit mit der ganz praktischen eigenen Verantwortung zu verbinden. Startpunkt ist ja nicht die Erfindung einer neuen Energiequelle. Startpunkt ist die Frage, ob ich das Auto nehme oder die Bahn. Ob ich ein T-Shirt kaufe, das zu fairen Bedingungen produziert wurde. Ob es immer eine Fernreise oder das neueste Handy sein muss. Ich finde, wir müssen selbst wieder viel stärkere Verantwortung für unsere Umwelt – für unser gemeinsames Haus - übernehmen. Die Erde ist uns nicht untertan. Die Menschen, die wie wir auf diese Erde angewiesen sind, sind nicht frei von Rechten. Wir dürfen weder die Natur noch die Menschen an anderen Orten dieser Erde zu Werkzeugen zur Befriedigung unseres Überflusses machen. Die Natur ist keine endlose Ressource für unseren endlosen Wohlstandsdurst. Sie ist ein Wunder, in all ihren Farben und Formen. Sie ist ein Geschenk Gottes an alle Menschen und alle Generationen. Wir sind verpflichtet, dieses Geschenk zu pflegen und – in gutem Zustand – weiterzugeben.

Das, was wir als Christen "Schöpfungsverantwortung" nennen, ist nichts anderes, als der tiefe Respekt vor der unschätzbaren Schönheit und dem unfassbaren Wert der Natur. Wir Menschen sind Treuhändler dieser Schöpfung. Wir können sie nutzen. Aber wir müssen sie eben auch bewahren. Ich finde, das ist ein echter Mehrwert, den der christliche Glaube - und mit ihm viele andere Religionen – bietet: Die Demut vor dem Wunder der Schöpfung und die Verantwortung, die daraus erwächst. Wir sind nicht die Herren der Welt, unser Leben ist kein Selbstzweck, wir sind als Menschen füreinander verantwortlich. Barmherzigkeit als der tiefe Respekt vor dem Schicksal des Anderen, vor dem Schicksal des Nachbarn, des Flüchtlings, des Bauern in Mosambik oder des Kindes, das noch nicht geboren ist, unsere Erde aber eines Tages bewohnen wird. Das sollte unsere Richtschnur sein.

Jürgen Habermas hat geschrieben: "Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste aus Banalität und Ratlosigkeit aus." Meine Damen und Herren, setzen wir dieser Wüste die Überzeugung entgegen, dass unsere Welt ein besserer Ort werden kann! Wir dürfen uns - bei all der Komplexität und all den Herausforderungen, die die Gegenwart für uns bereithält - nicht in den gedanklichen Vorgarten zurückziehen. Wir haben nicht nur individuelle Rechte, sondern auch gemeinsame Pflichten. Wir haben die gemeinsame Pflicht zu handeln und "Baumeister unserer Zukunft" zu sein. Papst Franziskus bringt es in "Evangelii Gaudium" auf den Punkt: "Ein authentischer Glaube […] schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern, Werte zu übermitteln, nach unserer Erdenwanderung etwas besseres zu hinterlassen."

Das sollte unsere Aufgabe sein.

Vielen Dank.

26.01.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Xanten