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02.11.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks auf der Green-Economy-Konferenz zum Thema "MehrWert schaffen"

Barbara Hendricks hält auf der Green-Economy-Konferenz zum Thema "MehrWert schaffen" eine Rede.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Kollegin Wanka,
Sehr geehrte Frau Thieme,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Klimaübereinkommen von Paris und die New Yorker Nachhaltigkeitsagenda waren Meilensteine. Jetzt gilt es, sie auf der jeweiligen nationalen Ebene umzusetzen.

Um die Ziele zu erreichen, braucht es uns alle: Wirtschaft, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft, Forschung und die Politik. Denn Nachhaltigkeitsfortschritte im Schneckentempo sind seit der 2030-Agenda der Vereinten Nationen keine Option mehr.

Klar ist auch: Das alles zusammen zu bringen geht nicht im Alleingang. Gerade deshalb schätze ich die konstruktive Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Wanka. Wir treten deshalb bewusst – und nicht zum ersten Mal – gerne im Doppel an.

Frau Wanka hat bereits wichtige Impulse zu nachhaltigem Konsum und nachhaltiger Produktion gesetzt. Beides sind auch für mich zentrale Anliegen. Deutlich nachhaltigere Lebensstile sind erforderlich, weil wir natürliche Ressourcen nicht weiter übermäßig ausbeuten dürfen.

Mein Haus hat hierzu unter anderem das Programm für nachhaltigen Konsum erarbeitet, das die Bundesregierung beschlossen hat.

Ich will mich heute aber auf die Nachhaltige Finanzwirtschaft konzentrieren – ein Thema, das mir schon seit langem am Herzen liegt ­– nicht nur wegen meiner Vergangenheit im Bundesfinanzministerium. Hier sind wir national noch – und ich betone noch – kein Vorbild.

Nachhaltige Geldanlagen – so hat die Bertelsmann Stiftung vor kurzem herausgefunden – machen beispielsweise bei unseren nordischen Nachbarn inzwischen mehr als die Hälfte aller Investments aus.

In Deutschland kommen wir nicht einmal auf ein Drittel nachhaltiger Kriterien bei den Gesamtanlagen und sind damit im europäischen Ranking weit hinten – noch.

Denn das muss sich ändern.

Die gegenwärtige Umwelt- und Klimakrise und die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 haben eines gemein:

Beide resultieren aus der Kurzfristigkeit im Denken. Man könnte auch Kurzsichtigkeit sagen. Aber: Es bewegt sich etwas.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) konstatiert einen Paradigmenwechsel in der Finanzwirtschaft, hin zu mehr Nachhaltigkeit. Sie nennen es die "stille Revolution".

Inzwischen finden diese Debatten laut und gut vernehmlich statt – und diese Dynamik müssen wir nutzen.

Das Zeitfenster steht offen, in dem wir gerade die globalen Nachhaltigkeitsziele umsetzen.

Und die Staatengemeinschaft hat in Paris geliefert. Was vor einigen Jahren noch unvorstellbar war: China hat den Startschuss für einen G20-Prozess zu Green Finance gegeben. Das werden wir 2017 unter deutschem G20-Vorsitz fortsetzen. Aufbauend auf den Arbeiten des G20 Financial Stability Board werden Klimarisiken im Fokus sein.

Ich möchte alle Beteiligten motivieren, hier mutig voranzugehen, denn es gibt gerade Rückenwind:

  • Der EU-Umweltrat hat vor gut zwei Wochen Kernelemente einer EU Strategie zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft diskutiert.

Auch in einigen Mitgliedstaaten der EU bewegt sich etwas:

  • Die britische Notenbank hat einen Katalog der zu berücksichtigenden Klima- und Umweltrisiken benannt.
  • Frankreich hat mit seinem Energiegesetz Pflichten für die Berichte der Unternehmen etabliert.
  • Die neu gegründete Luxemburg Green Exchange (LGX) will auf dem Markt für grüne Wertpapiere neue Maßstäbe setzen.
  • Auch Kommunen gehen voran. Stuttgart hat beispielsweise beschlossen, dass die Stadt kein Geld mehr bei Unternehmen anlegt, die in Kohle oder Erdöl investieren, oder die Kinder- oder Zwangsarbeit zulassen.
  • Und Teile der Privatwirtschaft – zum Beispiel Blackrock – wollen mit verbindlichen Richtlinien Klimarisiken offenlegen.
  • Zentrale Akteure der Versicherungswirtschaft – zum Beispiel die Allianz – steigen aus der Kohlefinanzierung aus.

Die Finanzbranche in Deutschland ist aber weitgehend noch immer eher abwartend. Dabei erfahre ich in Gesprächen mit den Banken eines immer wieder: Vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist das Thema ein echtes Anliegen.

Sie sehen eine Verantwortung auch ihrer Branche für eine lebenswerte Umwelt.

Natürlich hat nicht nur der private Finanzsektor eine Verantwortung.

Auch die Politik und die Bundesregierung haben die ihre. Etwa bei dem, was wir etwas sperrig die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen mit Bundesbeteiligung nennen. Ich freue mich, dass die Kreditanstalt für Wiederaufbau 2015 erklärt hat, den Deutschen Nachhaltigkeitskodex anzuwenden.

Dieses positive Beispiel darf aber kein Einzelfall bleiben.

Aus diesem Grund werden ab dem nächsten Jahr auch die Lageberichte großer Kapitalmarktunternehmen um Nachhaltigkeitsaspekte erweitert.

Zurzeit gilt dies nur für börsennotierte Unternehmen, aber viele davon sind aus der Finanzwirtschaft.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Vorteile der CSR-Berichterstattung den Aufwand nicht nur rechtfertigen, sondern auch überwiegen werden.

Im Gegenteil: Nachhaltigkeitsaspekte werden immer mehr Bedingung zukunftsfähiger Geschäftsstrategien.

Der Anwenderkreis sollte auf alle großen Kapitalmarktunternehmen und damit auch auf solche, die nicht börsennotiert sind ausgeweitet werden, wie zum Beispiel einschlägige Discounter oder Textildiscounter.

Heute ist Zeit und Raum, die konkreten Empfehlungen des Fachforums Nachhaltiges Wirtschaften zu diskutieren. Lassen Sie mich einige Fragen und Forderungen aufgreifen:

  1. Unser Innovationssystem muss "grüner" werden. Wie bekommen wir mehr Wagniskapital für Green Investment? Auch als Schnittstelle zu Nachhaltiger Produktion.
  2. Nachhaltige Geldanlagen müssen aus der Nische in den Mainstream. Fakt ist: Bislang haben in Deutschland nur 15 Prozent aller Privatanleger nachhaltige Anlagen. Dazu brauchen wir valide Kennzahlen. Wir brauchen verpflichtende Standards und einen Kriterienkatalog für umweltgerechte Finanzanlagen. Diese könnten zuerst für die Anlage öffentlicher Gelder entwickelt werden, wie das Stuttgart und andere bereits vormachen.
  3. Risiken müssen neu gedacht und verstanden werden. Wie müssen Risikoanalysen heute aussehen? Müssen wir nicht auch auf Wasser- und Ressourcenknappheit und Klimarisiken schauen? Das ist aus meiner Sicht eine zentrale Frage, der sich die Finanzwirtschaft öffnen muss.
  4. Ein Bewusstseinswandel zeichnet sich ab. Nachhaltige Geldanlagen sind nicht mehr nur die Sache selbstloser "Gutmenschen". Nachhaltige Geldanlagen sind ein business case. Auch sie dürfen und müssen profitabel sein. Der Profit muss sich aber an sozialen, ökologischen und ethischen Kriterien messen lassen. Und wir sehen: Die Rendite von Nachhaltigkeitsfonds ist mindestens gleich, häufig sogar besser als bei konventionellen Fonds. Ein Investment, bei dem verantwortungslose Firmen ausgeschlossen werden, minimiert Risiken.
    Zum Bewusstseinswandel gehört übrigens auch, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Finanzbranche steigen muss.
  5. Wir müssen "nachhaltige Finanzwirtschaft" institutionell verankern – auch jenseits der G20 unter deutschem Vorsitz. Eine Schlüsselrolle kommt hier den Finanzaufsichtsbehörden zu. Und selbstverständlich müssen staatlich geförderte Finanzprodukte eine Vorbildfunktion einnehmen.
  6. Jede und jeder Einzelne kann etwas tun: Schauen Sie selbst, ob Ihre Anlagen nachhaltige Produkte im Portfolio haben? Fragen Sie bei Ihrer Bank nach und fordern Sie entsprechende Angebote ein.

Das Pariser Klimaschutzabkommen und die 2030-Agenda bedeuten praktisch einen Umbau unserer bisherigen Art des Wirtschaftens.

Und genau hier kommt der Finanzwirtschaft eine Schlüsselfunktion zu: Als Bindeglied zur Realwirtschaft, als ein Katalysator für den Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Der Schutz der Umwelt kann zu einer "Antriebswelle" für den notwendigen Strukturwandel werden.

Das bedeutet, dass wir frühzeitig und geordnet umsteuern müssen.

Das ist das Gegenteil davon, Folgekosten später zu vergemeinschaften. Wer behauptet, das "Weiter so wie bisher." sei alternativlos, orientiert sich an der Vergangenheit, nicht an der Zukunft. Das ist weder wirtschaftlich tragfähig noch gesellschaftlich zu verantworten.

Lassen Sie mich das an einem konkreten Beispiel erläutern, das in den letzten Wochen viel Aufmerksamkeit erregt hat, weil es eines der liebsten Gebrauchsgegenstände der Bürgerinnen und Bürger betrifft: das Auto.

Das Pariser Übereinkommen bedeutet, dass wir bis Mitte des Jahrhunderts weitgehend treibhausgasneutral aufgestellt sein müssen. Eine große Herausforderung gerade für den Straßenverkehr, und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Wenn der Fahrzeugbestand 2050 ganz überwiegend aus Fahrzeugen mit Elektroantrieb bestehen soll, kann man sich ausrechnen, dass schon ab 2030 der größere Teil der Neuzulassungen über einen Elektroantrieb verfügen muss.

Diese Erkenntnis gibt der Automobilindustrie, den Zulieferern und der Energiewirtschaft eine gewisse Planungssicherheit. Und es ist wichtig, dass die deutsche Automobilwirtschaft sich rechtzeitig darauf einstellt, auch damit sie weltweit führend bleibt.

Die notwendigen Investitionen in neue Antriebstechniken brauchen gleichzeitig eine Finanzwirtschaft, die verinnerlicht, dass es ein Risiko ist, nicht in diese Technologien zu investieren.

Deutsche Ingenieure sind ohne weiteres in der Lage, bis 2030 emissionsfreie Autos für alle zu bauen. Und Elektroautos werden gebaut werden.

Die Frage ist nur, ob in Deutschland oder vor allem in China und den USA.

Anders ausgedrückt: Wer seine Investments nicht an der Nachhaltigkeit ausrichtet, sondern - um beim Beispiel zu bleiben – weiter in herkömmliche Verbrennungsmotoren investiert, den werden die Märkte bestrafen. Bei Bedarf flankiert durch Ordnungsrecht.

Das Leitbild einer "Green Economy" muss ganz selbstverständlich für Politik und Regierung sein, genauso wie für das Management in Unternehmen.

Wir müssen auf Nachhaltigkeit setzen, gerade damit die Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben und Arbeitsplätze erhalten werden.

Lassen Sie uns daher darüber nachdenken, wie wir gemeinsam eine "Allianz für nachhaltiges Wirtschaften" bilden können, als ein Forum von Politik und Industrie.

Dieses Thema wird nicht mehr im luftleeren Raum diskutiert. Denn das Fachforum hat geliefert. Und zwar "Empfehlungen zu nachhaltigem Konsum, Produktion, Finanzen".

Dafür danke ich allen, die mitgewirkt haben. Ich freue mich sehr über das rege Interesse an diesem Prozess und Ihren Input. Das hat echten Mehrwert.

Ministerin Wanka und ich wissen sehr zu schätzen, dass Ihr Wissen, Ihr Erfahrungsschatz und Ihr Engagement heute die Diskussion bereichern und unser gemeinsames Anliegen voranbringen – Wohlstand und Wertschöpfung innerhalb der planetaren Grenzen.

Vielen Dank.

02.11.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Berlin