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29.05.2017

Rede von Dr. Barbara Hendricks auf der Jahrestagung des Rats für Nachhaltige Entwicklung – Wissen. Wählen. Wünschen

Rede von Dr. Barbara Hendricks auf der Jahrestagung des Rats für Nachhaltige Entwicklung

- Es gilt das gesprochene Wort -

Marlehn Thieme,
Günther Bachmann,
Kolleginnen und Kollegen aus dem Bundestag,
Damen und Herren,

"Nachhaltigkeit", das ist für viele noch immer ein sperriger Begriff. Einerseits soll alles irgendwie "nachhaltig" sein, andererseits wissen oft nur Expertinnen und Experten, was das eigentlich ist.

Nachhaltig verändern lässt sich das nur mit viel Geduld, und indem man immer wieder mit möglichst anschaulichen Beispielen darlegt, was das ist, die Nachhaltigkeit. Und was die Menschen davon haben beziehungsweise welcher Schaden droht, wenn wir nicht nachhaltig handeln. Wichtig ist mir persönlich, immer wieder herauszustellen, dass Nachhaltigkeit sich nicht nur auf die Ökologie bezieht, sondern auch auf soziale und ökonomische Belange. Nicht im Gegeneinander, im Miteinander liegt die nachhaltige Zukunft.

Der Rat für Nachhaltigkeit spielt dabei eine wichtige Rolle, und ich bin den Mitgliedern sehr dankbar für ihren Einsatz und ihre Expertise.

Noch vor einem Jahr haben wir auf dieser Veranstaltung einen intensiven Dialog darüber geführt, wie wir die 2030-Agenda für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen in Deutschland umsetzen. Unser Dialog war zielführend. Am 11. Januar dieses Jahres konnten wir die Neuauflage der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie beschließen. Diese Strategie steht ganz im Zeichen der Agenda 2030 und ihrer 17 Ziele, und sie ist die umfassendste Weiterentwicklung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie seit ihrem Inkrafttreten 2002.

Die Ziele der Vereinten Nationen, die sogenannten Sustainable Development Goals, sind eine Vision für eine Zukunft in Frieden und Wohlstand auf einem gesunden Planeten. Es ist der ehrgeizigste Plan, der jemals gegen Armut und zugunsten des Planeten aufgestellt worden ist. Die Agenda ist damit so etwas wie ein globaler Gesellschaftsvertrag. Sie beschreibt die Welt, wie sie sein sollte, und die Staaten der Welt haben sich einstimmig auf sie verständigt.

Damit wollte ich kurz den Rahmen unserer Debatte über die nationale Nachhaltigkeitsstrategie umreißen. Und diese Debatte war gleichzeitig und eng mit verwandten Politikfeldern verwoben, etwa dem Klimaschutzplan 2050 oder dem Integrierten Umweltprogramm meines Ministeriums.

Unsere Nachhaltigkeitsstrategie ist das Bekenntnis der Bundesregierung zu einer wirtschaftlich leistungsfähigen, sozial ausgewogenen und ökologisch verträglichen Entwicklung. Dies ist entscheidend für die Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik der nächsten Jahrzehnte, wenn wir die wesentlichen ökologischen Bedingungen unseres Planeten in einem Gleichgewicht halten wollen. In einem Gleichgewicht, das durch seine gemäßigten und stabilen Klimabedingungen ohne existenzbedrohende Kälte- oder Hitzeperioden unsere Zivilisationsgeschichte überhaupt erst ermöglicht hat.

Erst im April hat der Erdsystemforscher Johan Rockström bei einer von meinem Haus und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt organisierten internationalen Konferenz festgestellt, Zitat: "In den letzten 50 Jahren haben wir den Weg eingeschlagen, unseren sicheren Handlungsraum der letzten 10.000 Jahre zu verlassen. Was in den nächsten 50 Jahren passiert, bestimmt den Zustand des Planeten für die nächsten 10.000 Jahre." – Zitat Ende.

Jetzt werden Sie verstehen, warum der Klimaschutzplan 2050 so wichtig ist. Nur wenn es uns gelingt, die Treibhausgase regional, national und global schnell genug zu verringern, erhalten wir die Erde in einem lebenswerten Zustand. Ich bin in diesem Zusammenhang froh, dass die Bundesregierung übermorgen einen Bericht zum übermäßigen Eintrag schädlicher Stickstoffverbindungen in die Umwelt beschließen wird. Darin stellen wir fest, dass beim Stickstoffeintrag die globalen Belastungsgrenzen bereits weit überschritten sind. Nach meinem Dafürhalten müssen alle relevanten Verursacher – Landwirtschaft, Verkehr, Industrie, Energiewirtschaft – jetzt in den Blick genommen werden.

Aber das Wünschenswerte geht oft nicht schnell genug. Deshalb bin ich in den vergangenen Jahren bei Themen, bei denen es wirklich brennt, manchmal schneller vorangegangen, als es die Beschlusslagen der Bundesregierung hergeben. Zum Beispiel mit dem schon genannten Integrierten Umweltprogramm oder der Naturschutzoffensive 2020.

Umweltpolitik ist bisweilen fordernd und anstrengend – für andere Bundesministerien, für die Industrie, und für Bürgerinnen und Bürger. Aber keine Umweltpolitik, also ungebremste Umweltverschmutzung, ungebremster Klimawandel, wären noch viel anstrengender für alle Menschen. Deshalb habe ich mich auch – durchaus kontrovers – in die Landwirtschafts- und Verkehrspolitik eingemischt. Nachhaltigkeit braucht Hartnäckigkeit, braucht langen Atem. Aber ohne Nachhaltigkeit geht uns buchstäblich irgendwann die Luft zum Atmen aus.

Um die planetaren Grenzen einzuhalten und die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, reichen minimalinvasive Korrekturen nicht. Es geht um nicht weniger als umfassende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Es geht um unsere Art zu leben, zu arbeiten, zu konsumieren, um Technologien, Institutionen und Praktiken.

In der Geschichte der Menschheit, und vor allem seit der Industrialisierung, bedeutete Fortschritt meist: auf Kosten der Natur. Das können wir uns spätestens heute nicht mehr leisten – nicht angesichts globaler Umweltkatastrophen, angesichts von etwa zehn Milliarden Menschen, die Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich auf der Erde leben werden. Denn auch diese zehn Milliarden haben ein Recht auf ein Leben in einer intakten Umwelt und Natur, frei von Hunger und Armut.

Angesichts der aktuellen Kriege und Konflikte in der Welt ist es schwer, von einem weltweiten Leben in Frieden und Wohlstand zur sprechen. Aber eins ist auch klar: Wenn wir die Belastungsgrenzen unserer Umwelt nicht respektieren, dann wird ein solches Leben erst recht unmöglich. Wie weit uns der technische Fortschritt auch immer tragen mag, letztlich bleiben wir immer Teil der Umwelt. Daher brauchen wir ein ganzheitliches Verständnis von Fortschritt. Und dazu gehört auch ein aufgeklärtes Naturverständnis. Was bedeutet das konkret?

Erstens: Wir müssen in Deutschland unseren ökologischen Fußabdruck auf ein verträgliches Maß reduzieren. Dazu habe ich in meinem Integrierten Umweltprogramm viele Vorschläge gemacht. Wir sollten neben der Klimaneutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts eine Wirtschaftsweise anstreben, die alle ökologischen Belastungsgrenzen der Umwelt einhält.

Und zweitens: Wir müssen den großen Erfolg des Pariser Klimaabkommens zum Anlass nehmen, die internationale Zusammenarbeit auch in anderen Umweltthemen zu vertiefen. Gemeinsames Engagement für den Umweltschutz kann neue Brücken bauen – zum Beispiel im Kampf gegen Meeresmüll oder Stickstoffeinträge.

Auch bei der Nachhaltigkeit geht es nicht ohne Ausgleich und Kompromiss. Wir wissen, dass wir den steigenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in Ballungsräumen nur mit mehr Wohnungsbau abdecken können. Und mehr Wohnungsbau bedeutet Flächenverbrauch, bedeutet in der verdichteten Stadt mehr Lärm. Daher gilt es zu vermeiden, verschiedene Nachhaltigkeitsthemen gegeneinander auszuspielen. Und weil der Zuzug in die großen Städte auf der anderen Seite auch Wegzug aus anderen Regionen bedeutet, kann der Ausgleich dort bei Rückbau und Renaturierung erfolgen.

Die Nachhaltigkeitspolitik ist ein dickes Brett, für das man einen langen Atem braucht. Davon dürfen wir uns aber nicht entmutigen lassen. Dabei hilft immer auch ein Blick auf die Erfolge; nur drei kurze Beispiele:

Die globalen Treibhausgasemissionen steigen seit drei Jahren nicht mehr weiter an.

Das Ozonloch schließt sich wieder. Ein großer Erfolg des Montrealer Abkommens von 1987.

Und 1995 gab es nur noch 2 500 Kegelrobben in der gesamten Ostsee. Heute sind es wieder über 30.000.

Es lohnt sich also allemal, die Ärmel hochzukrempeln, weswegen ich Ihnen allen nochmals für Ihren Einsatz für unser gemeinsames Anliegen danken möchte.

29.05.2017 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Berlin