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01.06.2017

Rede von Dr. Barbara Hendricks bei der G20-High Level Konferenz zum Meeresschutz

01.06.2017 | Meeresumweltschutz

Breite Staatenallianz gegen Plastikmüll in den Meeren

G20 für Aktionsplan gegen Meeresmüll

Wenn unsere Erde ein blauer Planet bleiben soll, dann müssen wir die Vermüllung unserer Meere zügig stoppen, so Hendricks bei der G20-High Level Konferenz zum Meeresschutz.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Exzellenzen,
Damen und Herren,
Kolleginnen und Kollegen,

Die Vermüllung der Meere nimmt immer größeren Raum ein. Zunächst im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich im Meer, aber auch in unserem Bewusstsein, den Medien, der Politik und den Wissenschaften. Mein Haus führt seit über zehn Jahren eine Befragung zum Umweltbewusstsein in Deutschland durch. Die jüngste Studie zum "Umweltbewusstsein in Deutschland" kommt zu dem Ergebnis, dass Plastikmüll in den Weltmeeren von insgesamt 74 Prozent der Befragten als sehr bedrohlich und von weiteren 23 Prozent als eher bedrohlich für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen gesehen wird. Mit insgesamt 97 Prozent der Befragten sehen praktisch alle in der Vermüllung der Meere ein relevantes Umweltrisiko.

Was macht Meeresmüll zu einem so "besonderen" Umweltthema? Solange es nur Satellitenaufnahmen von Müllansammlungen gab, also vom sogenannten "Pacific Garbage Patch", war Meeresmüll noch sehr weit weg. Das Phänomen war noch nicht wirklich bei uns allen angekommen. Eine echte Mitverantwortung empfanden deshalb damals die Wenigsten. Inzwischen sind wir besorgt, hin und wieder sogar alarmiert: Besorgt über die bekannten und sicher hier in den letzten zwei Tagen häufig zitierten Eintragsmengen von Meeresmüll. Wir sorgen uns um das Funktionieren unserer Meeresökosysteme weltweit und über Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.

Finden Mikrokunststoffteilchen über Meeresfrüchte möglicherweise den Weg auf unseren Teller und in unseren Körper? Und welche gesundheitlichen Auswirkungen hat das? Die Aufbereitung des Themas Meeresmüll hat uns in recht kurzer Zeit vermittelt, dass wir eine gehörige Mitschuld tragen.

Die Vermüllung der Meere macht es uns also schwer, klare Schuldzuweisungen zu formulieren. Zumindest die Mehrheit von uns erfreut sich hin und wieder am schnellen "coffee to go", man trägt reifes Obst manchmal noch immer im wasserdichten Kunststoffbeutel nach Hause, oder nicht? Es ist eben anders als bei einer Schiffshavarie mit der Folge riesiger Ölteppiche auf dem Meer. Die sind dann die Schuld eines unaufmerksamen Kapitäns oder eines technischen Defekts. Das Fischsterben in einem Fluss ist vielleicht die Folge einer unrechtmäßigen Einleitung von Schadstoffen aus einem Industriebetrieb – jedenfalls liegen die Kausalitäten oft näher beieinander. Bei Meeresmüll fühlen wir uns bedroht von einer Herausforderung, deren Ursachen wir selbst mitverantworten.

Gleiches gilt im Übrigen auch für einige Stakeholder hier im Saal. Nehmen Sie die Vertreter der Seeschifffahrt. Sie wollen die Schifffahrt gegen als überzogen empfundene Vorgaben zur Behandlung von Abfall an Bord zu schützen: Andererseits erleidet die Schifffahrt wirtschaftliche Schäden, wenn sich Plastikmüll in der Schiffsschraube verfängt und dies zu einem teuren Defekt führt.

Die Fischerei ist verantwortlich für Geisternetze und im Meer zurück gebliebenes Fischereigerät. Andererseits macht sie sich Gedanken, ob Fisch, der vielleicht Mikrokunststoffpartikel enthält, überhaupt noch vermarktbar sein wird.

Oder die Kunststoffindustrie: Ich gebe gerne zu, dass ich die derzeit hin und wieder wahrzunehmende pauschale Verteufelung von Kunststoff für in der Sache kontraproduktiv halte. Diese Beispiele verdeutlichen die vielen unterschiedlichen Interessen, die hier zusammenkommen.

Wie so oft macht auch hier die Dosis das Gift. Hersteller und Verbraucher könnten gemeinsam eine deutliche Reduktion von Kunststoffangebot und -anwendungen erreichen. Und genau dieses Ziel sollten wir anstreben.

Ich freue mich daher sehr, dass Sie allein durch Ihre Mitwirkung hier ein deutliches Signal Ihrer Bereitschaft setzen, sich dem Thema zu stellen und den Prozess mitzugestalten. Dreh- und Angelpunkt zur Verhinderung von Kunststoffabfällen ist aber vor allem ein flächendeckendes System zur sicheren Erfassung, Verwertung und Beseitigung von Abfällen. Ein Eintrag dieser Abfälle in die Umwelt soll damit weitgehend ausgeschlossen werden.

Ich bin sicher, dass Sie dieses Thema und auch technische Details dazu in den vergangenen zwei Tagen intensiv diskutiert haben. Deshalb möchte ich diesen Aspekt hier nur streifen. Zwei weitere Aspekte, die auch das vor uns liegende G20 Package on Marine Litter aufgreifen, sind mir ebenfalls sehr wichtig:

Zum einen die schon in der sprachlichen Kurzfassung überzeugende Formel "value to waste". Wir müssen Kunststoffabfällen weltweit einen Wert zuerkennen. Nur wenn es uns gelingt, den ökonomischen Wert zu vermitteln, werden wir die Bereitschaft ernten, mit dieser "Wertsache" sorgsam und angemessen umzugehen.

Der zweite Aspekt verbirgt sich hinter der Kurzformel "socio economic benefits", welcher sich aus der Verhinderung der Meeresvermüllung ergibt.

Denn der ökonomische Nutzen ist groß. Neben einer Verbesserung des Zustandes der Meeresökosysteme werden Arbeitsplätze an Land geschaffen und Existenzgrundlagen gesichert; der Tourismussektor kann sich entfalten und eine nachhaltige Fischerei holt gesunde und vermarktbare Fische aus dem Meer.

Damit würden alle drei Säulen der Nachhaltigkeit bedient: ökologisch sinnvoll, ökonomisch attraktiv und sozialverträglich. Wenn wir den Kampf gegen die Vermüllung auf diese Art führen, wird wirtschaftliches Wachstum von Umweltverschmutzung entkoppelt. Und dies muss eines unserer Ziele sein. Ergänzend zu den Inhalten lohnt auch ein Blick auf den Prozess, in dem wir uns befinden. Diejenigen unter Ihnen, die bereits den G7-Prozess zum Meeresmüll unter deutscher Präsidentschaft aktiv begleitet haben, wissen, dass wir von Beginn an Stakeholder aus allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv eingebunden haben. Ihnen allen gebührt unser aufrichtiger Dank. Nach meiner festen Überzeugung kommen wir nur mit Ihrer Hilfe dort an, wo die Hebel zur Lösung liegen, und zwar bei den Bürgerinnen und Bürgern. Andersherum transportieren Sie die Botschaften und Besorgnisse der Bürger auf unsere Schreibtische. Für diese Rolle danke ich Ihnen an dieser Stelle herzlich.

Ein ergänzendes Wort an die Adresse der internationalen Finanzinstitute: Es gibt im deutschen Sprachgebrauch eine flapsige Redewendung: Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts. Am Ende des Tages müssen wir auch Geld in die Hand nehmen, um Investitionen in nachhaltiges Abfallmanagement zu leisten An dieser Stellschraube können Sie drehen, und ich würde mir wünschen, dass Sie den Prozess auch weiterhin so engagiert begleiten, wie Sie es im Rahmen der beiden deutschen Präsidentschaften getan haben.

Zum Abschluss möchte ich meinen Blick in die Zukunft richten. Wie geht es weiter mit dem Thema "Bekämpfung der Meeresvermüllung" in dieser Welt? Wer kümmert sich? Wer motiviert und führt die Fäden zusammen? Nach meinem Empfinden hat das Thema "Meeresmüll" durch die Behandlung im G7- und G20-Kontext einen deutlichen Schub erhalten. Ich bin der Auffassung, dass das Momentum unvermindert fort wirkt. Das Bekenntnis der G20 zeigt Wirkung.

Ich danke an dieser Stelle ebenfalls sehr herzlich den G7-Präsidentschaften von Japan und Italien, die mit unverminderter Kraft und Energie weiter am Thema gearbeitet haben. Und ja, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen aus Kanada und Argentinien, ich glaube, nicht nur Deutschland würde sich freuen, wenn auch Sie im Rahmen Ihrer Präsidentschaften von G7 und G20 dieses Thema aufgreifen würden. Für Deutschland kann ich ankündigen, dass der "Umsetzung" zukünftig eine Schlüsselrolle zukommt.

Wir wissen genug, um zu handeln, und ganz sicher fühlen wir den nötigen Handlungsdruck, wenn wir wieder einmal Fotos von in Plastikmüll strangulierten Seevögeln oder mit Plastikmüll verschmutzen Stränden in den letzten Inselparadiesen dieser Erde ertragen müssen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

01.06.2017 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Bremen