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04.03.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks bei der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands

Rede von Dr. Barbara Hendricks bei der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands

- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine sehr geehrten Damen und Herren

und vor allen Dingen: liebe katholische Frauen,

zunächst einmal herzlichen Glückwunsch! Wir alle wissen: Älter wird man von ganz alleine – das gilt auch für Organisationen wie die KFD. Aber so ein Jubiläum bietet ja immer auch einen Anlass, Stolz auf das Erreichte zu sein. Man mag es nicht glauben, aber ich bin noch eines der jüngsten Mitglieder der KFD. Ich bin schon lange in der Kirche aktiv, aber in die KFD hatte ich es noch nicht geschafft. Bis zum Sommer. Da bin ich eine Etappe des Pilgerweges für Klimagerechtigkeit mitgelaufen. Ich hatte ein sehr nettes Gespräch mit Ulrike Göken-Huismann. Am Ende war ich plötzlich auch in der KFD. Bei dieser Mitgliederwerbung mache ich mir um die nächsten 100 Jahre keine Sorgen!

Aber im Ernst: Wir erleben doch gerade eine Zeit, da bin ich wieder richtig froh über die katholische Kirche. Gewiss: Wir haben noch viel vor uns. Und vor allem: Wir Frauen haben noch viel vor uns! Aber wenn ich sehe, wie klar sich unsere Kirche in der Flüchtlingsfrage positioniert, dann bin ich schon stolz.  Es ist völlig berechtigt, Fragen zu stellen, skeptisch zu sein, die Befürchtung der Überforderung zu haben. Es ist berechtigt zu fragen, ob die Last dieser Aufgabe fair verteilt wird.

Aber: Bei dieser Diskussion dürfen wir nicht vergessen, dass es in erster Linie um Menschen geht. Gezeichnet vom Krieg, ohne Hab und Gut, frierend und verletzt. Wenn diese Menschen vor unserem Haus stehen, dann müssen wir sie hereinlassen. Dann müssen wir uns um sie kümmern. Punkt. Diese Haltung müssen wir uns bewahren. Ich weiß, dass sich auch viele von Ihnen ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren. Deshalb zu allererst: Einen herzlichen Dank für Ihre Arbeit!

Die Stimme der katholischen Kirche – und vor allem der katholischen Laien wird gebraucht. Nicht nur in der Flüchtlingsfrage. Auch beim Klimaschutz sind die katholischen Organisationen ganz vorne mit dabei – wie beim "Klimapilgern". Es gibt eine lange Erfahrung, international zu denken und die eigene Verantwortung für die Lebensbedingungen von anderen zu erkennen. 

Einer der Lieblingssätze meiner politischen Arbeit kommt aus der Enzyklika "Populorum progressio". Papst Paul VI. hat sie vor fast einem halben Jahrhundert veröffentlicht. Schon damals hat sich die Kirche mit Fragen einer globalen Gerechtigkeit beschäftigt. Papst Paul forderte die Menschen auf, "Baumeister einer neuen Welt" zu sein. "Baumeister einer neuen Welt" – das ist die Haltung, mit der wir den Herausforderungen unserer Zeit entgegentreten sollten. Wir können unsere Welt selbst gestalten. Wir können sie zum Positiven verändern. Aber das geht nur, wenn wir die Hände nicht in den Schoß legen, sondern uns engagieren. Das gilt auch für den Klimaschutz.

Wir haben viel zu lange gedacht, der Klimaschutz sei ein Thema für ökologisch Bewegte. Ein paar untergegangene Korallenriffe, der ein oder andere Sturm, vielleicht ein um ein paar Zentimeter höherer Meeresspiegel. Das war falsch. Die Frage, wie wir den Klimawandel stoppen können, ist die große Gerechtigkeitsfrage dieses Jahrhunderts. Und: Wir werden die anderen großen Herausforderungen dieses Jahrhunderts, den Kampf gegen Krieg und Flucht, gegen Hunger und Armut, nur bewältigen, wenn wir den Klimawandel stoppen können.

Ich kenne kaum einen Text, der diesen Zusammenhang besser deutlich macht als die Enzyklika "Laudato si'". Eine Enzyklika, die eigentlich weniger ein Lehrschreiben ist, als ein Appell zum Handeln. Von einem Papst, der wie wenige andere verstanden hat, dass der Kampf gegen Armut und der Kampf gegen die Zerstörung unserer Natur unmittelbar zusammenhängen. "Die Sorge für das gemeinsame Haus" heißt der Untertitel der Enzyklika. Das Haus ist ein gemeinsames. Es lässt sich nicht trennen vom Rest der Welt - durch Grenzen oder Militär.

Wir in Deutschland verschmutzen seit über 200 Jahren die Atmosphäre mit Treibhausgasen aus fossilen Energieträgern. Das macht einen Unterschied für Menschen in Mosambik oder Bangladesch oder auf den Inseln des Pazifiks. Wenn in Afrika die Dürren zunehmen und Bauern ihre Familien nicht mehr ernähren können, dann spüren wir die Auswirkungen. Weil auch diese Menschen eine Zukunft wollen und sie in Europa suchen. Wenn uns aber die Zukunft unseres Planeten gleichgültig wäre, dann wären wir auch gleichgültig gegenüber dem Schicksal von Menschen. 

Papst Benedikt hat vor einigen Jahren in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag gesagt: "Der Mensch ist nicht nur eine sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur." Die Natur ist die Grundlage unseres Lebens. Wie weit auch die technologische Entwicklung gehen wird: Wir leben in ihr und von ihr. Und ein Großteil der Menschen lebt noch weit direkter in der Natur als wir. Der Weizen kommt vom Feld, nicht aus dem Supermarkt. Das Wasser aus dem Brunnen, nicht aus dem Hahn. Das Haus ist aus Holz und nicht aus Beton.

Eine Veränderung ihrer Umwelt bedeutet für viele Menschen auf der Welt existenzielle Veränderungen. Das ist für mich die zentrale Botschaft von "Laudato si‘": Es gibt nicht auf der einen Seite die Umweltverschmutzung und auf der anderen Seite Armut und Elend. Die ökologische Frage und die soziale Frage gehören untrennbar zusammen! Papst Franziskus hat recht: Wir sind in einer globalen Verantwortungsgemeinschaft. Auf den ersten Blick lähmt dieser Gedanke vielleicht ein wenig. Wir fühlen uns viel zu klein, um dieser Verantwortung gerecht werden zu können. Wir fühlen uns zu machtlos, um - wie man sagt - dem Schicksal ins Rad fallen zu können. Das stimmt vielleicht für die ganz großen Räder.

Aber wir alle können eben doch unserer Verantwortung gerecht werden, unseren Spielraum nutzen, um der Entwicklung eine Richtung zu geben. Das ist eine Frage der Haltung. Wir alle sind gemeinsam Baumeister dieser Welt. Wir können bestimmen, wie diese Welt aussehen soll. Barmherzig oder ignorant, gerecht oder ungerecht, friedlich oder gewalttätig.

Das glauben Sie mir nicht? Dann erzähle ich Ihnen eine Geschichte:

Sie wissen, ich war im Dezember auf der Klimakonferenz in Paris. Jahrelang ist der internationale Klimaschutz höchstens in Trippelschritten vorangekommen. Jahrelang folgte auf große Konferenzen eine große Enttäuschung. Jahrelang lag ein gemeinsames Abkommen in weiter Ferne. Das war diesmal anders. Paris war ein Meilenstein für den Klimaschutz und ein Hoffnungszeichen für die Menschen weltweit. 195 Staaten, gleichberechtigt und auf Augenhöhe saßen zusammen. Eine Grundregel der internationalen Politik übrigens, die hier, in diesem Gebäude, das Licht der Welt erblickt hat. Das Prinzip der Souveränität und der Gleichheit der Staaten wurde im Westfälischen Frieden geboren. 195 Staaten, die völlig unterschiedliche Interessen haben. Viele sind nicht mal demokratisch. 

Dennoch gibt es diesen Vertrag. Jetzt sind alle Länder in der Pflicht, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, damit die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzt wird. Und die Industrieländer haben den Entwicklungsländern zugesagt, sie beim Klimaschutz und der Klimaanpassung zu unterstützen. Das alles ist erstaunlich genug. Und natürlich hatte dieser Erfolg viele Väter und Mütter. Ein ganz wichtiger Mann war Tony de Brum, bis vor kurzem Außenminister der Marshall-Inseln, einem Insel-Staat, der nur knapp über dem Meeresspiegel liegt und der schon heute vom Klimawandel akut bedroht ist. Tony ist 1945 geboren, als Sohn eines Fischers. Er war der erste seines Volkes, der einen Studienplatz bekam. Einer der wenigen, die eine Zeit lang in den USA leben konnten.

Es war in den entscheidenden letzten Tagen der Konferenz: Tony als Vertreter eines der kleinsten Länder dieser Welt suchte eine Koalition von Staaten, die ohne ein erfolgreiches Abkommen nicht nach Hause gehen würden. Die Marshall-Inseln hatten nur ein sehr kleines Büro. Als hat sich Tony kurzerhand bei den Briten eingemietet. Am Anfang kam die EU, aber Stück für Stück schlossen sich immer mehr Staaten an: Kanada, die USA, Brasilien, Mexiko, und viele mehr. Über 100 waren es am Ende. Reiche und arme, demokratische und nicht demokratische, christliche, muslimische, buddhistische und kommunistische Staaten. Alle hatten ein gemeinsames Ziel.

Wir sind am letzten Tag der Verhandlungen, am Samstag, Hand in Hand in den Verhandlungsraum gegangen. Wir wollten deutlich machen: Wir gehen hier nicht weg, ohne einen Vertrag zu unterzeichnen. Mit Erfolg: Wir haben ein historisches Abkommen bekommen. Tony de Brum ist einer der Väter dieses Erfolges – ein "Baumeister einer neuen Welt" - als Sohn eines Fischers, vom Ende der Welt, der bewiesen hat, dass der Wille eines Menschen Berge versetzen kann!

Wir stehen vor einem langen Weg, in dem sich unsere Art zu leben und zu wirtschaften verändern wird. Aber wer, wenn nicht Deutschland sollte bei diesem Weg vorangehen? 

Wir sind eines der wohlhabendsten Länder dieser Erde.

Wir haben kluge Ingenieure und Unternehmen, die mit ihren Spitzenprodukten die ganze Welt beliefern. Wer, wenn nicht wir, soll Technologien entwickeln, die das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas überflüssig machen?

Nehmen wir das Beispiel Strom: Wir in Deutschland haben uns vor 15 Jahren gesagt, dass wir beginnen wollen, unseren Strom ökologisch zu produzieren. Es war immer klar: Wir können nicht auf Elektrizität verzichten. Elektrizität ist die Grundlage für unseren Wohlstand. Aber wir können dafür sorgen, dass der Strom der Zukunft keine Treibhausgase verursacht. Heute produzieren wir ein Drittel unseres Stromes aus erneuerbaren Energiequellen! Das war nicht kostenlos. Aber es war wegweisend für die Welt.

Solarstrom ist heute oft genauso teuer – oder billig - wie Kohlestrom. Ein Minister aus Afrika hat mir einmal gesagt: "Das war das größte Geschenk, das ihr Deutsche der Welt machen konntet". In Afrika gibt es nämlich auf dem Land oft gar keine Stromversorgung. Die Lampe und das Radio werden teuer und schmutzig mit einem Dieselgenerator versorgt. Das geht heute viel besser mit einer Solarzelle. Ohne Leitung, ohne Kohlekraftwerk, ohne Treibhausgase. Eine Entwicklung die hier in Deutschland ihren Anfang genommen hat und jetzt die Welt erobert.

Sieben, bald acht Milliarden Menschen brauchen Energie als Grundlage für ein menschenwürdiges Leben - und wenn wir das so machen würden, wie die Industrieländer in den vergangenen 200 Jahren, dann werden unsere Lebensgrundlagen für immer zerstört. Papst Franziskus hat recht: Wir müssen raus aus Kohle, Öl und Gas. Wir müssen uns auf die Suche machen nach einer Wirtschafts- und Lebensweise, die Wohlstand schafft und gleichzeitig die ökologischen Grenzen unserer Erde respektiert. Wir dürfen uns aber nicht nur auf den technischen Fortschritt verlassen. Wir brauchen auch einen Fortschritt der Zivilisation. Wir müssen lernen, der Natur wieder einen anderen Wert zu geben. Wir müssen uns für das Schicksal der Menschen verantwortlich fühlen, die am stärksten unter dem Klimawandel leiden: Die Armen und Schwachen dieser Welt. Weil die Verantwortung für das "Große Ganze" heute so komplex, so unüberschaubar ist, fällt es uns schwer, die fundamentale Frage nach Gerechtigkeit mit der ganz praktischen eigenen Verantwortung zu verbinden.

Ich war vor zwei Wochen in Düsseldorf bei einem Umweltdialog mit Bürgerinnen und Bürgern. Ein Bürger hat sich gemeldet und gesagt: "Wir müssen alle Teilzeitheilige werden". Teilzeitheilige – das ist doch ein passender Begriff! Der bringt unseren Auftrag auf den Punkt. Die meisten von uns werden keine Heiligen werden – Ausnahmen bestätigen die Regel. Wir leben von der Natur und wir belasten natürlich auch unsere Natur. Wir, die in ländlichen Regionen leben, können auf ein Auto nicht völlig verzichten. Ich esse auch ganz gerne mal ein Stück Fleisch. Als Ministerin nehme ich oft das Flugzeug. Ich kann ja schlecht mit dem Fahrrad nach China fahren. Klar ist: Es wird noch dauern, bis wir für unsere Wirtschafts- und Lebensweise keine Treibhausgase mehr ausstoßen müssen. Aber wir alle können einen Anfang machen. Wir können uns vornehmen, Teilzeitheilige zu werden. Wir können öfters mal das Rad nehmen – wem sage ich das hier in Münster. Wir können uns mit Ökostrom beliefern lassen und wir können weniger Müll produzieren. Wir brauchen nicht immer alles neu kaufen. Wussten Sie, dass eine durchschnittliche Bohrmaschine nur 1,5 Minuten pro Jahr läuft? Aber jeder von uns hat mindestens eine im Keller. Die stirbt an Vereinsamung. Warum teilen wir uns nicht eine in der Nachbarschaft? Wir müssen uns verinnerlichen, dass uns die Erde nicht untertan ist. Alle Menschen sind auf diese Erde angewiesen. Niemand ist frei von Rechten. 

Die Natur ist keine endlose Ressource für unseren endlosen Durst nach Wohlstand. Sie ist ein Wunder, in all ihren Farben und Formen. Sie ist ein Geschenk Gottes an alle Menschen und alle Generationen. Wir sind verpflichtet, dieses Geschenk zu pflegen und – in gutem Zustand - weiterzugeben. Das, was wir als Christen "Schöpfungsverantwortung" nennen, ist nichts anderes, als der tiefe Respekt vor der unschätzbaren Schönheit und dem unfassbaren Wert der Natur. Wir Menschen sind Treuhänder dieser Schöpfung. Wir können sie nutzen. Aber wir müssen sie eben auch bewahren. Ich finde, das ist ein echter Mehrwert, den der christliche Glaube – und mit ihm viele andere Religionen – bietet: Die Demut vor dem Wunder der Schöpfung und die Verantwortung, die daraus erwächst. Wir dürfen uns - bei all der Komplexität und all den Herausforderungen, die die Gegenwart für uns bereithält - nicht in den gedanklichen Vorgarten zurückziehen. Wir haben nicht nur individuelle Rechte, sondern auch gemeinsame Pflichten. Wir haben die gemeinsame Pflicht zu handeln und "Baumeister unserer Zukunft" zu sein.

Papst Franziskus bringt es in "Evangelii Gaudium" auf den Punkt: "Ein authentischer Glaube […] schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern, Werte zu übermitteln, nach unserer Erdenwanderung etwas Besseres zu hinterlassen."

Das sollte unsere gemeinsame Aufgabe sein. Vielen Dank.

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04.03.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Münster