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07.12.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks beim GDV Versicherungstag 2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks beim GDV Versicherungstag 2016

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Sehr geehrter Herr Präsident Dr. Erdland,
sehr geehrte Damen und Herren,

ihre Jahrestagung steht im Zeichen einer deutlichen Verschlechterung der globalen Risikolage.

Um sich über die Dringlichkeit des Klimaschutzes klar zu werden, braucht man nur die Zeitung aufzuschlagen: 

  • Hurrikans in der Karibik (Haiti)
  • bedrohliche Dürrekatastrophen, im östlichen und südlichen Afrika, auch in Kalifornien;
  • Überschwemmungen in Südostasien und Indien, auch in Mitteleuropa, auch in Deutschland;
  • immer wieder außer Kontrolle geratene Waldbrände in Australien, in Russland und auch anderswo;
  • und natürlich das anhaltende Abschmelzen der Gletscher und der Rückgang der arktischen und antarktischen Eismassen. 

Dies alles und vieles mehr passiert bereits bei einem Temperaturanstieg von heute etwa einem Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter.

Das heißt, bis zu dem Klimaziel von zwei Grad oder besser noch 1,5 Grad ist es noch ein weiter Weg.

In den vergangenen Jahren ist uns eine weitere Auswirkung vor Augen geführt worden: Die Flucht vor den Folgen des Klimawandels.

  • Es gibt Prognosen von bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlingen jährlich, wenn die Klimaziele nicht erreicht werden.
  • Und nicht zu vergessen, das anhaltende Bevölkerungswachstum, insbesondere in Afrika:
    Nach den neuesten UN-Zahlen wird in Afrika ein Anstieg von heute 16 auf 40 Prozent der Weltbevölkerung bis 2100 erwartet, das heißt von 1,2 Milliarden Menschen auf 4,4 Milliarden Menschen, bei schwindenden Wasser- und Landwirtschaftsressourcen.

Die Sicherheitsrisiken des Klimawandels sind bereits weltweit anerkannt:

  • der VN-Sicherheitsrat hat sich seit 2007 bereits fünfmal mit diesem Thema befasst;
  • die Bundesregierung hat das Thema "Klima und Sicherheit" 2015 in die G7-Präsidentschaft eingebracht.

Es passiert also sehr viel, um sich über die Herausforderungen zu verständigen. Aber dies alleine schafft noch keine tatsächlichen wirksamen Maßnahmen.

Von den drei Kernzielen des Pariser Abkommens – Minderung der Treibhausgasemissionen, Anpassung an den Klimawandel und Klimafinanzierung – wird die Anpassung zu Unrecht am wenigsten wahrgenommen.

Zur Anpassung zählt zum Beispiel:

  • Die Förderung nachhaltiger Wasserversorgung, auch um befürchtete Wasserkriege zu verhindern,
  • Eine angepasste Landwirtschaft für mehr Nahrungsmittelsicherheit,
  • Eine Verbesserung der Lebensbedingungen, um unkontrollierte Migrationsbewegungen einzudämmen,
  • Und die Förderung der Katastrophenvorsorge.

Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch der Entwicklungsländer verständlich, dass 50 Prozent der zugesagten Finanzmittel in Höhe von 100 Milliarden Dollar pro Jahr ab 2020 für Anpassungsmaßnahmen verwendet werden sollen. Wir sollten dies unterstützen.

Es gibt bereits zahlreiche Fonds, aus denen Projekte finanziert werden: Der "Adaptation fund", "Least country development fund" und – für Projekte mit größerem Volumen – der "Green Climate Fund".

Es zeigt sich aber auch, dass zielführende Projekte "nicht vom Himmel fallen", hier könnte sicherlich auch die Versicherungswirtschaft helfen.

Anpassung ist in der "Internationalen Klimaschutzinitiative" des BMUB ebenfalls ein wichtiges Thema.

Dabei unterstützen wir zum Beispiel:

  • grenzüberschreitendes Wasserressourcenmanagement in Ostafrika;
  • den Aufbau eines globalen Frühwarnsystems für den Klimawandel, zum Beispiel in Kenia, Ghana oder Burkina Faso;
  • auf den Philippinen unterstützen wir die Sicherung des Küstenschutzes durch Erhalt der Biodiversität in den Küstenökosystemen;
  • in einigen weiteren Ländern wie Thailand, Senegal, Nepal und einigen Inselstaaten helfen wir, Ökosysteme zu erhalten;
  • zudem unterstützen wir mit der IKI in vielen Ländern die Umsetzung von nationalen Anpassungsstrategien.

Deutschland ist einer der größten bilateralen Geber in der Klimafinanzierung. Von 2005 bis 2015 wurde das Klimaengagement aus Haushaltsmitteln mehr als verfünffacht; von 470 Millionen auf rund 2,7 Milliarden Euro. Mit den Finanzmitteln der KfW und der DEG erhöhte sich der deutsche öffentliche Beitrag zur Klimafinanzierung insgesamt auf 7,4 Milliarden Euro. Zudem mobilisieren KfW und DEG auch private Klimafinanzierung durch Kreditlinien, Eigenkapitalbeteiligungen und Garantiemechanismen.

Aber natürlich darf die Minderung der Treibhausgase nicht vernachlässigt werden, im Gegenteil, wir müssen – weltweit – nachbessern:

Die bisher vorliegenden Zusagen reichen bei weitem nicht aus, um die Klimaziele zu erreichen, auch Deutschland muss mehr tun.

Immerhin sind wir mit dem Klimaaktionsplan 2020 auf einem guten Weg und wir stellen mit dem Klimaschutzplan 2050 die richtigen Weichen für den langfristigen Wandel hin zu einer weitgehend treibhausgasneutralen Wirtschafts- und Lebensweise.

Die Versicherungswirtschaft kann umfangreich zur Anpassung beitragen und so zugleich Sicherheitsrisiken des Klimawandels eindämmen. Ich sehe dabei mehrere Handlungsdimensionen: 

  • Klimarisikoversicherungen können dazu beitragen, Klimarisiken und damit auch Sicherheitsrisiken einzudämmen.
  • 2015 wurden bereits durch Auszahlungen der mit Unterstützung Deutschlands und Großbritanniens ins Leben gerufenen Africa Risk Capacity rund 26 Millionen Dollar ausgezahlt. Mauretanien, Niger und Senegal konnten mit den Geldern Dürrenothilfemaßnahmen für rund 1,3 Millionen Menschen umsetzen und Futterhilfen für rund eine halbe Million Tiere gewähren und so den notleidenden Bauern helfen.
  • In Ghana wurden seit 2009 maßgeschneiderte Versicherungsprodukte für Dürre- und Flutrisiken entwickelt. Zudem wurde das Land dabei beraten, die regulatorischen Rahmenbedingungen für Klimarisikoversicherungen zu schaffen. Das Vorhaben kooperiert intensiv mit dem Privatsektor: dem Ghana Agriculture Insurance Program (GAIP), einer Spezialeinheit der privaten Versicherungswirtschaft.
  • In Peru soll in den kommenden fünf Jahren ein nationales Risikotransfersystem entwickelt werden, das Landwirte gegen existenzbedrohende Einkommenseinbußen durch Naturgefahren absichert. Munich Re und die GIZ beraten die peruanischen Partner dabei. 

Ich weiß, dass einige Unternehmen der Versicherungswirtschaft bereits intensiv an Lösungen arbeiten, diese neuen Herausforderungen "proaktiv" aufzugreifen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Bemühungen fortsetzen und sich weiter aktiv an diesem laufenden globalen Dialog beteiligen.

Ich denke dabei auch zum Beispiel an eine "Grüne" Anlagenpolitik ("green Finance") für das von Versicherungen verwaltete Kapital, insbesondere aus Lebens- und Altersversicherungen ("Pension Funds").

In Paris wurde beschlossen, dass wir in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Treibhausgasneutralität erreichen wollen. Das bedeutet eine tiefgreifende Transformation aller Wirtschaftsbereiche.

Es hat auch weitreichende Implikationen für die Finanzmärkte und Vermögenswerte.

Um die Einhaltung der zwei-Grad-Obergrenze zu ermöglichen, darf nur noch höchstens ein Drittel der bereits erschlossenen Reserven fossiler Brennstoffe verbrannt werden. Über zwei Drittel sind damit de facto wertlos – der Marktwert börsennotierter Energieunternehmen spiegelt dies allerdings noch nicht wieder. Je nach Umfang dieser CO2-intensiven Vermögenswerte, kann dies mit erheblichen Finanzmarktrisiken verbunden sein.

Private Unternehmen sind zunehmend aktive Treiber des Wandels: Bereits vor Paris hat es Entscheidungen großer privater Anleger wie zum Beispiel die der Allianz AG gegeben, keine weiteren Investitionen in fossile Ressourcen vorzunehmen.

Im August 2016 haben zudem 130 Investoren, die insgesamt 13.000 Milliarden Euro in Anlagen repräsentieren, ihre Empfehlungen an die G20 vorgelegt, wie die Transition zu einem grünen Finanzsystem mit starker Beteiligung des Privatsektors gelingen kann.

Der öffentliche Sektor spielt bei der Transition hin zu einem grünen Finanzmarkt eine Kernrolle, indem er seine Vorbildfunktion wahrnimmt.

Einige öffentliche Pensionsfonds, wie etwa der des Bundeslandes Berlin, oder der norwegische Pensionsfonds, passen ihre Anlagen bereits an die Pariser Klimaziele an. Dies muss ausdrücklich keine negativen Auswirkungen auf die Rendite haben.

Die Abkehr von den fossilen Energien ist inzwischen deutlich sichtbar: Im Jahr 2015 wurden zum ersten Mal mehr Erneuerbare zugebaut als konventionelle Stromerzeugungskapazitäten (Fossil + Nuklear) – und das weltweit.

Wer hätte eine solche Dynamik noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten!

Das damit zusammenhängende Investitionsvolumen ist enorm. Diese enormen Möglichkeiten sollten allen klar sein.

Es wäre deshalb sehr zu wünschen, dass die Versicherungswirtshaft vor allem für die Märkte für kohlenstoffarme Technologien in Schwellen- und Entwicklungsländern attraktive Versicherungsprodukte entwickelt.

Hinzu kommen natürlich passende und bezahlbare Versicherungsprodukte auch für die Anpassung an den Klimawandel im Inland, zum Beispiel für die Landwirtschaft, für Hochwasser und andere Wetterkatastrophen.

Nicht zuletzt müssen sich Unternehmen mit ihrer eigenen Klimaverträglichkeit auseinandersetzen.

Ich finde es deshalb wichtig, dass wir hier zukünftig mehr Transparenz schaffen.

Mit dem Beschluss, dass börsengehandelte Unternehmen, Investoren, Fondsmanager und Banken künftig über ihren sogenannten Carbon-Footprint berichten müssen, hat Frankreich vorgelegt.

Das begrüße ich sehr.

Der deutsche Nachhaltigkeitskodex fordert, dass die Lageberichte großer kapitalmarktorientierter Unternehmen stärker auf Nachhaltigkeitsaspekte ausgerichtet werden müssen. Ich hoffe sehr, dass sich die börsennotierten Unternehmen aus der Finanz- und Versicherungswirtschaft hieran aktiv beteiligen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Vorteile der CSR-Berichterstattung im Allgemeinen und der Klimaberichterstattung im Besonderen den Aufwand nicht nur rechtfertigen, sondern auch überwiegen.

Ein wichtiges Signal aus Paris und jetzt auch aus Marrakesch war, dass Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen können.

Wir stehen vor einem Umbau unserer bisherigen Art des Wirtschaftens. Und genau hier kommt auch der Finanz- und Versicherungswirtschaft eine Schlüsselfunktion zu: Als Bindeglied zur Realwirtschaft, als ein Katalysator für den Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Die Versicherungswirtschaft kann mit ihren Risikoanalysen und den daraus abgeleiteten Produkten beträchtlich dazu beitragen, dass Klimaschutz und die weltweite Anpassung an den Klimawandel zum Erfolg führen.

Ich würde mich freuen, wenn das heute hier der Einstieg in einen vertieften Dialog zwischen Ihrem Verband und dem Bundesumweltministerium gewesen ist.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

07.12.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Berlin