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27.05.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks zum BDA-Symposium "Der Umzug der Menschheit" auf der Architektur-Biennale 2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks zum BDA-Symposium "Der Umzug der Menschheit" auf der Architektur-Biennale 2016

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Sehr geehrter Herr Farwick,

sehr geehrter Herr Schmal,

sehr geehrte Damen und Herren,

vergangene Nacht haben wir die Eröffnung eines beeindruckenden Deutschen Beitrags gefeiert. Für manche war die Party erst heute Morgen zu Ende! Heute fühlen wir uns im offenen Deutschen Pavillon schon ganz zu Hause.

Der Titel dieses Symposiums lautet "Der Umzug der Menschheit" und steht natürlich im Kontext des Deutschen Beitrags "Making Heimat". Es ist Teil des Diskurses über die Fragen der Integration, zu dem "Making Heimat" explizit anregen will.

Für mich als Bundesbauministerin ist Integration gerade auch eine Aufgabe von Stadt und Architektur. Ich will das an den folgenden drei Fragen exemplarisch erläutern:

  1. Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für Integration und was können wir als Bundesbauministerium voran bringen?
  2. Welchen Beitrag kann Stadtwicklung zur Integration leisten?
  3. Warum geht fast nichts ohne eine gute Architektur?

Zur ersten Frage:

Es ist unbestritten: Wir stehen vor sehr tiefgreifenden Herausforderungen in Europa, vor allem auch in Deutschland. Hunderttausende Geflüchtete müssen und wollen wir in der Mitte unserer Gesellschaft integrieren.

Die Aufgaben der Erstunterbringung haben wir in den vergangenen Monaten durch den bewundernswerten Einsatz der Verwaltungen, vor allem in den Kommunen, aber ganz besonders durch den Einsatz vieler, vieler Freiwilliger gemeistert – ihnen gilt meine ganz besondere Anerkennung.

Doch jetzt geht es an die mittel- und langfristigen Aufgaben. Da sehe ich zuallererst natürlich die Feststellung von "Making Heimat": "Die Ankunftsstadt ist bezahlbar – Günstige Mieten sind die Voraussetzung für die Attraktivität einer Stadt." Das ist richtig.

Aber ich möchte noch weitergehen: Wir benötigen nicht nur bezahlbaren Wohnraum für die Ankommenden, sondern auch für die, die bereits in unseren Städten wohnen. Nur so kann eine Integration inmitten der Quartiere erfolgen und der soziale Frieden gewahrt werden. Deshalb tun wir alles, um gemeinsam mit dem von mir ins Leben gerufenen Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen den Wohnungsbau zu verstärken. 350.000 bis 400.000 neue Wohnungen pro Jahr sind das Ziel.

Ich habe im Ergebnis der Bündnis-Arbeit eine Wohnungsbau-Offensive eingeleitet, die nun umgesetzt wird, mit einem Maßnahmenpaket, zum Beispiel:

  • aus steuerlichen Anreizen (Sonderabschreibung für Investoren in den ersten drei Jahren bis zu 35 Prozent ihrer Anschaffungs- oder Herstellungskosten),
  • aus der Überprüfung von Bauvorschriften auf Vereinfachungspotenzial,
  • aus deutlich steigenden Mitteln für den sozialen Wohnungsbau (Verdoppelung auf nunmehr über 1 Milliarden Euro pro Jahr)
  • und aus der Wohngelderhöhung. Außerdem sind die Kosten und die Verfügbarkeit von Bauland nach wie vor ein entscheidender Engpassfaktor für den Wohnungsneubau. Der Bund ist hier mit der verbilligten Bereitstellung von Liegenschaften aus seinen Beständen bereits voran gegangen und hat ein deutliches Zeichen gesetzt. Andere Eigentümer von Bauland müssen jetzt nachziehen und ihre Flächen zur Verfügung stellen.

Zusammengefasst lässt sich jedenfalls sagen: Der Wohnungsbau steht endlich wieder ganz weit oben auf der politischen Agenda. Und das trägt auch zu einer erfolgreichen Integrationspolitik bei.

Zur zweiten Frage: Welchen Beitrag kann Stadtwicklung zur Integration leisten?

Ich will mich hier klipp und klar zu einer integrativen Stadtentwicklungspolitik bekennen. Wenn wir Menschen eine neue Heimat geben wollen, dann müssen wir Integration bei allen Zielen der Stadtentwicklung mitdenken.

Dies sollte uns aber nicht allzu schwer fallen, denn alle Parameter, die in Stadt und Land zu einer hohen Lebensqualität beitragen, ermöglichen auch eine gute Integration. Nehmen Sie die Themen "Mischung von Arbeiten und Wohnen" oder "städtische Dichte". Auch hier zitiere ich die Thesen des deutschen Beitrags: Eine gute Durchmischung von Arbeiten und Wohnen muss durch Gewerbe im Erdgeschoss ermöglicht werden, die Ankunftsstadt braucht städtische Dichte und gute öffentliche Verkehrsverbindungen zu Arbeitsstätten.

Um bei diesen Themen weiter zu kommen, wollen wir im Baurecht ansetzen. Noch in diesem Jahr werden wir eine zusätzliche Baugebietskategorie schaffen, das "Urbanes Gebiet".

Das sind verdichtete Mischgebiete, in denen Ausnahmen von bestehenden Vorgaben, zum Beispiel im Lärmschutz und bei den Abstandsgeboten, zugelassen werden. Hier wollen wir Arbeiten und Leben wieder näher zueinander bringen.

Mit großem Interesse schauen wir auch auf neue Modelle der Vergabe von Grundstücken in den Kommunen, wie sie teilweise in Berlin oder im Rahmen der Stadtausstellung für die BUGA 2019 in Heilbronn praktiziert werden. Hier bewerben sich Investoren und Architekten gemeinsam mit einem Konzept, das die Prioritäten zum Beispiel auf Nutzungsmischung und auf die Einbeziehung von Sozialwohnungen und Projekten mit Behinderten setzt.

Die Entscheidung für die Vergabe fällt aufgrund des guten Konzeptes und einer hohen Architekturqualität und nicht auf das Angebot mit dem höchsten Preis. Wir möchten solche Verfahren erforschen und aus den Ergebnissen Handlungsempfehlungen für die Kommunen ableiten.

Integration und Stadtentwicklung sind Querschnittsaufgaben. Deshalb werden wir das Programm Soziale Stadt zu einem Leitprogramm der sozialen Integration in den Quartieren ausbauen und eine ressortübergreifende Strategie entwickeln. Es ist uns gelungen, 300 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr für die soziale Stadtentwicklung bereitzustellen. Damit können die Kommunen in das Wohnumfeld, in Grünanlagen, Spielflächen, Begegnungszentren und Stadtteiltreffs investieren und aktuelle Herausforderungen bei der Unterbringung und Integration der Flüchtlinge besser meistern.

Dies alles sind auch Voraussetzungen für die Entwicklung lebendiger Stadtgebiete und damit im Interesse aller Bewohnerinnen und Bewohner.

Daran sehen Sie auch, dass wir unsere Stadtentwicklungspolitik an einer Integration inmitten unserer Quartiere, inmitten unseres Lebens, unserer Arbeit, unserer Schulen und unserer Kultur ausrichten.

Die These der Biennale-Ausstellung, dass vor allem ethnisch homogene Viertel gut für eine Ankunft der Immigranten geeignet sind, teile ich ausdrücklich nicht.

Zur dritten Frage: Warum geht fast nichts ohne gute Architektur?

Die Aufgabe, in kurzer Zeit viele neue und bezahlbare Wohnungen zu bauen, ist eine enorme Herausforderung für den gesamten Bausektor, aber es ist auch eine große Chance für die Aufwertung der Rolle der Architektur.

Wir werden einen nachhaltig guten Wohnungsbau nur erreichen, wenn mit neuen Wohnkonzepten, mit einem geringeren Flächenverbrauch pro Kopf und mit einer höheren Bebauungsdichte gleichzeitig eine hohe Qualität der Architektur einhergeht.

Dazu zählen zum Beispiel:

  • neue Funktionalitäten von eigenem und gemeinschaftlichem Wohnraum,
  • mehr Flexibilität,
  • clevere Grundrisse und durchdachte Materialwahl,
  • mehr Vielfalt und Ästhetik beim Entwerfen von Baukörpern und Zwischenräumen
  • und eine hohe gestalterische Qualität des öffentlichen Raums mit seinen Schnittstellen und Übergängen zum Wohn- und Gewerberaum,
  • dazu die Einbeziehung der Bewohner in die Planung.

All das kann verdichtete städtische Bebauungen trotz einfacher Standards einzigartig machen und eine lebenswerte Umwelt für Einwohner und Neubürger schaffen. Solche innovativen Konzepte können nur Architektinnen und Architekten in Zusammenarbeit mit den Fachplanern liefern. Dazu brauchen wir Sie!

Wir haben deshalb mit dem BDA eine gemeinsame Ausstellung initiiert. Architektinnen und Architekten denken über die Zukunft des Wohnens nach und werden Ihre Ergebnisse im Oktober unter dem Titel "Neue Standards" präsentieren.

Der Berufsstand der Architektinnen und Architekten ist bei unseren aktuellen Aufgaben der Integration gefragter denn je. Nutzen Sie diese Chance und gestalten Sie unsere bauliche Zukunft aktiv mit – Making Heimat!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

27.05.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Venedig (Italien)