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16.09.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks zum Deutschen Naturschutztag

Eine intakte Natur sichert unsere Ernährung und reinigt die Luft, das Wasser und den Boden. Sie speichert Kohlenstoff, ist Vorbild für technische Innovationen, bietet Erholung und Inspiration.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass der diesjährige Deutsche Naturschutztag in Magdeburg an der wunderschönen Elbe stattfindet. Das bringt bei mir Urlaubserinnerungen zurück, denn im August war ich mit dem Rad an der Elbe zwischen Magdeburg und Dessau unterwegs. Die Region ist ein herausragendes Beispiel für erfolgreichen Naturschutz. Die Elbelandschaft im Biosphärenreservat Mittelelbe ist für Naturverbundene eine besonders schöne Ecke. Und das Radeln entlang dieser wunderbaren Flusslandschaft ist herrlich entspannend.

Unser Land, unsere Landschaften, unsere Wiesen und Äcker, unsere Wälder, unsere Flüsse und Auen sind nicht nur aus sich selbst heraus schützenswert. Sie sind wahre Multitalente. Eine intakte Natur sichert unsere Ernährung und reinigt die Luft, das Wasser und den Boden. Sie speichert Kohlenstoff, ist Vorbild für technische Innovationen, bietet Erholung und Inspiration. Die Natur liefert Rohstoffe für den Bau, ist Energieerzeuger und Entwickler von Medikamenten. Diese Aufzählung könnte ich noch lange fortsetzen.

Aber: Der Druck, der auf unseren Ökosystemen liegt, ist hoch. Allzu oft werden unsere Landökosysteme vom Multitalent zum Spezialisten reduziert. Sie werden einseitig auf "Versorgungsleistungen" für den Menschen getrimmt, zum Beispiel auf die Produktion von Nahrung für Mensch und Tier, von Holz oder Energiepflanzen.

Gleichzeitig nehmen die biologische Vielfalt und andere wichtige Leistungen ab. So schaden wir uns letzten Endes selbst. Darauf hat bereits Professor Hansjürgens hingewiesen, als er die Ergebnisse der Studie "Naturkapital Deutschland" vorgestellt hat.

Bereits 2007 hat die Bundesregierung eine Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt – kurz: NBS – aufgestellt, ein anspruchsvolles Programm mit Zielen bis 2020. Trotz einiger Erfolge in den letzten Jahren kann jedoch von einer Trendwende noch keine Rede sein. Die biologische Vielfalt bleibt bedroht. Das führt uns der Indikatorenbericht zur NBS aus dem letzten Jahr sehr deutlich vor Augen: 11 von 13 Indikatoren liegen noch weit oder sogar sehr weit vom Zielbereich entfernt. Die "Artenvielfalt und Landschaftsqualität" hat sich gerade im Agrarland sogar deutlich verschlechtert und ist auf den bisher tiefsten Wert gesunken.

Bei der Art und Weise wie wir Natur und Landschaft nutzen, müssen wir umdenken und umlenken. Mit Schutzgebieten und Artenhilfsprogrammen alleine werden wir den Verlust der biologischen Vielfalt nicht stoppen. Das Motto des 33. Deutschen Naturschutztages ("Naturschutz und Landnutzung – Analysen, Diskussionen, zeitgemäße Lösungen") trifft daher mitten ins Schwarze.

Um diese Herausforderungen zu meistern habe ich die "Naturschutz-Offensive 2020" gestartet. 40 konkrete Maßnahmen in den 10 Handlungsfeldern mit dem größten Bedarf sollen neuen Schwung in die Umsetzung der NBS bringen.

Die Landwirtschaft trägt eine besondere Verantwortung. Sie nutzt mehr als der Hälfte der Landfläche in Deutschland. Für den schlechten Zustand der Agrarlandschaft dürfen wir jedoch nicht pauschal "die Landwirtinnen und Landwirte" verantwortlich machen. Das ginge am Problem vorbei. Der Kern des Problems ist eine nicht nachhaltig ausgerichtete Agrarpolitik. Hier werden falsche Anreize gesetzt, die zu einer zu intensiven Bewirtschaftung führen, unter der Natur, Landschaft und am Ende Mensch und Tier leiden.

Für mich steht fest: Die Agrarpolitik muss neu ausgerichtet werden. Es muss mehr Naturschutz in der Landwirtschaft geben. Und: Eine natur- und umweltverträgliche Landwirtschaft muss sich lohnen. Sie muss konkurrenzfähiger sein als eine Landwirtschaft, die Vögel, Schmetterlinge, Wildbienen, blütenreiches Grünland und natürliche Auen verschwinden lässt.

Ich setze mich daher dafür ein, dass in der nächsten EU-Förderperiode nach 2020 Agrarsubventionen schrittweise abgebaut werden. Die freiwerdenden Mittel sollen für den Naturschutz eingesetzt werden – so wie heute schon ökologisch anspruchsvolle Maßnahmen in der zweiten Säule der Agrarpolitik bezahlt werden können. Es muss das Prinzip gelten: "Öffentliche Mittel nur noch für öffentliche Leistungen". Dies ist eine der zentralen Forderungen meiner Naturschutz-Offensive 2020.

Die bisherige Agrarförderung lässt sich nicht von heute auf morgen ändern, sondern erst in der nächsten EU-Finanzierungsperiode ab 2021. Trotzdem wollen wir auch jetzt schon eine nachhaltigere Landwirtschaft fördern. Wir fordern, dass die "Modulation", also das bereits mögliche Umschichten von Mitteln aus der ersten in die zweite Säule vollständig genutzt wird. Ziel ist ein höherer Umschichtungssatz – 15 Prozent ab 2018, statt derzeit 4,5 Prozent.

Die Naturbewusstseinsstudie 2015 hat ergeben, dass sich die Mehrheit eine Landwirtschaft wünscht, die naturverträglich und ethisch vertretbar ist. Gut vier von fünf Menschen in Deutschland befürworten zum Schutz der Natur strengere Regeln und Gesetze für die Landwirtschaft.

Auch der Forstwirtschaft kommt eine Schlüsselrolle beim Erhalt der biologischen Vielfalt zu. Immerhin ist Deutschland zu etwa einem Drittel mit Wald bedeckt. Unser Wald verändert sich bereits: Es entstehen mehr Mischwälder, in denen sich die Baumarten auf natürliche Weise verjüngen können. Die Forstwirtschaft nutzt die genetische Vielfalt, um lebensraumtypische Wälder klimafest für die Zukunft aufzubauen. Diesen Trend wollen wir fortsetzen. Gemeinsam mit dem Landwirtschaftsministerium haben wir schon vor einigen Jahren ein Förderinstrument aufgelegt, das genau an dieser Schnittstelle ansetzt: Der Waldklimafonds, der hier auch im Ausstellungsbereich präsent ist. Schauen Sie dort mal vorbei.

In den Debatten der vergangenen Jahre stand das Ziel im Mittelpunkt, den Anteil der natürlichen Waldentwicklung auf fünf Prozent der Waldfläche – bzw. auf zehn Prozent im öffentlichen Wald – zu steigern. Solche Waldflächen ohne forstliche Nutzung sind unverzichtbare Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen. Sie sind Referenzflächen für die naturnahe Bewirtschaftung, als Erholungsräume, aber auch als Zeugen, wie Wälder – wie Naturwälder – aussehen können, wenn wir sie denn zulassen.

Ich sehe uns heute in der Verantwortung, diese Wälder zu sichern. Auch wenn es einigen unbequem erscheint – ich bin der festen Überzeugung, dass Generationen nach uns dazu sagen werden: Das haben die damals gut gemacht.

Der Bund hat für viele seiner Flächen bereits eine natürliche Entwicklung ohne Bewirtschaftung festgeschrieben. Unser Ziel ist es, dass sich 2020 20 Prozent der Wälder aus ehemaligem Bundesbesitz natürlich entwickeln. Ich hoffe, dass mehr und mehr Bundesländer und Kommunen diesen Beispielen folgen.

Gleiches gilt für unser Ziel, auf zwei Prozent der Fläche Deutschlands Wildnis entstehen zu lassen. Aktuell sind wir bei nur 0,6 Prozent. Für das Zwei-Prozent-Wildnis-Ziel sind wir auf das Engagement der Länder angewiesen. Und daher werden Bund und Länder in der "Initiative für mehr Wildnis in Deutschland" weiter eng zusammenarbeiten.

Daneben müssen wir auch den Vertragsnaturschutz im Privatwald stärken. In der Naturschutz-Offensive bekräftigen wir: Der Vertragsnaturschutz soll auf mindestens zehn Prozent der Privatwaldfläche ausgeweitet werden. Naturschutz muss gemeinsam und im Konsens mit der Forstwirtschaft umgesetzt werden. Darum wird das Thema Wald im Mittelpunkt des achten Nationalen Forums zur NBS im nächsten Januar stehen.

Ich möchte zusammen mit öffentlichen und privaten Waldbesitzern, Naturschutzverbänden und gesellschaftlichen Akteuren an unserer gemeinsamen Vision für den Wald der Zukunft arbeiten.

Lassen sie mich Ihnen meine Naturschutz-Offensive anhand einiger Beispiele näher bringen:

  • Der Bund stellt sich gegen den Verlust der biologischen Vielfalt auf seinen eigenen Flächen. Das sind beispielsweise Bundeswaldflächen, Bundesstraßen, Bundeswasserstraßen, das Schienennetz der Deutschen Bahn oder Truppenübungsplätze.
  • Das Ganze heißt "Strategie zur vorbildlichen Berücksichtigung von Biodiversitätsaspekten für alle Flächen des Bundes" und wurde heute vom Kabinett beschlossen.
  • Durch Renaturierung an Fließgewässern und Auen soll ein Biotopverbund von nationaler Bedeutung entstehen. Mit dem Bundesprogramm "Blaues Band Deutschland" soll ein etwa 2800 Kilometer langes Nebennetz von Wasserstraßen in Bundeseigentum renaturiert werden, die wir nicht mehr für die Schifffahrt brauchen.
  • Am 1. Juli hat das Kompetenzzentrum "Naturschutz und Energiewende" bei der Michael-Otto-Stiftung seine Arbeit aufgenommen. Es soll die Diskussionen um eine naturverträgliche Energiewende versachlichen.
  • Schließlich stärken wir den Naturschutz in der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz; ein großer Erfolg meiner Naturschutz-Offensive.

Sie sehen, dass viele Aufgaben bereits angegangen sind. Aber es liegen auch noch viele vor uns. Um unsere Ziele zu erreichen, brauchen wir eine gemeinsame Kraftanstrengung aller gesellschaftlichen Akteure. Auch auf Ihre Unterstützung zähle ich fest. Lassen Sie mich das anhand von vier Beispielen konkret machen:

  • Der Wolf ist zurückgekehrt nach Deutschland und der Bestand nimmt zu. Das birgt auch Konfliktpotenzial. Die Länder tun viel, um Tierhalter und Schäfer zu unterstützen. Eine Wolfs-Obergrenze hilft den Nutztierhaltern jedoch nicht. Auch die Frage nach einem niedrigeren Schutzstatus für Wölfe stellt sich für mich nicht. Und die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht kommt für mich ebenfalls nicht in Betracht. Denn verhaltensauffällige Wölfe können schon heute legal entnommen werden. Gerade um die Länder bei Fragen zu verhaltensauffälligen Wölfen zu unterstützen, habe ich im Februar die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes für den Wolf eingerichtet. Es braucht noch viel öffentliche Aufklärung, bis die Bevölkerung den Wolf auch wirklich in seinem angestammten Lebensraum willkommen heißt. Bitte helfen Sie dabei mit.
  • Eine weitere wichtige Aufgabe für den Naturschutz ist der Kampf gegen invasive Arten. Diese gefährden die biologische Vielfalt, verändern Lebensräume und verdrängen natürlich vorkommende Arten. Sie können auch wirtschaftliche Schäden verursachen und die menschliche Gesundheit gefährden.
  • Einen Schwerpunkt will ich darauf legen, neue oder bislang in Deutschland noch nicht weit verbreitete invasive Tier- und Pflanzenarten zu bekämpfen. Denn viele bereits weit verbreitete Arten, wie etwa die Goldrute oder der Waschbär, lassen sich nicht mehr komplett beseitigen. Auch hier sind wir auf viele Akteure angewiesen.
  • Nicht zuletzt möchte ich etwas zum Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 sagen, das mit seinen über 25.000 Schutzgebieten weltweit einmalig ist. Unsere Schutzgebiete von der Doggerbank bis zum Ammergebirge leisten dazu einen entscheidenden Beitrag. Uns ist aber auch klar, dass wir uns weiter anstrengen müssen. In Deutschland sind weniger als ein Drittel der Arten und Lebensraumtypen in dem von der EU geforderten günstigen Erhaltungszustand.

Im Rahmen der Naturschutz-Offensive möchte ich daher rasch sichtbare Verbesserungen erreichen. Dies wird nur gelingen, wenn wir unsere Kräfte bündeln. Dass wir – Verwaltung, Verbände sowie Bürgerinnen und Bürger gemeinsam – an einem Strang ziehen können, hat sich eindrucksvoll beim derzeit laufenden sogenannten Fitness Check der EU-Kommission offenbart. Die Mehrzahl der Mitgliedstaaten, das Europäische Parlament, die Länder, die Naturschutzverbände und über 550.000 europäische Bürgerinnen und Bürger haben sich für eine bessere Umsetzung der Richtlinien stark gemacht. Wir warten jetzt darauf, dass die Kommission dies auch offiziell so verkündet.

Zum Abschluss möchte ich mich herzlich bedanken bei BBN, DNR und BfN sowie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Organisation des diesjährigen Naturschutztags.

Ein ebenso großer Dank geht auch an die Gastgeber in diesem Jahr, an Sachsen-Anhalt, die Stadt Magdeburg und die Hochschule Magdeburg-Stendal.

Bei Ihnen allen hier im Saal möchte ich mich für Ihren beruflichen, privaten oder auch ehrenamtlichen Einsatz für mehr Naturschutz und biologische Vielfalt bedanken. Nur gemeinsam kann es uns gelingen, über die "Naturschutz-Offensive 2020" die NBS zum Erfolg zu führen. Ich weiß, dass ich dabei auf die starke Unterstützung aller Aktiven im Naturschutz zählen kann.

Nun bleibt mir nur noch, Ihnen Allen viel Erfolg und Freude zu wünschen bei den "Analysen, Diskussionen und bei der Erarbeitung zeitgemäßer Lösungen" für Naturschutz und Landnutzung auf diesem 33. Deutschen Naturschutztag.

Vielen Dank!

16.09.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Magdeburg