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20.07.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks zum Gedenken an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft

Vor wenigen Wochen ist mit Elie Wiesel ein weiterer Zeuge des 20. Jahrhunderts verstorben. Ein Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung.

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Exzellenzen,

sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Bundesrates,

verehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag und dem Berliner Abgeordnetenhaus,

sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,

sehr geehrter Herr Dr. Smend,

sehr geehrter Herr Prof. von Steinau-Steinrück,

verehrte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen,

liebe Angehörige von Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

unaufhaltsam endet die Zeit, in der wir aus erster Hand Zeugnis erhalten von jenen Vorkommnissen, die unvergessen bleiben müssen.

Vor wenigen Wochen ist mit Elie Wiesel ein weiterer Zeuge des 20. Jahrhunderts verstorben. Ein Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung.
Seine Mahnung aber hat Bestand: "Man muss Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten."

Die Menschen, an die wir heute erinnern, haben Partei ergriffen: Für die Opfer, für die Gepeinigten, für ein anderes Deutschland.

Sie haben Partei ergriffen für diejenigen, die wegen ihrer Religion, ihrer Ethnie, wegen ihrer Überzeugung oder schlicht aus Willkür verhaftet, gequält oder getötet wurden.

Der Widerstand war kein Massenphänomen. Er war auf kleine, häufig isolierte Kreise beschränkt.

Den Frauen und Männern des Widerstands war bewusst, dass sie nicht auf die Unterstützung der deutschen Bevölkerung hoffen konnten, die in ihrer Mehrheit Hitler bis in den Untergang folgte.

Es war ein "Widerstand ohne Volk", wie es Ian Kershaw treffend bezeichnet hat.

Obwohl es keine breite und einheitliche Widerstandsbewegung gegeben hat, haben immer wieder Frauen und Männer aus den verschiedensten weltanschaulichen und politischen Richtungen Widerstand geleistet.
Manche haben Flugblätter verteilt, andere den Dienst an der Waffe verweigert. Manche haben Verfolgten Unterschlupf geboten, andere haben versucht, den Diktator selbst zu beseitigen.

Dagegen bleibt die nahezu uneingeschränkte Führerloyalität bis ins Frühjahr 1945 das eigentliche und erklärungsbedürftige Hauptproblem.
Unwissend, wie jeder von uns selbst gehandelt hätte, wissen wir in Demut, dass der Widerstand den Rassenwahn, das Morden, letztendlich nicht aufzuhalten vermochte.

Und somit auch das deutsche Volk nicht vor seiner Schuld bewahren konnte. Seiner Schuld an Millionen Opfern.

Der erste Widerstand gegen die Nationalsozialisten kam vor allem aus den Reihen der Arbeiterbewegung, die sich schon vor 1933 gegen Hitler zur Wehr setzte.

Bis Ende 1937 konnten die Nationalsozialisten fast alle größeren Widerstandsgruppen der Arbeiterschaft zerschlagen. Verfolgung, Terror und Gewalt waren alltäglich.

Viele wurden eingesperrt, misshandelt oder ermordet, Partei- und Gewerkschaftsbüros wurden beschlagnahmt oder verwüstet. Viele Tapfere blieben trotzdem aktiv. Es spricht für die Arbeiterbewegung, dass sie trotz aller Repressalien nicht passiv blieb, dass aus ihren Reihen heraus Widerstand geleistet wurde.

Als ein Beispiel des frühen Widerstands möchte ich das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold nennen. 1924 von Sozialdemokraten gegründet, schlossen sich dem Reichsbanner auch Liberale und Mitglieder des katholischen Zentrums an. Gemeinsam wollte man sich den Feinden der Republik entgegenstellen.

Viele dieser Widerständler prägten später die Aufbauzeit der jungen Bundesrepublik: Fritz Bauer, Tomas Dehler, Theodor Heuss, Paul Löbe, Erich Ollenhauer, Kurt Schumacher, Joseph Wirth.

Das Reichsbanner erinnert uns daran, dass Schwarz-Rot-Gold seit dem Hambacher Fest 1832 über die Märzrevolution 1848 bis in die Republik von Weimar die Farben des demokratischen und liberalen Deutschlands sind.
Schwarz-Rot-Gold waren niemals die Farben eines völkischen Nationalismus. Sie standen nie für Rassismus und Antisemitismus. Es waren und es sind unsere Farben, die Farben der Demokratie.

Ich möchte an weitere Widerstandgruppen erinnern. Da es unmöglich ist, alle von ihnen namentlich aufzuführen, gestatten Sie mir, dass ich mich auf diejenigen Gruppen konzentriere, die mich persönlich besonders geprägt haben:

  • die Münchner Studentinnen und Studenten der "Weißen Rose", die Flugblätter gegen Krieg und Diktatur verteilt haben
  • die "Rote Kapelle" mit ihrer Hilfe für Verfolgte und ihrem Aufruf zur Gehorsamsverweigerung
  • Georg Elser, der mit seiner mutigen Tat im Bürgerbräukeller zeigte, wie ein einfacher Schreinergeselle versuchte, das totalitäre System zu bekämpfen,
  • der "Kreisauer Kreis" um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg, dessen Kern aus nationalkonservativen Kreisen stammte; dazu kamen Kirchenvertreter wie Dietrich Bonhoeffer und Pater Alfred Delp, Sozialdemokraten wie Julius Leber, Carlo Mierendorff, Theodor Haubach und Gewerkschafter wie Wilhelm Leuschner und Jakob Kaiser.
    Man erkennt: Im Kreisauer Kreis versammelte sich eine breite Koalition an Menschen, die der Wille dazu einte, dass der Krieg enden und die Willkürherrschaft wieder dem Rechtsstaat Platz machen musste.
  • Schließlich die "Gruppe des 20. Juli", mit Ludwig Beck, Carl Goerdeler, Ulrich von Hassell, Friedrich Olbricht, Johannes Popitz, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Henning von Tresckow. Auch die von mir erwähnten Sozialdemokraten standen im Kontakt zur Gruppe des 20. Juli. Ebenso gab es zwischen den Kreisauern und dem 20. Juli viele Berührungspunkte, personelle und inhaltliche Überschneidungen.

Einige aus der Gruppe des 20. Juli wurden noch in der Nacht zum 21. Juli 1944 hier an diesem Ort ermordet, hunderte Hinrichtungen folgten in den Monaten danach.

Neben diesen bekannten Gruppen und Menschen des Widerstands gab es immer auch diejenigen, die erst allmählich dem Vergessen entrissen werden konnten. Darunter waren auch viele mutige Frauen:

  • Ich nenne die Frauen der Rosenstraße hier in Berlin, die im März 1943 erfolgreich für die Freiheit ihrer verhafteten Ehemänner demonstrierten.
  • Oder die Bäuerin Veronika Augustyniak, die im polnischen Bokim sowjetische Kriegsgefangene versteckte, und deshalb in Plötzensee ermordet wurde.

Ich will auch an den Widerstand in den besetzten Ländern erinnern. Dort kämpften Menschen für die Befreiung ihrer Heimatländer und damit genauso für die Befreiung Europas und Deutschlands.

Erst vor wenigen Tagen wurde Georges Loinger, der inzwischen 105 Jahre alt ist, mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Geboren als Deutscher im Elsass, wurde er nach dem Ersten Weltkrieg Franzose. 1943/44 rettete er jüdischen Kindern das Leben, indem er ihnen zur Flucht aus dem besetzten Frankreich in die Schweiz verhalf.

Wer ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt, sagt ein Talmudspruch. Georges Loinger hat 350 Leben gerettet.

Wir gedenken heute auch der Frauen und Männern des Warschauer Aufstands, der am 1. August 1944 begann. Mutige Polinnen und Polen lehnten sich gegen Unterdrückung und Fremdherrschaft auf.

Der 1. August 1944 war wie der 20. Juli ein konstitutives Signal für eine europäische Wertegemeinschaft.

Die europäische Dimension des Widerstands macht uns bewusst, dass es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg auch darum ging – und leider wieder geht – Nationalismus und Rassismus zu überwinden.

Der Breslauer Fritz Stern, 1938 mit seinen Eltern in die USA geflohen, ist vor zwei Monaten gestorben. Heute vor sechs Jahren hat er an dieser Stelle die Gemeinsamkeiten des europäischen Widerstands betont. Er sprach sich damals für eine Gedenkstätte des Europäischen Widerstands aus
– ich zitiere – "mit Bedacht um die Gegensätze innerhalb und zwischen den nationalen Bewegungen des Widerstands, als Ausdruck eines immerwährenden Danks, dass es in dunkelsten Zeiten Menschen gab, die ihre Menschlichkeit bewiesen". Er wollte dies als ein "Denkmal der Versöhnung" verstanden wissen.

Sterns Worte können Anstoß für ein gemeinsames europäisches Gedenken und ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein sein, ohne dabei Verantwortung und Schuld zu verwischen.

Die Geschichte von Nationalsozialismus und Krieg lehrt uns Europäern, dass ein Rückzug in die Nation oder gar in den Nationalismus keine Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein kann. Im Nationalismus lauern Gefahren, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihr abscheuliches Gesicht zeigen konnten.

Wenn wir die historischen Wurzeln der europäischen Einigung betrachten, dann gehört die Geschichte des Widerstands in Deutschland und in Europa untrennbar dazu.

Der "Kreisauer Kreis" entwarf ein weitsichtiges Programm für ein Europa des Friedens, das Hans Mommsen als einen "umfassenden Zukunftsentwurf und umfassendes Gegenkonzept zum totalen Machtanspruch" bezeichnete.

In den Plänen der Kreisauer finden sich bereits Ideen für eine europäische Zoll- und Währungsunion, einen gemeinsamen Höchsten Gerichtshof und eine gesamteuropäische Staatsbürgerschaft. Sie forderten einen europäischen Gesetzgeber, der von den Staatsbürgern gewählt werden sollte, und schlugen eine gemeinsame europäische Steuer-, Kredit- und Verkehrspolitik vor.

Moltke und Yorck forderten frühzeitig einen europäischen Föderalismus, durch den der Nationalismus endgültig überwunden werden sollte.
Eine zentrale Aussage Moltkes lautete: "Für uns ist Europa nach dem Kriege weniger eine Frage von Grenzen und Soldaten, (...) sondern die Wiederaufrichtung des Bildes des Menschen im Herzen unserer Mitbürger."
Was Teile des deutschen Widerstands als Lernprozess durchliefen, ebnete Deutschland nach 1945 den Weg in die europäischen Institutionen. Willy Brandt hat es bei der Verleihung des Friedensnobelpreises so ausgedrückt: "Durch Europa kehrt Deutschland heim zu sich selbst."

Nach 1945 konnte sich das liberale, demokratische und weltoffene Deutschland gegen das nationalistische und ausgrenzende durchsetzen. Darauf folgte eine Entwicklung in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Wer zurück will zum Denken in nationalistischen Kategorien, der legt die Axt an alles, was unser Land heute ausmacht.

Die Geschichte wirkt tief in die Gegenwart hinein, nicht zuletzt in das Fundament unseres Zusammenlebens, das Grundgesetz. Artikel 1 sowie Artikel 20, in dem auch das Recht auf Widerstand benannt ist, sind unmittelbare Lehren aus der Geschichte des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.

Der 20. Juli 1944 hätte zum "Tag der Befreiung" werden können. Stauffenberg und die anderen Akteure des 20. Juli haben, wie Henning von Tresckow es formulierte, "vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt". Das ist ihr uneingeschränktes historisches Verdienst.

Die Befreiung verdanken wir dem Einsatz der alliierten Armeen, die unter hohen menschlichen Verlusten Deutschland und Europa vom NS-Terror befreit haben.

Aber die Ideale des 20. Juli 1944 und des gesamten Widerstands haben überlebt. Dank ihnen sind wir heute in einem friedlichen Europa zuhause.
"Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht" – das sind die berühmten Worte, mit denen Otto Wels das Nein der deutschen Sozialdemokratie zum Ermächtigungsgesetz begründete.
Und er sollte recht behalten: Freiheit und Leben wurde vielen Frauen und Männern des Widerstands genommen, die Ehre aber nicht!
Vielmehr haben sie mit ihren Taten unserem Volk den entscheidenden Rest an Würde und Anstand bewahrt. Sie haben Deutschland den Weg in die Wertegemeinschaft der demokratischen Nationen.
Mit unserem Gedenken bewahren wir die Ehre der Menschen des Widerstands.

Mit unserem Handeln für ein friedliches Europa haben wir die richtigen Lehren gezogen.

Nur wenn wir die Geschichte kennen und verstehen, werden wir die Zukunft verantwortungsbewusst gestalten.

20.07.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Berlin