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27.05.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Eröffnung des Deutschen Beitrags auf der Architektur-Biennale 2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Eröffnung des Deutschen Beitrags auf der Architektur-Biennale 2016

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Aravena,

sehr geehrter Herr Farwick,

sehr geehrte Frau Ettinger-Brinckmann, 

sehr geehrte Herren Schmal und Elser, sehr geehrte Frau Scheuermann,

sehr geehrter Herr Saunders,

sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen zur Eröffnung des Deutschen Pavillons auf der 15. Architekturbiennale Venedig!

Eröffnung?

Aber der Pavillon ist doch schon offen!

Bisher musste das Publikum bei allen Ausstellungseröffnungen darauf warten, dass sich die Tore oder der Vorhang öffnen, um den Innenraum des Deutschen Pavillons zu durchschreiten, um die Gestaltung wirken zu lassen und die Inhalte aufzunehmen. Diesmal gibt es keinen geschlossenen Innenraum. Das Gebäude ist perforiert und damit durchlässig geworden. Man kann sagen, der Unterschied zwischen drinnen und draußen ist aufgehoben. Was dies mit dem Inhalt der Ausstellung mit uns als Betrachtern macht, das wird sich noch zeigen. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass Sie mir – drinnen und draußen - Ihr Gehör schenken.

Die Architekturausstellung in Venedig ist immer etwas ganz Besonderes:

  • Ein emotionsgeladener Ort, mit einer leichten und doch feierlichen Stimmung.
  • Mit einer Spannung, welche architektonischen und städtebaulichen Entwicklungen bei dieser Biennale wohl aufgegriffen und in welcher Weise gestalterisch umgesetzt wurden.
  • Und nicht zuletzt mit der Aufregung: Findet der Beitrag den Beifall des Fachpublikums? Wird er kontrovers diskutiert?

All das ist Teil dieses Schaufensters der Baukultur. All das lässt uns hier so zahlreich zusammen kommen.

Die Biennale gibt sich in diesem Jahr kämpferisch wie noch nie. Mit dem Motto "REPORTING FROM THE FRONT" des Direktors und Pritzker-Preisträgers Alejandro Aravena sind die Länder aufgefordert, von ihren aktuellen gesellschaftlichen Brennpunkten zu berichten. Sie sollen zeigen, welche Lösungsbeiträge Architekten, Planer, Entscheider und zivilgesellschaftliche Gestalter für die aktuellen gesellschaftlichen Brennpunkte liefern konnten.

Ganz hervorragend in diese Themenstellung passt der diesjährige deutsche Beitrag: "Making Heimat. Germany, Arrival Country" vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt.

Er passt, denn Deutschland ist nicht zuletzt als Fluchtpunkt hunderttausender Geflüchteter aus den Kriegs- und Krisenregionen unserer Zeit in den vergangenen Monaten ein Arrival Country gewesen, ein Ankunftsland. Aber das war auch davor schon lange eine schlichte Tatsache - auch wenn das vielleicht dem einen oder anderen nicht passt. Deutschland ist ein Einwanderungsland und wir bekennen uns dazu!

Die Ausstellung "Making Heimat" will von der Handlungs-Front, von der Suche nach den richtigen Problemlösungen berichten und von den positiven Schritten erzählen, die bisher gemacht wurden. Darüber hinaus soll der Diskurs initiiert werden, in welche Richtung es weiter gehen muss.So gesehen haben wir diesmal keinen klassischen Architektur-Beitrag. Alle gesellschaftlichen Bereiche werden einbezogen. Ich bedaure das ausdrücklich nicht, denn die Frage, wie wir unsere gelebte Umwelt gestalten, ist eng verbunden mit der Frage, wie wir unsere bauliche Umwelt gestalten.

Das sagt Ihnen die für Bauen und Umwelt zuständige Ministerin!

Eine gelungene Integration hat viele Facetten, zum Beispiel dass bezahlbarer und guter Wohnraum für alle zur Verfügung stehen muss. Dafür benötigen wir 350.000 bis 400.000 neue Wohnungen pro Jahr. Das ist ein hochgestecktes Ziel. Wir sollten diese Vorgabe als eine Chance verstehen, um zum Beispiel neue Wohnkonzepte mit einem geringeren Pro-Kopf-Flächenverbrauch, einer höheren Bebauungsdichte und mit guter Architekturqualität zu verbinden.

Bauen ist wieder "in" – da rückt die Qualität stärker ins Blickfeld. Damit meine ich nicht nur die Architekturqualität für Wohnbauten, sondern insbesondere auch für den öffentlichen Raum. Wenn wir es schaffen, im öffentlichen Raum eine Aufenthaltsqualität zu schaffen, in der Menschen gern verweilen, in der Nachbarn und Fremde sich begegnen und ins Gespräch kommen können, dann kann das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und dann kann auch Integration gelingen.

Welche Lösungsansätze zeigt uns "Making Heimat"? Da sind erstens die Leitsätze für eine gute Integration, die an den Thesen aus Doug Saunders "Arrival City" anknüpfen:

  • die Ankunftsstadt braucht bezahlbaren Wohnraum,
  • die besten Schulen gehören in die problematischsten Stadtviertel,
  • eine gute Durchmischung von Arbeiten und Wohnen muss durch Gewerbe im Erdgeschoss ermöglicht werden,
  • die Ankunftsstadt braucht städtische Dichte und gute öffentliche Verkehrsverbindungen zu Arbeitsstätten.

Ein Biennale-Beitrag will immer auch Kontroversen auslösen, um alle Beteiligten zum Nachdenken und zum Diskurs zu bewegen. So gibt es natürlich auch Aussagen, die ich nicht teile.

Nehmen Sie als Beispiel die These, dass ethnisch homogene Viertel gut für eine Ankunft der Immigranten sind. Ich würde dem entgegenhalten, dass Geflüchtete besser inmitten unserer Quartiere ankommen sollten und besser inmitten unseres Lebens, unserer Arbeit, unserer Schulen und unserer Kultur integriert werden können. Dafür ist aber nicht ethnische Homogenität, sondern eine gute Mischung in den Quartieren die Grundvoraussetzung.

Zweitens stellt das DAM auf der Internetseite www.makingheimat.de konkrete Bauten für Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten vor. Eine Datenbank dient zum Vergleich gängiger Lösungen und soll für die lokalen und regionalen Entscheidungsträger eine Grundlage bieten. Die Beispiele sind auch Bestandteil der Ausstellung.

Der dritte Teil betrifft den Umgang mit dem Pavillon selbst. Wie Sie alle wissen, ist der Deutsche Pavillon immer wieder Anlass hitziger Diskussionen. Wie geht man mit einem im Duktus der Architektur des Nationalsozialismus überformten Bau um? Hier nimmt die Ausstellung nun einen Perspektivwechsel vor: Gegebene Strukturen werden respektlos durchbrochen, dafür wird eine Korrespondenz mit dem Außen, mit den Nachbarn und endlich auch mit der Lagune geschaffen. Im Ergebnis erleben wir eine überraschende Aufenthaltsqualität des Provisorischen.

Zum Schluss möchte ich allen danken, die dem deutschen Beitrag 2016 zur Realisierung verholfen haben: Ich danke der Expertenjury unter Vorsitz von Prof. Durth für die Beratung bei der Auswahl des Generalkommissars in öffentlicher Ausschreibung!

Ich danke der Botschaft in Rom und dem Generalkonsulat in Mailand!

Ich bedanke mich bei Soprintendente Emanuela Carpani von der Denkmalpflege Venedigs und dem Architekturbüro cfk hier vor Ort für die gute Zusammenarbeit!

Herzlichen Dank an Doug Saunders für seine wertvolle inhaltliche Beratung!

Herr Schmal, Herr Elser, Frau Scheuermann: Vielen Dank Ihnen und Ihrem Team für die Einsichten, die Sie uns und allen Besucherinnen und Besuchern mit Ihrer Arbeit ermöglichen!

Vielen Dank!

27.05.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Venedig (Italien)