BMUB Website

Navigation

Von hier aus koennen Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

  • Home
  • Presse
  • Reden
  • Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Gedenkfeier "Lina Hähnle und die demokratischen Traditionen im deutschen Naturschutz"
https://www.bmub.bund.de/RE163
29.02.2016

Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Gedenkfeier "Lina Hähnle und die demokratischen Traditionen im deutschen Naturschutz"

Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Gedenkfeier "Lina Hähnle und die demokratischen Traditionen im deutschen Naturschutz"

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Tschimpke,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es ist schade, dass Lina Hähnle nur noch Insidern ein Begriff ist. Denn sie war eine außergewöhnliche Persönlichkeit und eine Person mit außergewöhnlichen Leistungen. Sie war "die" Frau aus der Anfangszeit des NABU, aber auch des deutschen Naturschutzes insgesamt. Sie wirkte 39 Jahre als Vorsitzende des Bundes für Vogelschutz.

Bemerkenswert ist, dass Lina Hähnle in dieser Zeit, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, allein auf weiter Flur in einem reinen Männerumfeld agierte. Der NABU und der Bund für Vogelschutz waren damit Vorreiter beim Thema Frauen in Führungspositionen. Beides hat sich geändert: Im Naturschutz haben sich die Männer längst an weibliche Mitstreiterinnen gewöhnt. Und seit Lina Hähnle hat der NABU keine Vorsitzende oder Präsidentin mehr an seiner Spitze gehabt!

Der ganze Tag heute hat sich mit dem Leben und Werk von Lina Hähnle beschäftigt. Da ist die Gefahr sehr groß, dass bereits Gesagtes wiederholt wird. Ich will mich deshalb als die amtierende Naturschutzministerin auf die Frage konzentrieren, was uns Lina Hähnle heute noch zu sagen hat.

Das Bundesumweltministerium hat zum Weltfrauentag 2013 die Wanderausstellung "Ihrer Zeit voraus. Visionäre Frauen im Einsatz für den Umwelt- und Naturschutz 1899 bis heute" der Öffentlichkeit übergeben. Darin wurden 21 Persönlichkeiten präsentiert, die auf den unterschiedlichsten Feldern des Natur- und Umweltschutzes Pionierinnen waren und Herausragendes geleistet haben. Am Anfang stand Lina Hähnle.

Es hat dann bis nach dem Zweiten Weltkrieg gedauert, bis wieder eine ähnlich charismatische Frau im Naturschutz aufgetreten ist: Erna Kretschmann. Ihr Wirkungsfeld war der ehrenamtliche Naturschutz in der DDR und sie sollte später auch zu einer der Identifikationsfiguren des gesamtdeutsch vereinigten NABU werden. Im Westen erinnern wir uns dann ab den 1970er-Jahren natürlich an Loki Schmidt und die von ihr gegründete Stiftung. Und dann, 99 Jahre nach der Übernahme des Vorsitzes des Bundes für Vogelschutz durch Lina Hähnle, hat ein anderer großer deutscher Umwelt- und Naturschutzverband – der BUND – erstmals eine Frau an seine Spitze gewählt: Angelika Zahrnt. Sie sehen, Lina Hähnle war ihrer Zeit nicht nur voraus, sondern weit voraus.

Lina Hähnle hängt das Attribut der "Vogelmutter" an, das damals sicher als Anerkennung gemeint war, sie aber letztlich vollkommen unangemessen auf das klassische Frauenbild reduziert. Sie hat sich nicht wie andere adlige oder gut betuchte Frauen auf den karitativen Bereich und auf das Repräsentieren beschränkt. Sie wirkte als Macherin, als Managerin – und nicht zuletzt als Netzwerkerin und Politikerin. Sie überschritt damit Grenzen – was wohl auch dem einen oder anderen männlichen Naturschützer imponiert haben dürfte. Für ihre politischen Gegenspieler war sie jedenfalls mehr als lästig – eine ernst zu nehmende Widersacherin.

Heute können alle Frauen frei und selbständig entscheiden, ob und wofür sie sich engagieren: Die Naturbewusstseinsstudie von 2013 hat gezeigt, dass für Frauen Natur wichtiger ist als für Männer. Auch die Wahrnehmung der Gefährdung der Natur ist bei Frauen stärker ausgeprägt. Dazu wissen wir aus Befragungen und Untersuchungen, dass Frauen zu einem hohen Maß bereit wären, sich im Naturschutz zu engagieren. Wir wissen aber auch, dass es bei Vielen Vorbehalte gegenüber den bestehenden Vereinen und Verbänden im Natur- und Umweltschutz gibt. Das gilt auch gegenüber den politischen Parteien. Die Gründe sind männlich geprägte Organisationsformen und patriarchalisch definierte hierarchische Regeln – sie schrecken Frauen ab, sich stärker zu engagieren.

Ihnen ist dies alles bekannt und Sie haben deshalb in den letzten Jahren vielfältige neue Formen der Mitarbeit in Ihren Verbänden entwickelt. Im Rahmen einer Pilotstudie haben sich die befragten Frauen gegenüber frauenspezifischen Veranstaltungen eher kritisch gezeigt. Sie tendierten vielmehr dazu, dass man ihnen mehr allgemeine Qualifizierungsangebote unterbreiten möge und dass sich Vereinsmitglieder bereit erklären sollten, sie als Mentorinnen oder Mentoren in das Vereinsleben und die inhaltlichen Arbeiten der Vereine einführen und anfangs begleiten sollten. Das damit geäußerte Selbstbewusstsein hat mich gefreut und hätte sicher auch Lina Hähnle gut gefallen.

Lina Hähnle wusste, dass Mitgliederzahlen Lobbymacht bedeuten. Mit einem gezielt niedrig angesetzten Mitgliedsbeitrag hatte der Bund für Vogelschutz schon nach wenigen Jahren beeindruckende 40.000 Mitglieder. Angesichts der heute über 500.000 NABU-Mitglieder könnte man darüber lächeln. Aber es war in der damaligen Zeit und bei null angefangen eine wirklich gewaltige Leistung. Mit diesem Pfund ließ sich politisch wuchern: 1907 novellierte der Reichstag das Reichsvogelschutzgesetz und in den Ländern wurden Landschaftsschutzgesetze verabschiedet.

Hähnle war auch sehr innovativ, wenn es darum ging, in die Gesellschaft hinein zu wirken. Frau Dr. Wöbse hat Ihnen heute Morgen bestimmt schon über die Kampagne gegen das Tragen der Federmode berichtet. Das Innovative bestand darin, dass diese Kampagne auf die Macht der Verbraucher zielte. Sie forderte die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht nur zum Boykott der Federmode auf, sie sorgte dafür, dass diese als gestrig, als altmodisch in Verruf geriet: Démodé!

Weil diese Kampagne so erfolgreich war, orientieren sich bis heute viele Kampagnen im Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz genau an dieser Methode. Und sie nutzte die Macht der Bilder. Das zeigen die eingesetzten Filmaufnahmen und Dias. Neben die wirkungsmächtigen Aufnahmen trat aber auch die Informationsvermittlung, traten die Fakten: Angesprochen werden sollten Herz und Hirn gleichermaßen. Beides zusammen beeindruckte auch die Politik, so dass der Reichstag 1914 ein Jagdverbot erließ.

Lina Hähnle hat mit dem Bund für Vogelschutz eine sehr moderne Naturschutz-Verbandsarbeit betrieben – so modern, dass der Verband erst in den 1990er Jahren wieder Anschluss daran gefunden hat. Allerdings haben sich das Selbstverständnis und die Rolle der Naturschutzverbände verändert. Der amtliche Naturschutz sah damals in den Vereinen und Verbänden "Hilfstruppen", die er zur Unterstützung anfordern konnte. Das entsprach den gesellschaftlichen Machtverhältnissen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Eine Lina Hähnle ließ sich allerdings nicht einfach einspannen. Die Beispiele zeigen, dass sie durchaus ihren eigenen Kopf hatte.

Heute verstehen sich die Naturschutzverbände als Anwälte von Natur und Landschaft, als "Antreiber" des behördlichen Naturschutzes und der Naturschutzpolitik. Das ist eine wichtige Funktion, denn ohne den Druck der Naturschutzverbände mit ihren großen Mitgliederzahlen, ohne ihre Kampagnenfähigkeit, wäre für die Naturschutzpolitik oft deutlich weniger durchsetzbar. Dabei geht es heute meistens gar nicht mehr um die klassische Naturschutzpolitik mit ihren Schutzgebieten, Artenschutzprogrammen, Landschaftsplanung und weiteren Instrumenten. Die Probleme liegen oft nicht mehr im Bereich der Naturschutzpolitik, sondern in anderen Politikfeldern – wie in der Agrarpolitik, in der Verkehrspolitik oder in der Energiepolitik. Die Naturschutzverbände treiben andere Kabinettsmitglieder an und sie treiben die Naturschutzministerin an, ihrerseits bei den Ressortkollegen etwas zu bewirken. Es geht in der Demokratie immer um die Mehrheiten im Parlament und in der Gesellschaft, um Naturschutzmaßnahmen umsetzen zu können. Lina Hähnle hat vorgemacht, wie man erfolgreich Mehrheiten überzeugt.

Der Bund für Vogelschutz wandte sich an breite Bevölkerungsschichten. "An Alle und Jeden!" war die Überschrift eines frühen und in hoher Auflage erschienenen Flugblattes. Lina Hähnle sorgte auch dafür, dass fast jeder sich den Beitritt zum Bund für Vogelschutz leisten konnte, denn der Mitgliedsbeitrag war auf 50 Pfennig festgesetzt. Diese soziale Ausrichtung war nicht selbstverständlich für die Frau eines Fabrikanten.

Lina Hähnle entstammte dem schwäbischen liberalen Milieu, in der konkreten Ausprägung des sozialliberalen Milieus. Die Familie war in das Großbürgertum aufgestiegen. Lina Hähnle hatte damit einen größeren finanziellen Rückhalt und auch ein größeres Zeitbudget zur Verfügung als finanziell weniger gut aufgestellte Frauen der damaligen Zeit. Sie und ihr Mann waren aber nicht nur politisch, sondern auch sozial engagiert, zum Beispiel für die Arbeiterinnen und Arbeiter in ihren Filzfabriken. Frau Dr. Wöbse hat schon über die zur Verfügung gestellten Wohnungen, die Kinderkrippe und ähnliches berichtet. Lina Hähnle übertrug den politischen Ansatz über das Betriebliche hinaus auch auf den Naturschutz. Das vom Bund für Vogelschutz erworbene Schutzgebiet Federsee erhielt einen Steg, der es erlaubte, dass Menschen aus allen Kreisen die Natur und Landschaft erfahren und genießen konnten. Stärker noch als der Bund für Vogelschutz war es allerdings der Volksbund Naturschutz, der hier im Großraum Berlin-Brandenburg niedrigschwellige Angebote auch für Arbeiterinnen und Arbeiter machte. Das gilt natürlich auch für den "Touristenverein 'Die Naturfreunde'", der im Kern zum sozialdemokratischen Arbeiterkulturmilieu zählt.

Gerade auf dem Feld der sozialen Teilhabe ist im Naturschutz bis heute viel zu tun. So zeigen die Naturbewusstseinsstudien große Unterschiede zwischen den sozialökologischen und liberal-intellektuellen Milieus einerseits und den prekären Milieus andererseits. In unserer "Naturschutz-Offensive 2020 – Für biologische Vielfalt!" haben wir uns vorgenommen: "Die Teilhabe dieser sozial benachteiligten Gruppen an der Natur und am Dialog zur biologischen Vielfalt ist auch eine Frage der Gerechtigkeit in der Gesellschaft." Wir wollen "gerade diejenigen Menschen, die sich selbst eher als naturfern verstehen, [...] mit neuen Konzepten" ansprechen und gewinnen. Wir wollen das Thema Naturschutz und biologische Vielfalt auch stärker in die Stadtentwicklung einbringen, etwa im Rahmen vom Quartiersmanagement in sozial benachteiligten Vierteln. Dafür müssen wir wissen, welche Naturerfahrungen und welche Bedürfnisse nach Naturerfahrungen in den Quartieren vorliegen, um darauf aufbauend, ganz neue Konzepte zur sozialen Teilhabe am Naturerleben entwickeln zu können.

Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernahmen, profitierte der von Lina Hähnle geleitete Bund für Vogelschutz scheinbar davon. Gleichgeschaltet wie andere bürgerliche Vereine wandelten ihn die Nationalsozialisten zum "Reichsbund für Vogelschutz" um, in dem nun alle, auch bisher konkurrierenden Vogelschutzvereine zusammengefasst wurden. Lina Hähnle gab sich der Illusion hin, für den Vogelschutz im NS-System Freiräume erhalten zu können.

Der NABU hat 1999, als er sein hundertjähriges Bestehen feierte, die Zeit von 1933 bis 1945 besonders intensiv aufgearbeitet und sich zu seiner Verantwortung für das angepasste Verhalten des Verbandes zur damaligen Zeit bekannt. Lina Hähnle hegte persönlich keine Sympathien für das NS-Regime. Aber es blieb bei der inneren Distanz. Zumindest ein angeheiratetes Mitglied ihrer Familie trat der NSDAP bei. Ihr Sohn Reinhold wurde 1940 im Rahmen der "Euthanasie"-Verfolgung, der systematischen Ermordung so genannten "unwerten Lebens", ermordet.

Die heutige Veranstaltung fragt nach den "demokratischen Traditionen im deutschen Naturschutz". Es gab parallel zu den bürgerlich oder sozial ausgerichteten Gruppierungen auch ganz andere, die völkisch argumentierten, die auf einen autoritären Staat setzten und die vor allem das "Dritte Reich" nicht nur herbeisehnten und freudig begrüßten, sondern in dieser Zeit auch Schuld auf sich luden. Hierzu ist bereits vieles publiziert und gesagt worden. Ich erinnere an die vom Bundesumweltministerium 2002 geförderte Tagung "Naturschutz und Nationalsozialismus" der Stiftung Naturschutzgeschichte oder an die vom Bundesverband Beruflicher Naturschutz ausgerichtete Tagung "Naturschutz und Rechtsextremismus", die im März 2013 hier in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt stattgefunden hat.

Heute verfügt der Naturschutz über ein großes gesellschaftliches Konsenspotenzial. Deshalb sehen Rechtsextremisten in ihm erneut ein Einfallstor. Aber auch im Naturschutz dürfen wir Populisten und Extremisten keinen Raum geben! Wir stellen uns ganz bewusst in die demokratische Tradition des Naturschutzes. Danach ist es nur logisch, dass sich der Naturschutz als ein integrativer Akteur versteht. Er schließt niemanden aus – auch nicht Migrantinnen und Migranten und schon gar nicht Menschen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind. Es gilt das, was Lina Hähnle vor über hundert Jahren auf ein Flugblatt geschrieben hat: Naturschutz richtet sich "An Alle und Jeden!" Und Alle und Jede sind aufgefordert, im Naturschutz und in der Demokratie mitzutun.

Vielen Dank!

29.02.2016 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Berlin