BMUB Website

Navigation

Von hier aus koennen Sie direkt zu folgenden Bereichen springen:

  • Home
  • Presse
  • Reden
  • Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Konferenz "Planetare Grenzen"
https://www.bmub.bund.de/RE7026
24.04.2017

Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Konferenz "Planetare Grenzen"

Porträtbild von Barbara Hendricks
24.04.2017 | Nachhaltige Entwicklung

Hendricks: "Deutschland muss seinen ökologischen Fußabdruck auf ein verträgliches Maß reduzieren"

Internationale Konferenz berät über Konzept der planetaren Belastungsgrenzen

Rede von Dr. Barbara Hendricks zur Konferenz "Planetare Grenzen"

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Damen und Herren,

es freut mich sehr, dass unsere Konferenz auf ein derart großes Interesse stößt und dass so viele Gäste aus dem In- und Ausland zu uns nach Berlin gekommen sind. Deshalb zuallererst: Ein herzliches Willkommen!

Vielleicht hat der ein oder andere ja schon das Wochenende hier in Berlin verbracht und war auf der großen Demonstration am Samstag, dem "March for Science". Wer hätte das eigentlich bis vor ein paar Jahren gedacht? Wissenschaftler, deren Beruf es ist, in Laboren und Bibliotheken die Zusammenhänge unserer Welt zu erforschen, gehen auf die Straße, um wissenschaftliche Fakten gegen "Fakes" zu verteidigen.

Aber ohne Zweifel: Es ist nötig. Überall auf der Welt erleben wir, wie in der öffentlichen Diskussion die Grenze zwischen rationalen Argumenten und Debatten auf der einen und Bauchgefühlen und Behauptungen auf der anderen Seite verschwimmen.

Ich bekomme zum Beispiel häufig Briefe, in denen sich Bürgerinnen und Bürger über Chemtrails beschweren.

Für alle, die das zum ersten Mal hören:

Es gibt eine Szene in Deutschland, die behauptet, die Regierung lasse Chemikalien versprühen, um die Bevölkerung zu betäuben. Als "Beleg" schicken sie dann Fotos mit Kondensstreifen von Flugzeugturbinen. Und ich sage Ihnen: Je öfter man versucht, diese Leute zu überzeugen, dass das Unsinn ist, desto fester glauben sie daran. Neulich schrieb mir eine ältere Dame, die sich über Chemtrails beschwerte, wörtlich: "Dank der 'fake news' kommt endlich die Wahrheit ans Licht." Skurriler geht es ja nicht!

Wir alle haben die Aufgabe, den Stellenwert der Wissenschaft und den Wert des rationalen Argumentes offensiv zu verteidigen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Errungenschaften der Aufklärung im trüben Wasser der Beliebigkeit untergehen. Das bedeutet aber auch: Wissenschaft muss für diejenigen zugänglich sein, die sich mit anderen Dingen beschäftigen. Damit meine ich nicht, dass das Fachmagazin für koronare Chirurgie zwingend beim Friseur ausliegen sollte. Aber ich habe den Eindruck, dass manchmal zu wenig unternommen wird, damit wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse ihren Weg in die breite gesellschaftliche Debatte finden.

Den gleichen Vorwurf kann man übrigens auch dem einen oder anderen Politiker machen. Wenn wir uns wundern, dass notwendige Anliegen nicht genügend Unterstützung finden, dann müssen wir vielleicht nach überzeugenderen Argumenten suchen! Ein gutes Beispiel, wie wissenschaftliche Erkenntnisse für die öffentliche Debatte nutzbar gemacht werden können, ist das Konzept der Planetaren Grenzen von Prof. Rockström und seinen Kolleginnen und Kollegen.

Und, lieber Herr Prof. Rockström, es freut mich außerordentlich, dass Sie heute hier sind. Herzlich Willkommen auch Ihnen! Die Erkenntnis, dass die Belastbarkeit der Ökosysteme endlich ist, ist nicht neu.

Aber die Wechselwirkungen sind komplex. Ihr Konzept, lieber Herr Rockström, – und ich denke, deshalb ist es für die Wissenschaft und die Politik gleichermaßen gewinnbringend – veranschaulicht sehr klar die Wirkungen und Wechselwirkungen der wichtigsten ökologischen Prozesse.

Es macht außerdem deutlich, wie sehr der Mensch diese Systeme belastet und es weist auf Kipppunkte hin, an denen die Zerstörung der Umwelt irreversible Folgen erreicht. Ihr Konzept ist eingängig und sofort verständlich. Das ist bei einem so komplizierten Thema eine großartige Leistung!

Eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland unterstützt eine engagierte Umweltpolitik. Das heißt aber nicht, dass über umweltpolitische Maßnahmen nicht gestritten würde. Die Diskussion um unseren Klimaschutzplan ist so ein Beispiel. Da sagt mir der ein oder andere: "Klimaschutz ist wichtig. Aber ob die Erderwärmung jetzt auf zwei Grad oder drei Grad begrenzt wird, das ist doch egal." Es wird dann unterstellt, die Auswirkungen des Klimawandels würden linear, also quasi im Gleichklang mit dem Temperaturanstieg erfolgen. Das ist aber nicht der Fall.

Die zwei-Grad-Grenze basiert auf der wissenschaftlichen Annahme, dass oberhalb dieser Grenze – so genau können wir sie noch nicht bestimmen – vermutlich Kipppunkte überschritten werden, die die Dynamik des Klimawandels schlagartig beschleunigen. Zwei Grad, das bedeutet weder, dass die Gletscher aufhören zu schmelzen, noch dass der Meeresspiegel nicht weiter ansteigt.

Aber jenseits der zwei Grad steigt das Risiko enorm, dass Eiskörper wie zum Beispiel das arktische Meereis kollabieren, dass sich Strömungssysteme abrupt verändern und einzigartige Ökosysteme von globaler Bedeutung zusammenbrechen, wie zum Beispiel der Amazonas-Regenwald. Irgendwo um zwei Grad verläuft die Grenze zwischen einem Klimawandel, der beherrschbar bleibt und einem Klimawandel, an den sich Mensch und Natur nicht mehr anpassen können. Und übrigens: Wir stehen schon bei 1,2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Es sollte also niemand den Eindruck erwecken, wir könnten die Hände in den Schoß legen.

Wir sollten aber nicht nur auf den Klimawandel schauen, wenn es um die Umweltauswirkungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise geht. Betrachten wir den Verlust an Biodiversität, der ja immer dramatischere Formen annimmt: Die Rate des weltweiten Artensterbens ist heute hundert- bis tausendfach so hoch wie früher. Derzeit drohen rund 17.000 Arten weltweit auszusterben. Darunter sind rund 25 Prozent aller Säugetiere, zwölf Prozent der Vögel und 31 Prozent der Amphibien. Tiere wie der chinesische Flussdelfin, der Pyrenäen-Steinbock oder der Java-Tiger sind schon heute für immer verschwunden. Diese Verluste sind unwiederbringlich!

Aber auch bei der biologischen Vielfalt gibt es Stimmen, die sagen: "Was interessiert mich der Java-Tiger?"

Mal ganz abgesehen davon, dass es meinen moralischen Vorstellungen widerspricht, einen Teil des Schatzes unserer Natur als verzichtbar zu bezeichnen: Viele Arten sind für ganze Ökosysteme unverzichtbar. Deutlich wird das an unserer heimischen Biene. Von den 100 wichtigsten Pflanzenarten, die uns ernähren, werden 71 von Bienen bestäubt. Darunter fast alle Obstsorten. Die Biene ist allein für Deutschland ein milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor.

Das Problem: Die Zahl an Bienen nimmt dramatisch ab. In Teilen Deutschlands haben 40 Prozent der Bienenvölker den vergangenen Winter nicht überstanden. Dafür sind vermutlich verschiedene Faktoren verantwortlich: Befall durch Milben, aber auch die zunehmen milden Winter und Pflanzenschutzmittel. Die Folgen für unser Ökosystem sind dramatisch.

Zur Situation der Landwirtschaft in Deutschland habe ich in den vergangenen Wochen schon einiges gesagt. Sie ist eine der wesentlichen Ursachen dafür, dass die biologische Vielfalt abnimmt, Monokulturen entstehen und der Stickstoffeintrag in die Böden und in das Grundwasser ein Ausmaß angenommen hat, das von der Natur nicht mehr zu verkraften ist. Der Wandel zu einer nachhaltigen Landwirtschaft in Deutschland und Europa ist deshalb eine der wichtigsten umweltpolitischen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Unsere Problemanalyse darf dabei nicht an unserer Landesgrenze halt machen. Unser Lebensstil nimmt natürliche Ressourcen auf der ganzen Welt in Anspruch. Und das kann nicht das Wachstumsmodell sein, das wir den Schwellen- und Entwicklungsländern in Aussicht stellen. Wenn Erdbeeren für deutsche Supermärkte in Andalusien angebaut werden, wird dort das Trinkwasser knapp. Die Textilproduktion in Bangladesch führt zur Vergiftung ganzer Flüsse – mal ganz abgesehen von den zum Teil unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Oder denken wir an die enormen Flächen, die für die Landwirtschaft neu in Anspruch genommen werden.

2014 importierte Deutschland knapp fünf Millionen Tonnen Futtermittel, vor allem aus Südamerika. Die benötigte Anbaufläche betrug vier Millionen Fußballfelder. Die Folgen: Wald wird gerodet, Wasser wird knapp, Lebensräume werden zerstört, die biologische Vielfalt kleiner, die Menschen fliehen vom Land in die Städte. Wir leben nicht nur über unsere Verhältnisse, sondern auch über die Verhältnisse anderer Menschen, die nicht annähernd unseren Wohlstand genießen. Wenn wir solche "Verlagerungen" von Umweltbelastungen ins Ausland zulassen, dann relativiert das die umweltpolitischen Erfolge zu Hause und verursacht Krisen, deren Folgen auf uns zurückfallen werden.

Wir kommen aus einem Zeitalter, das spätestens seit der Industrialisierung von einer Naturvergessenheit geprägt ist. Fortschritt bedeutete lange, die Natur zurückzudrängen. Die Natur wurde als ein sich selbst irgendwie regulierendes System verstanden, das der Mensch für seine Zwecke praktisch unbegrenzt nutzen kann.

Dieses Naturverständnis können wir uns heute nicht mehr leisten. Nicht im Angesicht globaler Umweltkatastrophen, nicht im Angesicht von über zehn Milliarden Menschen, die bis zum Ende des Jahrhunderts vermutlich auf der Erde leben werden. Und die ein Recht auf ein Leben in einer intakten Natur, frei von Hunger und Armut haben.

Wir müssen heute einsehen, dass ein Leben in Frieden und Wohlstand nur möglich ist, wenn wir die Belastungsgrenzen unserer Umwelt respektieren. Bei uns und weltweit. Soweit uns der technische Fortschritt auch tragen mag, letztendlich bleiben wir ein Teil der Umwelt. Wir brauchen dafür ein ganzheitliches Verständnis von Fortschritt, zu dem auch ein aufgeklärtes Naturverständnis gehört.

Was bedeutet das konkret?

Erstens: Wir müssen in Deutschland unseren ökologischen Fußabdruck auf ein für uns und die Umwelt verträgliches Maß reduzieren. Dazu habe ich in meinem Integrierten Umweltprogramm viele Vorschläge gemacht. Wir sollten neben der Klimaneutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts eine Wirtschaftsweise anstreben, die alle ökologischen Belastungsgrenzen der Umwelt respektiert.

Zweitens: Wir sollten den großen Erfolg des Pariser Klimaabkommens zum Anlass nehmen, die internationale Kooperation auch auf anderen Gebieten der Umweltpolitik zu vertiefen. Gerade in einer Zeit, in der weltweit Spannungen und Unsicherheiten zunehmen, kann das gemeinsame Engagement für den Umweltschutz neue Brücken bauen. Zum Beispiel im gemeinsamen Kampf gegen Meeresmüll oder bei der Reduzierung der Stickstoffeinträge in die Biosphäre.

Große Aufgaben, für die wir Mut brauchen. Oft begegnet mir der Vorwurf, die Politik sei sowieso nicht in der Lage, die Umweltprobleme in den Griff zu bekommen. Aber das Gedächtnis dieser Menschen ist kurz. Die globalen Treibhausgasemissionen steigen seit drei Jahren nicht mehr weiter an.

Das Ozonloch schließt sich wieder, ein großer Erfolg des Montrealer Abkommens von 1987. 1995 gab es nur noch 2 500 Kegelrobben in der gesamten Ostsee. Heute sind es wieder über 30.000. Und im Rhein schwimmen wieder Fische.

Ja: Wir haben noch gewaltige Aufgaben vor uns. Es lohnt sich aber allemal, die Ärmel hochzukrempeln. Vielen Dank.

24.04.2017 | Rede Dr. Barbara Hendricks | Berlin