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17.11.2014

Rede von Jochen Flasbarth bei der "Biodiversity in Good Company" Konferenz

Porträt von Jochen Flasbarth
Rede von Jochen Flasbarth bei der "Biodiversity in Good Company" Konferenz

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Merck, sehr geehrter Herr Bartelt, meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute bei dieser spannenden Veranstaltung der Initiative Biodiversity in Good Company zu sein und – herzlichen Dank für die Einladung! 

Mit der 'Biodiversity in Good Company' Initiative, übrigens einer der ersten Initiativen dieser Art weltweit, verbindet mich sehr viel. 

Denn deren Gründung erfolgte in 2008 auf Betreiben des Bundesumweltministeriums. 

Damals war ich Leiter der Abteilung Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung und habe den Gründungsprozess und die Fortentwicklung eng verfolgt und mitgestaltet. 

Und ich freue mich darüber, dass so zahlreiche Unternehmensvertreterinnen und -vertreter der Einladung zu diesem Erfahrungsaustausch gefolgt sind. Warum ist nun die Erhaltung der Biodiversität wichtig und warum ist sie wichtig für Unternehmen? 

Biodiversität – das wissen hier die meisten – wird aus fachlicher Perspektive verstanden als Vielfalt der Arten, Vielfalt der Lebensräume und innerartliche genetische Vielfalt. Vereinfacht gesagt, ist die biologische Vielfalt  die Vielfalt des Lebens und der Lebensräume. 

Traurige Wahrheit ist, dass die biologische Vielfalt nicht nur bedroht ist, sondern seit Jahren abnimmt. Besonders rapide geschieht dies in einer Reihe von Entwicklungs- und Schwellenländern.  

Aber auch in Deutschland haben wir – trotz wichtiger Einzelerfolge – diesen Gesamttrend bisher nicht stoppen können. 

Experten gehen heute aber davon aus, dass die derzeitige Verlustrate weltweit 100-mal höher ist als der natürliche Schwund. Die Ursachen des Biodiversitätsverlustes sind vielfältig. Die wichtigsten Ursachen für den Rückgang der biologischen Vielfalt in Deutschland sind eine intensive land- und forstwirtschaftliche Nutzung, Zerschneidung und Zersiedelung der Landschaft, Versiegelung von Flächen sowie Stoffeinträge, vor allem der Eintrag von Nährstoffen.  

Weltweit sind der Verlust von natürlichen und naturnahen Ökosystemen vor allem durch Landwirtschaft und Rohstoffabbau, Flächeninanspruchnahme und Schadstoffemissionen Hauptursachen für den Biodiversitätsverlust – oft in dramatischem Ausmaß. 

Dies ist eine Herausforderung für die Politik – und zwar nicht nur für die Naturschutz- oder Umweltpolitik, sondern auch für andere Politikbereiche wie insbesondere die Agrarpolitik.  

Und es sind nicht nur die Naturschutzverbände, die von der Politik den Schutz und die Erhaltung der Natur einfordern. Denn für die breite Bevölkerung ist eine intakte und vielfältige Natur schön, faszinierend und einzigartig. Sendungen über Natur und Landschaften füllen die Programmspalten des Fernsehens. Menschen suchen Erholung und Entspannung in der Natur. 

Und deshalb wollen sie, dass die Politik die Natur erhält – nicht nur vor der Haustür, sondern auch weit hinterm Horizont zum Beispiel in Tropenwäldern oder in den Weltmeeren.  

Dass das Engagement bei Arten mit geringem "Kuschelfaktor" sehr viel geringer ausgeprägt ist, und dass das Verständnis für Naturschutz oft ganz schwindet, wenn er einer dringend gewünschten Umgehungsstraße entgegensteht, ändert nichts an diesem Grundbefund. 

Die Politik könnte diese teils sehr emotionalen Forderungen, die Vielfalt der Natur zu erhalten, ignorieren. Aber das wäre nicht klug. Denn es gibt auch ausreichend rationale Gründe, den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen.

Die biologische Vielfalt ist die Basis für eine Vielfalt von Leistungen von Ökosystemen für den Menschen.  

Dazu zählen die Bereitstellung von Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Energieträgern, der Schutz vor Naturkatastrophen wie Hochwasser, die Bereitstellung von Wirkstoffen für Arzneimittel und anderen nachwachsenden Rohstoffen sowie von Naturräumen für unsere Gesundheit und Erholung.  

Stabile und vielfältige Ökosysteme verkraften die Folgen des Klimawandels besser. 

Auf diese Ökosystemleistungen sind wir angewiesen. Deshalb wird sich eine rationale und vorausschauende Politik im Interesse aller für die Erhaltung der biologischen Vielfalt einsetzen.  

Aktuelle Studien zeigen, dass die Menschheit beim Biodiversitätsverlust den Rahmen verlässt, innerhalb dessen sie sich ohne schwerwiegende Auswirkungen bewegen kann. Dazu tragen wir in Deutschland mit unserem ökologischen Fußabdruck in erheblichem Maße bei. 

Mit ihren Ökosystemleistungen ist die biologische Vielfalt auch elementare Grundlage für die Wirtschaft. Dies bedeutet: Der Erhalt der Biologischen Vielfalt ist ökonomisch sinnvoll. Die internationale TEEB-Studie [The Economics of Ecosystems and Biodiversity] hat gezeigt, dass der Raubbau an der Natur weltweit Billionen verschlingt, gleichzeitig übersteigt der Wert der Ökosystemleistungen die Kosten der Erhaltung der Natur deutlich. Intakte Ökosysteme erbringen ökonomische Leistungen, für die sonst kostenintensive technische Lösungen erforderlich wären oder hohe gesellschaftliche Kosten anfallen. 

Ganze Branchen wie die Land- und Forstwirtschaft, die Pharmaherstellung oder der Tourismus hängen direkt von der Natur ab. Aber auch viele andere Branchen – viele sind heute hier vertreten –  profitieren von Leistungen der Natur.  

Natur ist auch Naturkapital; und wie für jedes Kapital gilt, dass wir auf Dauer unser Kapital nicht aufzehren dürfen, ohne es später schmerzlich spüren zu müssen. Aktuelle Beispiele für Deutschland stellt die TEEB Nachfolgestudie für Deutschland "NATURKAPITAL DEUTSCHLAND – TEEB DE" dar. 

Warum ist die politische Herausforderung, die biologische Vielfalt zu erhalten auch für Unternehmen von Bedeutung?  

Zunächst ist es für ein Unternehmen und auch für eine ganze Branche zentral, die eigenen Produktions-grundlagen zu erhalten.  

Dies ist unmittelbar einsichtig. Allerdings tritt der Verlust des Naturkapitals in vielen Fällen nicht beim einzelnen Unternehmen, sondern eher auf volkswirtschaftlicher beziehungsweise sogar globaler Ebene ein.  

Trotzdem würde ein verantwortungsvolles Management sich mit dieser Herausforderung dennoch frühzeitig auseinandersetzen – wie dies auch in immer mehr Unternehmen geschieht.  

Da die Folgen des Verzehrs des Naturkapitals Politik wie Unternehmen betreffen und nicht davon ausgegangen werden kann, dass das Problem sich von selbst löst, bietet es sich an, in eine lösungsorientierte Diskussion zwischen Politik und Wirtschaft über die Risiken und über die richtigen Gegenmaßnahmen einzutreten.  

Um hier mitwirken zu können, ist für Unternehmen ein frühzeitiges Auseinandersetzen mit dem Thema sicher hilfreich. 

Unternehmen werden aber ebenso wie die Politik auch mit Forderungen der Bürger konfrontiert – in der Politik erfolgt dies an der Wahlurne, bei Unternehmen an der Kasse.  

Verbraucher und Verbraucherinnen achten zunehmend, wenn auch zugegebener Maßen nicht immer kohärent, auf die Auswirkungen von Produkten und Produktionsprozessen auf Arten und Lebensräume.  

Wenn ein Unternehmen keinen Überblick über diese Auswirkungen der eigenen Produkte und Prozesse hat, geht es ein hohes Risiko plötzlicher Umsatzrückgänge und eines langfristig wirkenden Imageverlustes ein. 

Da es in Deutschland ein ausgefeiltes Umwelt- und Naturschutzrecht gibt, liegen in vielen Fällen die größeren Risiken im doppelten Sinne "hinter dem Horizont". Die Naturzerstörung findet zum einen räumlich weit weg statt, zum anderen findet sie in weit vorgelagert in der Lieferkette jenseits des unmittelbaren Einflussbereichs des Unternehmens statt.  

Oft ist noch nicht einmal bekannt, wer wo die Rohstoffe und Vorprodukte erstellt. 

Dies ist eine Herausforderung für das Management. Allerdings ist sie nicht auf den Bereich der Biodiversität beschränkt.  

Ein wirksames Nachhaltigkeitsmanagement erfordert generell Managementinstrumente, die über die Lieferkette hinweg wirken.  

Und da stehen wir ja auch nicht am Anfang – viele Unternehmen, Wirtschafts- und Umweltverbände in Deutschland und weltweit arbeiten daran.  

Spezifisch für den Bereich der Biodiversität ist die Schwierigkeit, Wirkungen zu bemessen.  

Dies liegt an der Komplexität der belebten Natur, die sich nur schwer erfassen lässt.  

Aber auch hier gibt es vielversprechende Ansätze. Ich gehe davon aus, dass die Biodiversität über kurz oder lang Einzug in die betrieblichen Managementsysteme halten wird. Wer rechtzeitig am Ball ist, hat sicher Vorteile. 

Lassen Sie mich noch einige weitere Gründe nennen, warum es vorteilhaft ist, wenn Unternehmen sich mit dem Thema beschäftigen: Eine naturnahe Gestaltung der Firmenflächen und -gebäude sowie ein Engagement für den Naturschutz kommen nicht nur bei Kunden und in der Bevölkerung gut an.  

Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden es zu schätzen wissen. 

Weiterhin könnte das Unternehmen dadurch für potentielle Bewerberinnen und Bewerber interessant werden. Vor allem, wenn sich die Anzahl geeigneter und qualifizierter Kräfte infolge der sich abzeichnenden demografischen Entwicklung bald einschränken wird. 

Wenn man sich mit dem Thema biologische Vielfalt befasst, kann auch die Kreativität zur Vermarktung von Produkten angeregt werden oder gar neue Produkte, eventuell sogar neue Geschäftsfelder, entstehen.  

Die Mitgliedsunternehmen von Biodiversity in Good Company haben diese Chancen früh erkannt und engagieren sich in besonderer Weise für die Erhaltung der biologischen Vielfalt.  

In der Initiative schlossen sich Vorreiterunternehmen zusammen, die wichtige Pionierarbeit zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt auf nationaler und internationaler Ebene leisten.  

Gegenwärtig sind das 24 Partnerunternehmen vom mittelständigen Unternehmen bis zu Großkonzernen. Die Initiative ist seit 2011 ein gemeinnütziger eingetragener Verein und wird aus Mitgliedbeiträgen finanziert. Zusätzlich konnten erfolgreich Projektfördermittel eingeworben werden.  

Die 'Biodiversity in Good Company' Initiative baut ihr Netzwerk an Partnerschaften und Kooperationen fortlaufend aus. 

Die Initiative ist von Anfang an international ausgerichtet und hat weltweit eine Vorreiterrolle eingenommen.  

Das gilt auch für die Anforderungen, denen sich die Mitgliedsunternehmen stellen. Inzwischen gibt es in einer Reihe anderer Staaten innerhalb der EU und darüber hinaus vergleichbare Initiativen.  

In den entsprechenden Zusammenschlüssen auf EU- und internationaler Ebene ist die Initiative im Sinne einer weltweiten Vernetzung aktiv. Davon profitieren wiederum die Mitgliedsunternehmen. Es ist mir heute ein besonders Anliegen, dafür zu werben, dass noch weitere Unternehmen der Initiative beitreten.  

Hier haben Sie die besten Voraussetzungen, um an der Gestaltung der Aktivitäten um den Schutz der biologischen Vielfalt auf der ganzen Breite und Palette mitzuwirken und diese zu gestallten. Zudem bekommen Sie aktuelle Informationen zeitnah und können Ihr unternehmerisches Netz ausbauen. 

Lassen Sie mich noch kurz auf das Projekt "Unternehmen Biologische Vielfalt 2020" eingehen, das beispielhaft demonstriert, wie die von mir angesprochene lösungsorientierte Diskussion zwischen Politik und Wirtschaft über die Risiken des Biodiversitätsverlustes und über die richtigen Gegenmaßnahmen aussehen kann. 

Zur Umsetzung der 2007 von der Bundesregierung beschlossenen "Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt" hat das Bundesumweltministerium einen breit angelegten Dialogprozess mit allen relevanten Akteursgruppen begonnen.  

Im Bereich der Wirtschaft führte dies 2013  zur Gründung der Verbändeplattform "Unternehmen biologische Vielfalt 2020". 

Auf dieser langfristig angelegten Dialog- und Aktionsplattform engagieren sich BMUB, BfN, Wirtschaftsverbände und Naturschutzorganisationen für eine Trendwende beim Verlust der biologischen Vielfalt. 

Unterstützer sind unter anderem BDI, DIHK, BMWi, 'Biodiversity in Good Company', econsense, Global Nature Fund, NABU und WWF Deutschland.  

Zwischenzeitlich sind es schon 18 Unterstützer, weitere Anmeldungen liegen bereits vor.  

An dieser Stelle möchte ich die gute partnerschaftliche Zusammenarbeit der so unterschiedlichen Akteure loben, der so noch eher selten ist. Über die klaren Bekenntnissen der Spitzenverbände der Wirtschaft zur Erhaltung der biologischen Vielfalt bin ich sehr froh. 

Die erfolgreiche und kompetente Arbeit der 'Biodiversity in Good Company' Initiative war und ist der Grund, weshalb das Projekt als Koordinierungsstelle beauftragt wurde. Den handelten Personen danke ich für ihr Engagement. 

Ich erhoffe mir auch von dieser Veranstaltung Impulse und Erkenntnisse, die die Vorteile für unternehmerisches Engagement zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und deren nachhaltigen Nutzung deutlich machen.  

Bitte nutzen sie die Chance und beteiligen sie sich an den heutigen Diskussionen. 

Ich danke der 'Biodiversity in Good Company' Initiative und der Otto Group für die Ausrichtung dieser Veranstaltung und wünsche dafür einen guten und erfolgreichen Verlauf.

17.11.2014 | Rede Jochen Flasbarth | Hamburg