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31.01.2017

Rede von Jochen Flasbarth beim 8. Nationalen Forum zur biologischen Vielfalt

Porträt von Jochen Flasbarth
31.01.2017 | Naturschutz/Biologische Vielfalt

Mehr Natur in den deutschen Wald!

BMUB stärkt Dialog zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft

29.02.2016 | Naturschutz/Biologische Vielfalt

Die Wutachschlucht – Paradebeispiel für natürliche Waldentwicklung

Rede von Jochen Flasbarth beim 8. Nationalen Forum zur biologischen Vielfalt

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Frau Gadow,
sehr geehrter Herr Dr. Gehb,
Frau Ministerin Siegesmund,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Aeikens,
lieber Hubert Weiger,
lieber Herr Schirmbeck,
meine Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

in der Tat, Barbara Hendricks hat es – man glaubt es zwar nicht, wenn man sie kennt – die Sprache verschlagen, sie kann also heute leider nicht hier sein.

Nun ist es so, lieber Herr Aeikens, ich glaube, das kennen Sie auch: Manchmal springt man ein für den Minister, für die Ministerin, pflichtschuldig. Ja, dann macht man es halt, weil man dann in der zweiten Reihe steht. Und manchmal macht man es eben richtig gerne, und so geht es mir heute.

Viele, die mich kennen wissen, dass mir das Thema sehr am Herzen liegt. Neben anderen Themen, die man eben auch machen muss, gibt es immer Dinge, die einem besonders wichtig sind. Das Thema Naturschutz, Biodiversität und dann auch noch an der Schnittstelle zum Wald, gehört ganz gewiss dazu.

Das achte "Nationale Forum zur biologischen Vielfalt" zeigt: Wir sind lange im Bereich der Tradition. Sie geht zurück auf die Zeit, als vor gut neun Jahren die nationale Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung verabschiedet wurde.  Dies geschah damals rechtzeitig vor der großen internationalen Konferenz in Bonn des Übereinkommens über die biologische Vielfalt der UN. Und natürlich gehörte es sich, dass wir dazu auch eine ordentliche nationale Biodiversitätsstrategie vorlegen. Und ich kann mich erinnern: Der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel war gerade wenige Tage im Amt, als ich zu ihm kam und sagte: "Sie müssen jetzt entscheiden, ob wir 2008 zur Biodiversitäts-Konferenz nach Deutschland einladen". Er fragte darauf: "Na ja, was heißt denn das und was spricht eigentlich dagegen?" Ich antwortete ihm: "Nichts, außer dass Sie eine gute Naturschutzpolitik machen müssen in dieser Legislaturperiode." Und dazu gehörte eben auch diese Strategie, die wir 2007 verabschiedet haben. Die Strategie hat sowohl im eigenen Land, aber auch weltweit große Anerkennung erfahren, weil sie sehr systematisch angelegt ist. Sie ist eine klare, saubere Analyse, eine Herleitung von strategischen Zielen und unterlegt mit konkreten Handlungszielen und Maßnahmen. Das hat Maßstäbe gesetzt. Konkrete Zeiträume und quantifizierte Ziele haben für Politik gelegentlich aber auch Nachteile: Was man konkret aufschreibt, ist auch konkret überprüfbar und bleibt nicht im Unverbindlichen. Trotzdem wurde unsere Nationale Strategie dann übrigens auch die Blaupause für die internationale Naturschutzstrategie der CBD, die Aichi-Ziele.

Ministerin Hendricks hat zu Beginn dieser Legislaturperiode zu verschiedenen Themenfeldern eine Eröffnungsbilanz gemacht, zum Klimaschutz, aber auch zum Thema biologische Vielfalt. Sie wollte von ihrem Haus wissen: Wo stehen wir denn eigentlich? Was haben wir von den bislang gesetzten Zielen erreicht, was ist noch zu tun? Sie alle wissen, dass wir neben etlichen Fortschritten, die wir gemacht haben, in vielen Bereichen  noch hinterherhinken und noch nicht auf der Erfolgsgeraden  für 2020  sind.

Vor diesem Hintergrund hat Ministerin Hendricks in 2015 die Naturschutz-Offensive gestartet. Wir sind im Ministerium zu dem Ergebnis gekommen: Es macht keinen Sinn, eine neue Strategie zu erarbeiten für 2025 oder 2030, sondern was es zu tun gilt, ist zu schauen: Wo haben wir bisher unsere Ziele nicht erreicht? Wo werden wir sie absehbar nicht erreichen und was müssen wir eigentlich tun, um sie zu erreichen und um auf Erfolgskurs zu kommen?

Eines der Themen, bei denen wir noch nicht da sind, wo wir sein sollten und wo noch etwas zu tun ist, ist das Thema Wald. In der Tat, Herr Dr. Gehb, Sie haben das schon richtig gesagt: Es wird viel auf dieses Thema projiziert. Deutschen wird ein besonderes Verhältnis zu ihrem Wald nachgesagt. In unserer Kultur spielt er eine große Rolle, zum Beispiel in Märchen. Anja Siegesmund weiß das aus Thüringen am besten: In der Literatur in der Romantik spielt das eine große Rolle. Das hat prägenden Charakter für unsere Gesellschaft. Es ist auch immer wieder gesagt worden, und ich sage es heute auch gerne wieder, dass der gesamte heutige weltweite Nachhaltigkeitsdiskurs seinen Ursprung in Deutschland hat - und das nimmt die deutsche Forstwirtschaft zu Recht für sich in Anspruch. Und wann immer man diese furchtbare Inflationierung des Nachhaltigkeitsbegriffes hört, dann muss man sich einfach die simple Tatsache vor Augen führen, was "Nachhaltigkeit" ursprünglich mal hieß: Nicht mehr ernten, als nachwächst, mit den Ressourcen so schonend umgehen, dass nachfolgende Generationen auch etwas davon haben, weitsichtig sein, nicht nur an die eigene Generation denken - das wissen Förster seit jeher. Und ich glaube, es tut uns gut, nicht nur den allgemeinen Nachhaltigkeitsbegriff, sondern auch die Nachhaltigkeitsdebatte zum Wald wieder an diesen Ursprüngen zu messen.

Das dritte Stichwort, das ich nennen möchte, ist "le Waldsterben". Das Wort hat es in den 1980er Jahren als deutsches Fremdwort ins Französische geschafft. Wir freuen uns immer, wenn deutsche Begriffe in andere Sprachen einziehen - "Energiewende" wird im Englischen hoffentlich eine größere Lebensdauer haben als "le Waldsterben", denn "le Waldsterben" ist in weiten Teilen erfolgreich gelöst. Gelegentlich wird ja von -Kritikern der Umweltpolitik gesagt: "Na, da haben die Umweltschützer mal wieder übertrieben. Damals hieß es, der Wald stirbt, und jetzt ist er erkennbar noch da." Dies verkennt, dass es eine engagierte und ganz aktive Umweltpolitik gewesen ist, die den Wald eben wieder gerettet hat. Die Großfeuerungsanlagen-Verordnung, übrigens unter Friedrich Zimmermann umgesetzt, war damals einer der großen Meilensteine von Umweltpolitik. Ohne eine solche gestaltende Umweltpolitik fährt man eben auch keine Erfolge ein. Frau Gadow [Moderatorin der Veranstaltung] hat uns gebeten, Gemeinsamkeiten zu suchen.  Dass der Luftverunreinigung Einhalt geboten werden muss, da habe ich die "Waldfamilie" und die "Naturschutzfamilie" immer ziemlich nah beieinander gesehen.

Die Bedeutung des Waldes ist für Deutschland sehr groß, ökologisch wie auch ökonomisch. 11,4 Millionen Hektar Wald haben wir an Abdeckung in Deutschland, das ist ein Drittel der Landesfläche. In den letzten zehn Jahren ist sogar ein bisschen was dazugekommen: 50.000 Hektar. Man könnte sagen: Wir sind doch eigentlich auf einem ganz guten Kurs. Nun muss man aber genau hineinsehen: Was haben wir denn erreicht und was sind die Probleme, die noch ausstehen?

"Achtung: Wald!": Ich finde das ein besonders gutes, gelungenes Motto. "Achtung haben" vor dem Wald, das ist eigentlich die Hauptintention dieses Imperativs: Achtung vor der biologischen Vielfalt, für die der Wald ein Hort ist, vor der Filter- und Pufferfunktion, was Luft- und Wasserreinhaltung angeht, was Schutz vor Gefahren aus den Bergen wie Erdrutsche und Lawinen angeht, die Klimaschutzbedeutung, die Bedeutung natürlich als Holzproduzent, als Arbeitsplatz, als Wirtschaftsfaktor und nicht zuletzt für die Erholung und für die Inspiration. Soweit die Harmonie.

Wald ist aber auch ein Streitthema. Der Saal ist voll. Sie hatten mich anfangs gefragt: Wie ist eigentlich das Verhältnis Schützer und Nutzer? Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Das werden wir vielleicht irgendwann im Lauf der Diskussion an den Beifällen mitbekommen. Jedenfalls ist meine Beobachtung, und ich beschäftige mich mit dem Thema ja schon seit ich noch beim NABU war, dann beim UBA und jetzt auch wieder, dass die Umweltschutzgemeinde und die Forst- und Waldgemeinde eine geradezu wollüstige Neigung dazu haben, sich zu beharken. Als wir zum Beispiel über den Klimaschutzplan diskutiert haben im letzten Jahr, ist mir das aufgefallen. Wir haben durchaus schwierigere Branchen gehabt, wenn ich an Kohle denke, oder an Stahl, an den Verkehrssektor, aber beim Thema Wald ging es in den Anhörungen immer gleich besonders heiß her  .

Ich habe das zum Anlass genommen, heute Morgen noch einmal in den Klimaschutzplan zu sehen: Auf was haben wir uns denn dort geeinigt? Ich finde eigentlich, dass das alles ganz ordentlich ist, was wir da aufgeschrieben haben: Wir haben klare Zielperspektiven formuliert, wie wir mit dem Wald mit Blick auf den Klimaschutz umgehen. Aber bei den Gesprächen habe ich dann auch gemerkt: Es ging eigentlich gar nicht um den Klimaschutz. Ich habe Herrn zu Guttenberg, den Vorsitzenden der AGDW und andere Waldverbände, Forstverbände zu einem Gespräch eingeladen und wir haben ganz schnell festgestellt: Das eigentliche emotionale Thema ist nicht Klima, sondern die biologische Vielfalt und der Naturschutz. Hiergehen die Vorstellungen eben doch noch auseinander. Da müssen wir noch ein bisschen ringen und es mit solchen Veranstaltungen wie dieser näher zueinander bekommen.

Wie ist nun das Ziel der nationalen Biodiversitätsstrategie? Ich glaube, da ist man mitten in dem Streitthema drin. Es heißt, fünf Prozent der Waldfläche sollen der natürlichen Waldentwicklung überlassen werden. Bei der öffentlichen Hand soll es mehr sein, nämlich zehn Prozent. Die simple Frage ist: Ist es eigentlich vernünftig, vielleicht sogar geboten, oder völlig irrational und unvernünftig, dass wir einen Teil unseres Waldes nicht nutzen? Da sage ich ganz klar: Ja, es ist richtig, es ist aus meiner Sicht sogar unabdingbar, dass auch wir in unserem hochindustrialisierten Land uns einige Flächen leisten, in denen wir die Natur eben auch sich selbst überlassen. Das verlangen wir doch wie selbstverständlich auch von Brasilien in seiner Amazonasregion. Das erwarten wir von Tansania, damit die Wildnis in den Savannen und ihre charismatischen Wildtiere erhalten bleiben. Auch in diesen Ländern gibt es natürlich Möglichkeiten, die Fläche anders zu nutzen. Für Brasilien ist es im Augenblick immer noch einer der Wachstumsmotoren, Land nutzbar zu machen und es eben der Natur zu entringen. Sie führen das nun schrittweise zurück. Und da regen wir uns – "uns" meine ich jetzt kollektiv als Gesellschaft – hier im saturierten Europa immer relativ leicht auf und sagen: "Mensch, die gehen schon wieder mit der Axt oder mit dem Feuer an den Regenwald heran." Ich glaube, wir in Deutschland, in Mitteleuropa, haben eine Verantwortung eben für unsere Art von Wildnis, für unsere Art von natürlichen Lebensräumen. Wir haben die Aufgabe, Platz dafür zu schaffen – und dafür sind fünf Prozent aus unserer Sicht gewiss nicht zu viel. Zehn Prozent davon, ich sagte es, wird die öffentliche Hand beitragen sollen. Der Bund liegt schon bei 20 Prozent und einer der wesentlichen Gründe dafür sind die etwas über 150.000 Hektar, die wir als Bund dem Nationalen Naturerbe zur Verfügung gestellt haben.

Lieber Herr Dr. Gehb, da muss ich sagen: Ich hätte mir das früher so nicht vorstellen können. Wenn ich mir überlege, dass wir in dieser Legislaturperiode einen nicht unerheblichen Teil in die sogenannte Bundeslösung gegeben haben, also beim Bundesforst belassen, das wäre vor zehn oder 15 Jahren sowas wie eine Kriegserklärung gewesen. Da hätte man gesagt: Wir geben doch "denen" nicht die Zuständigkeit für Natur. Ja, das Misstrauen war damals noch riesengroß. Herr Brinkmann, ich habe mich sehr gefreut, als ich zu Beginn der Legislaturperiode bei einer Veranstaltung des NABU alle habe friedlich nebeneinandersitzen sehen, Bundesforst und Naturschützer. Und beide waren mit dieser Lösung doch sehr zufrieden, weil einerseits verstanden worden ist: Das ist auch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe und sie ist neben dem, was Stiftungen, was Länder tun, auch in staatlicher Hand gut aufgehoben, eben auch als Verantwortung des Bundes. Und dass auch bei den Naturschutzverbänden so großen Anklang findet, was der Bundesforst an Leistungen erbringt, ist, glaube ich, eine Auszeichnung für das staatliche Tun im Wald auf Bundesebene.

Wie schön wilde Landschaften aussehen können, das werden wir heute Nachmittag bei der Premiere des Kurzfilms "Wildnis in Deutschland" sehen. Ich glaube, darauf können wir uns alle freuen. Ich habe ihn schon gesehen. Der Film bringt uns den Wald auch noch mal von dieser wilden Seite besonders nahe. Ministerin Hendricks hat immer wieder ausdrücklich gesagt und deutlich gemacht: Das, was wir von der öffentlichen Hand verlangen, verlangen wir nicht vom Privatwald. Es wird keinen Zwang geben, es wird kein Gesetz geben, dass Privatwald stillgelegt werden muss. Hier setzen wir auf Freiwilligkeit und auf Kooperation. Wir wollen dazu die Instrumente erweitern. Wir haben gemeinsam mit dem BMEL für die Reform der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz gerungen. Das ist gut gelungen, wie ich finde, und da sind neue Ansätze auch für den Vertragsnaturschutz im Wald.

Lassen Sie mich abschließend noch etwas sagen zum Verhältnis von Biodiversitätsschutz und Klimaschutz, weil mir in den letzten Monaten deutlich geworden ist: Hier wird etwas gegeneinandergestellt, was definitiv nicht gegeneinander gehört. Die These heißt: Wir können doch nicht auf die Nutzung von Wald verzichten und sei es auch nur auf fünf Prozent, weil wir doch hier in einer besonders nachhaltigen und auch klimaschonenden Weise wirtschaften können und auch Produkte hervorbringen können, die klimafreundlich sind – beispielsweise den Werkstoff Holz, der  im Vergleich zu anderen weniger energieintensiv ist. Das ist ja alles richtig, aber schließt sich doch wirklich nicht aus. Wir können auf fünf Prozent die Natur sich selbst überlassen, das ist über die lange Linie gut für das Klima, und wir können den Rest vernünftig nutzen. Und das wirklich nachhaltig zu tun, so, dass wir gute Einkommen in der Forstwirtschaft erzielen, dass wir ordentlich damit wirtschaften können, dass es ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in den ländlichen Regionen ist, wo wir ja gerade auch diese Arbeitsplätze dringend brauchen, dass wir hier auch etwas für den Klimaschutz über die Produktseite tun können, das alles ist richtig.

Dabei werden wir, und auch das haben wir im Klimaschutzplan festgelegt, uns noch mal gemeinsam genauer ansehen müssen, n welcher Weise wir eigentlich vernünftig Holz nutzen. Ob die sehr starke energetische Nutzung auch schon zu Beginn die richtige Herangehensweise ist, ob wir nicht schrittweise mehr für die Nutzung als Werkstoff tun können in langlebigen Produkten. Wir als Bauministerium wissen, dass uns da auch eine Verantwortung zuwächst, weil Holzbauweisen noch nicht überall in dem Umfang leicht genutzt werden oder angewendet werden können, und hier noch an verschiedenen Stellen Hürden entgegenstehen. Das ist eine Aufgabe, die wir auch als Umwelt- und Bauministerium annehmen wollen, und dass dann am Ende einer Kaskade die energetische Nutzung überhaupt nicht ausgeschlossen, ja vernünftig ist, das will ich hinzufügen.

Ich bin davon überzeugt: Es kann gelingen, dass wir Forstwirtschaft, Naturschutz und Klimaschutz in einer großen Allianz zusammenbringen. Das heißt nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern das heißt auch Streit und Ringen. Aber ich bin davon überzeugt: Es lohnt sich. Und ich hoffe, dass diese Veranstaltung dazu einen Beitrag leistet.

31.01.2017 | Rede Jochen Flasbarth